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Hinterland Digitalisierung auf dem Lande
Landkreis Hinterland Digitalisierung auf dem Lande
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21:00 09.08.2020
Ein Techniker installiert ein Glasfaserkabel.
Ein Techniker installiert ein Glasfaserkabel. Quelle: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa-Zentralbild/ZB
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Hinterland

Die Welt wird digitaler und verändert sich rasant. Welche Auswirkungen hat das auf das Leben im Dorf – und welche Chancen bieten sich? Das soll ab dem nächsten Jahr in einem Modellprojekt im Kreis ermittelt werden. Die Ergebnisse können möglicherweise in ganz Deutschland angewendet werden, und natürlich sollen auch die Bürger im Landkreis profitieren.

Um was geht es?

Der Landkreis beteiligt sich gemeinsam mit Bad Endbach und Breidenbach an dem Projekt des Bundesinnenministeriums. Bundesweit gibt es in ganz Deutschland 13 solcher „Labore“, jeweils zu verschiedenen Themen – in Marburg-Biedenkopf geht es um die Digitalisierung im ländlichen Raum. Insgesamt hatten 37 Kreise und Kommunen ihre Bewerbungen eingereicht. Ein weiteres Labor in der Region befindet sich in Bad Berleburg.

Was hat das Projekt mit „Open Government“ zu tun und was bedeutet das?

Der Landkreis war in den vergangenen Jahren Teil eines bundesweiten Modellprojekts rund um „Open Government“. Der etwas sperrige, englische Begriff bedeutet in der Übersetzung „offene Regierung“ und steht für neue Formen der Bürgerbeteiligung, der Information und der Vernetzung zwischen Verwaltungen und Menschen.

„Das hat uns ein ganzes Stück weitergebracht“, sagt Landrätin Kirsten Fründt (SPD) über die Zusammenarbeit mit Bund und anderen Kommunen im Rahmen dieses Projekts.

Welche Ziele verfolgt der Kreis mit dem Projekt?

Die Ziele sind vielfältig. Allgemein gefasst, sollen „Handeln von Politik und Verwaltung“ verbessert werden, sie sollen sich stärker öffnen. Im ersten Projekt hat der Landkreis dafür eine „Gebrauchsanweisung“ erarbeitet, die nun in Bad Endbach und Breidenbach getestet und weiterentwickelt werden soll. Der Landkreis verwendet den Begriff „produktive Utopie“: „Es gibt keine Blaupause, kein schematisches Abarbeiten“, sagt Patrick Ludes, der beim Landkreis für „Open Government“ zuständig ist. Das Labor sei ein „kreatives Weiterdenken und experimentelles Erproben“.

Wie hängen „Open Government“ und Digitalisierung zusammen?

Der Landkreis hat in den vergangenen Jahren die Voraussetzung geschaffen und flächendeckend schnelles Internet ermöglicht - die Voraussetzung für Vernetzung. „Aber es geht um mehr als nur die technische Ausstattung“, sagt die Landrätin. In regionalen „Laboren“ sollen die Möglichkeiten ausgelotet werden – fernab von typischem Verwaltungsdenken, sondern eher experimentell.

Fründt spricht von „neuen Wegen“, die Kreis und Kommunen gehen. „Wir versprechen uns viel von den Laboren.“ Aus Sicht von Patrick Ludes steht ein Kulturwandel bevor. „Bürgerbeteiligung wird strukturell in der Verwaltung verankert“, sagt er. „Das ist ein freier Prozess“, entwickelt würden „die Kommunen von morgen“. Für den Landkreis sei das gar nicht so neu, weil schon seit Jahren Bürger beteiligt würden.

Wann geht es los?

Start ist im nächsten Jahr, vorher wird der Kreis Bürger in Bad Endbach und Breidenbach aufrufen, sich zu beteiligen. Gesucht werden Experten – jeder Mensch habe ein Fachgebiet, sagt Ludes. „Ein Konzept gibt es nicht“, diskutiert werden soll so frei wie möglich. 2021 und 2022 wird für jeweils sechs bis acht Wochen ein öffentlicher „Labor-Raum“ geschaffen werden. Er ist für die Bevölkerung frei zugänglich.

Was passiert in den Laboren?

Der Landkreis wird gemeinsam mit Verwaltungen, Vereinen und Unternehmen verschiedene Angebote erarbeiten: Seminare, Werkstätten, Vorträge, Schulungen und vieles mehr.

Ziel ist, die Demokratie durch mehr Dialog, Befähigung und Zusammenarbeit zu fördern. Möglich sind zum Beispiel Vorträge, Qualifizierungsworkshops oder Arbeitsgruppen, die konkrete Projekte umsetzen. Zusammen mit der Digitalisierung sollen zusätzlich ganz analog Möglichkeiten gefunden werden, die Ortskerne zu beleben.

Die Labore sollen deshalb mitten im Dorf entstehen, wo sich Menschen treffen und diskutieren können – etwa in einem leer stehenden Geschäft.

Welche Nebeneffekte erhofft sich der Landkreis?

„Wir wollen den Strukturwandel greifbar machen“, erklärt Patrick Ludes. Schließlich ändere die Digitalisierung vieles im Berufsleben und auch im sozialen Gefüge eines Ortes. In Zusammenarbeit mit Firmen könnten Co-Working-Spaces getestet werden. Die gibt es bislang nur in größeren Städten: Man mietet sich mit verschiedenen Menschen in voll ausgestattete Büros ein, etwa anstatt eines eigenen Arbeitszimmers. „Wir wollen solche Möglichkeiten erlebbar machen“, sagt Ludes. Und letztlich geht es auch darum, die Verwaltung transparent zu machen und das in die Fläche zu tragen.

Wer ist mit dabei?

Vereine, Schulen und Betriebe werden miteinbezogen. Ludes nennt als Beispiel das Löten von Umweltsensoren mit Jugendlichen. Solche Sensoren können zum Beispiel die Luftqualität messen. „Damit können wir die Nachhaltigkeit stärker in den Fokus rücken.“ Auch wenn nach ein paar Wochen das Projekt endet, soll es langfristig wirken: „Wir wollen ein bleibendes Netzwerk aufbauen“, sagt Patrick Ludes.

Welche Aufgaben haben die Kommunen?

Die Gemeinden Bad Endbach und Breidenbach können eigene Schwerpunkte setzen, zum Beispiel zu aktuell besonders diskutierten Themen. Auch eine öffentliche Gremiensitzung, etwa vom Gemeindeparlament, ist denkbar, um Bürgern einen Einblick in die Arbeitsweise der Lokalpolitik zu ermöglichen. „Die Gemeinde Bad Endbach erhofft sich durch die Teilnahme am Projekt eine engere Verzahnung zwischen Kommunalverwaltung und Zivilgesellschaft“, erläutert Bad Endbachs Bürgermeister Julian Schweitzer (SPD) gegenüber dieser Zeitung. „Im Rahmen des Open-Government-Labors werden wir Orte und Gelegenheiten schaffen, gemeinsame Ideen zu entwickeln und diese umzusetzen. Dabei bietet das Projekt genug Freiraum, um eigene Vorstellungen mit einzubringen und Orte des Austauschs zu schaffen.“

Wie wird verhindert, dass am Ende die Bürokratie und Verwaltung die Oberhand bekommen?

Um einen Blick „von außen“ zu bekommen, holt sich der Landkreis Unterstützung beim St.-Elisabeth-Verein. Damit soll verhindert werden, dass am Ende klassische Verwaltungsstrukturen die Oberhand gewinnen. Ein solcher privater Akteur war außerdem Voraussetzung, überhaupt in das Projekt aufgenommen zu werden.

Wie hoch sind die Kosten?

Insgesamt hat der Landkreis 295 000 Euro eingeplant. Davon kommen rund 200 000 Euro als Zuschuss vom Bundesinnenministerium.

Warum hat der Landkreis Bad Endbach und Breidenbach als Modellkommunen ausgewählt?

Der Bad Endbacher Bürgermeister Julian Schweitzer (SPD) hat nach Angaben von Ralf Laumer vom Dezernatsbüro der Landrätin schon früh sein Interesse bekundet und „den Finger gehoben“. Die Entscheidung für Breidenbach fiel, weil noch eine Kommune mit viel Industrie gesucht wurde.

Beide Kommunen sind außerdem weit weg vom Oberzentrum Marburg – es sollten gezielt ländliche Orte am Modellprojekt beteiligt werden.

von Mark Adel

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