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Hinterland Ein Berufsleben für die Jugendhilfe
Landkreis Hinterland Ein Berufsleben für die Jugendhilfe
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12:58 13.02.2021
Heinz Jürgen Göbel geht Ende Februar als Leiter des Regionalzentrums Biedenkopf des Elisabeth-Vereins in den Ruhestand.
Heinz Jürgen Göbel geht Ende Februar als Leiter des Regionalzentrums Biedenkopf des Elisabeth-Vereins in den Ruhestand. Quelle: Mark Adel
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Biedenkopf

Am Anfang war der Staffelberg. Eine kasernenartige, längst nicht mehr zeitgemäße Unterbringung hilfebedürftiger Jugendlicher. Dann kam Heinz Jürgen Göbel – und weitete das Angebot des Marburger St. Elisabeth-Vereins im Hinterland und weit darüber hinaus aus. Nun geht der Leiter des Geschäftsbereichs Biedenkopf des sozial-diakonischen Trägers in den Ruhestand.

„Ich hätte gerne mit meinen Kollegen ein kleines Abschiedsfest gefeiert.“ Und sicherlich hätte man sich dabei viel zu erzählen gehabt. Seit 2002 war er in Biedenkopf, zog damals mit dem Elisabeth-Verein in die ehemalige Polizeistation nahe der Grundschule. Damals hatte Göbel, der aus Deuz bei Netphen stammt und dort bis heute lebt, schon einige Erfahrung in der Kinder- und Jugendhilfe gesammelt.

Dabei hatte er nach der Schule zunächst einen ganz anderen Weg eingeschlagen: Er wurde zunächst Stahlbauschlosser und Technischer Zeichner. Das Handwerk hat er als Hobby behalten, mit einer kleinen Werkstatt zu Hause. Doch beruflich wollte er bald etwas anderes machen: „Ich habe gemerkt, dass ich gerne mit Menschen zusammenarbeite“, sagt Göbel.

Mit 28 schon Erziehungsleiter

Er studierte Sozialpädagogik und fand in der Jugendarbeit seinen Beruf und die Berufung. Der erste Job führte ihn nach Hamburg: Er baute in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie eine Werkstatt für seelisch kranke Jugendliche auf, arbeitete sich schnell zum Erziehungsleiter hoch – mit erst 28 Jahren. Kurzzeitig arbeitete er in einer Tagesklinik in Köln, dann wechselte er nach Freudenberg und war dort fast 15 Jahre lang in der Kinder- und Jugendhilfe tätig.

Als stellvertretender Regionalleiter rief er innovative Projekte ins Leben. Aber dann wollte er noch mal was Neues machen, sich beruflich verändern. Im April 2002 kam er zum St. Elisabeth-Verein, wurde Regionalleiter für Biedenkopf – damals waren die Angebote des ehemaligen Staffelberges gerade erst zum Verein gekommen, und das Hinterland bildete noch einen überschaubaren Bereich im Elisabeth-Verein. Eine seiner ersten Aufgaben war, den Übergang der Wohngruppen von der alten Erziehungseinrichtung am Staffelberg hin zur Trägerschaft des Vereins mit modernen Konzepten einzuleiten.

„Es bot sich damals an, eine neue Entwicklung zu beginnen“, erinnert er sich. Zunächst galt es, die am Staffelberg weggefallenen Stellen zu sichern. Im Hinterland bot der Verein damals nur drei Wohn- und eine Tagesgruppe an, unter Göbel kam der Umbruch zu ambulanter, flexibler Betreuung – der Bedarf war vorhanden.

Zahlreiche Projekte auch in anderen Orten des Hinterlands

Im Oktober 2002 zog der Verein in das alte Polizeigebäude, das vorher vom Diakonischen Werk genutzt worden war. Anfangs nutzte der Elisabeth-Verein nur eine Etage. Nach und nach folgten weitere Büroräume und eine Wohngruppe. Inzwischen wird das gesamte Gebäude für die Kinder- und Jugendhilfe genutzt.

Der Verein baute unter Göbels Führung zudem ein Jugendzentrum auf und übernahm 2003 die Jugendarbeit für die Stadt Biedenkopf. „Das war ein sehr wichtiger Schritt“, sagt Göbel. Der Verein kam mit Schulen in Kontakt, übernahm beispielsweise die Sozialarbeit und einzelne Projekte zunächst an der Hinterlandschule, im Laufe der Zeit an mehr als 25 Schulen weit über das Hinterland hinaus: „Das waren Angebote, die in der Region gebraucht wurden“, sagt der Sozialpädagoge.

Zahlreiche Projekte wurden auch durch die mobile Jugendarbeit in anderen Orten des Hinterlands durchgeführt. Ferienspiele beispielsweise, Mädchentreff in Gladenbach, Jugendarbeit in Breidenbach oder auch das Keltenhausprojekt in Hommertshausen. „Dort geschah das, was wir heute als Inklusion bezeichnen: Kinder, Jugendliche und Dorfbewohner arbeiteten mit Experten gemeinsam, verwirklichten ein originalgetreues Lehmhaus, führten Theaterprojekte durch“, erklärt Göbel.

Durch die regionalen Angebote konnte der Elisabeth-Verein expandieren: Viele Einrichtungen bestehen mittlerweile im nördlichen Lahn-Dill-Kreis rund um Dillenburg. Auch im Main-Kinzig-Kreis entwickelte der Verein von Biedenkopf aus stationäre Angebote während der Flüchtlingswelle. Innerhalb von eineinhalb Jahren wurden mehr als 70 Plätze für unbegleitete ausländische Jugendliche geschaffen. „Das war recht erfolgreich“, sagt Göbel.

Viele Pläne für Ruhestand

Eines seiner letzten Projekte ist die Einrichtung einer Mutter-Vater-Kind-Einrichtung mit 28 Plätzen in Dillenburg. „Die Idee schleppte ich seit 20 Jahren mit mir rum“, verrät er. Kinder und Jugendliche zu stärken, sie zu fördern und ein gesundes Aufwachsen zu ermöglichen, das gehört überall zu den wichtigsten Zielen. Dabei die Familien im Blick behalten, erfordert eine professionelle Haltung der Fachkräfte.

„Und die besonderen Aufgaben des Kindesschutzes in Zusammenarbeit mit den Jugendämtern gehören zu unseren Pflichten, wenn besondere Not besteht und Kinder vor schlimmen Situationen bewahrt werden müssen“, sagt Göbel

Durch all die Projekte und Angebote ist das Angebot im Hinterland gewachsen, und damit auch der Elisabeth-Verein: Zu Göbels Start arbeiteten gut 25 Menschen in Biedenkopf und den Außenstellen im Hinterland. Heute sind es knapp 200 in den von dort betreuten Bereichen. „Kinder- und Jugendhilfe muss modern aufgestellt sein. Das war mein fachliches Interesse“, sagt Göbel. „Dass das in drei Regionen geschehen ist, war zunächst nicht mein Ziel.“

Ideen hat er noch. „Ich habe die Schubladen voller Konzepte.“ Die sollen ab März andere umsetzen. „Aber der Abschied fällt mir schon ein bisschen schwer“, sagt Göbel. Den Ruhestand tritt er mit 65 Jahren an und freut sich auf mehr Zeit für die Familie. Er spielt Posaune in der Siegener Uni-Bigband und will sich weiter im heimischen Schwimmbadverein einbringen. Für den baut er zum Beispiel Geländer und Bänke, stabil und schwer, aus Stahl, ewig haltbar. Heinz Jürgen Göbel sieht Parallelen auch zu seiner Arbeit: „Die Solidität verbindet sich mit meinem Leben.“

Von Mark Adel