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Hinterland Ein Hektar Weizen sorgt für 170.000 Brötchen
Landkreis Hinterland Ein Hektar Weizen sorgt für 170.000 Brötchen
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10:00 29.03.2022
Müller Wolfgang Hof (rechts) zeigt Unterschiede in der Mehl-Herstellung auf. Frank Staubitz (von links), Karin Lölkes und Marian Zachow wollen heimische Landwirte und Weiterverwerter von landwirtschaftlichen Erzeugnissen darin bestärken, für einen verlässlichen regionalen Markt zu produzieren.
Müller Wolfgang Hof (rechts) zeigt Unterschiede in der Mehl-Herstellung auf. Frank Staubitz (von links), Karin Lölkes und Marian Zachow wollen heimische Landwirte und Weiterverwerter von landwirtschaftlichen Erzeugnissen darin bestärken, für einen verlässlichen regionalen Markt zu produzieren. Quelle: Götz Schaub
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Sinkershausen

Der Krieg in der Ukraine, die „Kornkammer“ Europas, hat bei der EU in Brüssel zu einem Umdenken in der Agrarpolitik geführt: Aufgrund unbestellter Felder rechnet die EU nicht nur mit Engpässen bei Getreide, sondern auch bei Mais und Raps. Deshalb hat sich das Europäische Parlament für die Nutzung brachliegender Agrarflächen ausgesprochen.

Kreislandwirt Frank Staubitz aus Caldern und Karin Lölkes, Vorsitzende des Kreisbauernverbandes Marburg-Biedenkopf, die ihren Hof in der Gemeinde Münchhausen betreibt, hoffen, dass nun in Deutschland schnell grünes Licht gegeben wird, brachliegende Flächen – zeitlich begrenzt – bei der Planung noch mitberücksichtigen zu dürfen.

„Jeder Hektar zählt“, sagt Lölkes. Und ergänzt plakativ: „Ernährungssicherheit muss oberstes Ziel der Agrarpolitik sein.“ Müssen wir uns etwa in Deutschland Sorgen machen? Nein, nicht hier. „Die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln ist in Deutschland sichergestellt, auch wenn man mit einer deutlichen Preissteigerung bei den Lebensmitteln rechnen muss“, sagt Karin Lölkes.

Ausfälle „so gering wie möglich halten“

Doch man könne jetzt nicht nur an sich selbst denken. Es sei wichtig, sich daran zu beteiligen, dass die zu erwartenden Ausfälle für den Weltmarkt so gering wie möglich ausfallen.

Deshalb trete sie dafür ein, dass zeitlich begrenzt brachliegende Felder mit bearbeitet werden können. Im Landkreis liegen wie vorgegeben fünf Prozent der landwirtschaftlich nutzbaren Flächen brach. Im Ganzen sind das laut Frank Staubitz 900 Hektar.

Wer auf einem Hektar Ackerfläche Weizen anbaut, sorgt für das „Rohmaterial“ von 170.000 Brötchen, sagt Staubitz, nur dass man einmal eine Vorstellung bekommt, von welchen Mengen gesprochen wird. Bundesweit stünden dann wenigstens theoretisch bis zu 200.000 Hektar zusätzlich zur Verfügung. Ob Deutschland den EU-Vorschlag umsetzt, soll sich wohl in der Sitzung des Bundesrates am 8. April entscheiden. Sollte es grünes Licht geben, müsse man sehr hurtig reagieren, um noch Erträge zu sichern, meint Lölkes.

Darüber hinaus machen Lölkes und Staubitz bei einem Besuch der Nispel-Mühle in Sinkershausen zusammen mit deren Betreiber Wolfgang Hof deutlich, dass nun mehr denn je darauf zu achten sei, Ernährung direkt vor Ort sicherzustellen, um beispielsweise lange Transportwege zu vermeiden. Denn der Krieg wirkt an vielen Stellen und der verteuerte Treibstoff müsse ja auch irgendwo wieder verdient werden.

„Landwirte fahren nicht zum Jux aufs Feld“

Lölkes: „Landwirte fahren sicher nicht zum Jux aufs Feld. Jede Fahrt kostet nun mehr und es ist nicht nur der Dieselkraftstoff, der teurer geworden ist. Die Preise etwa für Dünger verändern sich derzeit massiv.“ Stickstoffdünger kennt derzeit nur noch den Weg nach oben. Vor einem Jahr wurden für eine Tonne noch knapp 200 Euro fällig, heute sind es an die 800 Euro. Der Erste Kreisbeigeordnete Marian Zachow, der derzeit kommissarisch all die Themenfelder abdeckt, die zuvor von der verstorbenen Landrätin Kirsten Fründt bedient wurden, bestärkt die Landwirte darin, dass wieder für mehr Regionalität gesorgt werden muss.

Wolfgang Hof ist einer von nur noch zwei Mühlenbetreibern im Landkreis Marburg-Biedenkopf. Er könnte durchaus noch von Landwirten direkt Getreide abnehmen. „Wir können die Landwirtschaft nicht mehr x-beliebig zurückdrängen“, sagt Staubitz.

Im Kreis gingen in den vergangen 40 Jahren allein durch Bebauung 12.000 Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche unwiederbringlich verloren. Irgendwann reicht es dann auch nicht mehr mit einer Ernährung vor Ort ohne Zukauf. Zachow hofft, dass Deutschland die Nutzung der brachliegenden Felder auf Zeit zulässt. In der weltweiten Ernährungsfrage sei nun ethisches Handeln angesagt.

Von Götz Schaub