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Hinterland Bauer will kein Buhmann sein
Landkreis Hinterland Bauer will kein Buhmann sein
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16:58 14.12.2019
In Lohra wird über mögliche Schäden durch das Düngen von Äckern diskutiert. Quelle: Patrick Pleul/dpa/ Archiv
Altenvers

Steigende Kosten, sinkende Preise, strengere Auflagen im Umweltschutz und der Sündenbock für alles. Die Landwirte haben ihr schlechtes Image weg. Sie wehren sich zwar dagegen, mit Demonstrationen und Aufklärungsaktionen, doch die Bauern sind der Buhmann der Nation. So ist auch der Eindruck von Harald Platt.

Der Nebenerwerbslandwirt aus Altenvers beachtet nach eigenen Angaben die Auflagen. „Wir verteilen den Dünger ja nicht aus Spaß an der Freude auf unseren Flächen“, sagt Platt, der rund 30 Hektar bewirtschaftet. Dazu seien die Mittel auch einfach zu teuer. Zudem weist er seine Mitmenschen seit Längerem auf schädigende Eingriffe der Menschen in die Natur hin. So informiert er zum Beispiel an seinen Anbauflächen Spaziergänger über die zunehmende Versiegelung von Flächen durch das Umwandeln von Acker- in Bauland.

Anfrage an den Gemeindevorstand

Die jüngste Diskussion zur Überdüngung von Flächen und der damit verbundenen Abgabe von Stickstoffen ins Wasser brachten den Gemeindevertreter auf eine neue Idee. Er stellte eine Anfrage an den Gemeindevorstand, um zu erfahren, wie viel Tonnen an Stickstoff und Phosphaten pro Jahr über die Kläranlage Etzelmühle in die durch die Gemeinde Lohra fließende Salzböde gelangen.

Die Antwort lautete: 28 Tonnen Stickstoff und 0,6 Tonnen Phosphat im Jahr 2017, im darauffolgenden Jahr 27 Tonnen beziehungsweise 0,5 Tonnen. Das ist die Menge, die von den Privathaushalten ins Gewässer gelange, stellte Harald Platt noch am Abend der Sitzung fest. Um eine Relation darzustellen, erwähnt er zudem, dass ein Landwirt mit 160 Kilogramm Stickstoff im Jahr rund 95 Hektar Acker- und Grünland düngen könne.

Es fängt beim Wäschewaschen an

Ihm sei klar, dass dieser Vergleich hinke, erklärt der 53-Jährige auf Nachfrage – auch wenn er noch andere Nachteile zu beklagen hätte, die zu Lasten der Landwirte gehen – wie zum Beispiel, dass Klärwerke bei Starkregen das Wasser einfach ablaufen ließen. Oder dass bei ebensolchen Naturereignissen trotz Abstandsregelung Dünger durch Überschwemmungen ins Gewässer gelangen könne.

Doch es gehe ihm darum, die Mitmenschen zu sensibilisieren, schon in kleinen Dingen auf die Folgen für die Umwelt zu achten. „Das fängt beim Wäschewaschen an“, sagt Platt. Da komme es auf die Dosis an, denn „mehr Waschmittel als nötig macht die Wäsche auch nicht sauberer, sondern bringt nur mehr Phosphate ins Abwasser“.

Stickstoff-Vergleich bereitet Probleme

Oder auch das viele Flüssigplastik in Shampoos und Waschgels, das beim Duschen schließlich im Abfluss landet. Diese Immissionen in das Abwassernetz könne jeder Einzelne reduzieren, ruft Platt zum Umdenken auf. Dass der Vergleich, wer wie viel an Stickstoff in Gewässer einbringt, nicht so einfach ist, darauf verweist auch Fachmann Thomas Bothe vom Zweckverband Mittel­hessische Wasser­werke (ZMW).

Schließlich gehe es nicht nur um die direkte Einleitung von Stickstoff in fließende Gewässer, sondern auch um die ins Grundwasser. Da dürfte der direktere Weg der über die Ackerflächen sein, während es durch die Geschwindigkeit der Fließgewässer keinen direkten Kontakt zum Grundwasser gebe.

In den letzten Jahren „enorm viel“ erreicht

Klar ist jedoch, dass die meisten Feststoffe sowie auch Stickstoff und Phosphat von den Menschen ins Abwasser eingebracht werden – entweder aus dem eigenen Körper oder etwa durch Reinigungsprodukte. Rund 3,4 Millionen Kubikmeter Wasser reinigt die Kläranlage Etzelmühle pro Jahr und erreicht einen Reinigungsgrad von „deutlich über 90 Prozent“, sagt Bothe.

Da sei in den vergangenen 10 bis 20 Jahren „enorm viel“ an verbesserter Wirkung erreicht worden. So liege der für die Etzelmühle geltende Grenzwert für das Einbringen aller Stickstoffverbindungen ins Fließgewässer bei 14 Milligramm pro Liter (mg/l). Tatsächlich abgegeben würden aber 11 mg/l. Was nach dem Reinigungsprozess noch in die Salzböde gelange, werde verdünnt und abgebaut und sei nach einigen Kilometern schon nicht mehr nachzuweisen.

Thomas Bothe ist Abteilungsleiter Abwasserversorgung und Hochwasserschutz beim ZMW und auch Geschäftsführer des Abwasserverbands Mittlere Salzböde.

von Gianfranco Fain