Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Hinterland Landkreis schaut bei Wohnraum für Flüchtlinge genau hin
Landkreis Hinterland Landkreis schaut bei Wohnraum für Flüchtlinge genau hin
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:00 10.04.2022
Blick in eine Wohnung in Wiesenbach: Bettina Hartmann (rechts) begutachtet zusammen mit Bürgermeister Christoph Felkl (links) und Ordnungsamtsleiter Michael Völker die angebotenen Räume.
Blick in eine Wohnung in Wiesenbach: Bettina Hartmann (rechts) begutachtet zusammen mit Bürgermeister Christoph Felkl (links) und Ordnungsamtsleiter Michael Völker die angebotenen Räume. Quelle: Fotos: Mark Adel
Anzeige
Wiesenbach

Bis zu 140 Menschen kommen Woche für Woche im Landkreis auf der Flucht vor dem Krieg in der Ukraine an. Von der Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen aus werden sie weiterverteilt. Soweit möglich, kommen sie in Wohnungen unter, die der Kreis anmietet. Beim Besuch in einer Wiesenbacher Unterkunft informieren Verantwortliche über dieses Thema.

Wird jede Wohnung vorab besichtigt?

Ja, zum Beispiel von Bettina Hartmann und Sascha Kaiser: Die Leiterin des Sozialdiensts Zuwanderung im Kreisjobcenter und der Sozialarbeiter sind wie viele andere Kollegen im Kreis unterwegs. Die Wohnung im Struthweg in Wiesenbach gehört zu jenen, die alle Voraussetzungen erfüllen. „Es kommt nur selten vor, dass wir eine ablehnen müssen“, sagt Hartmann, bislang 28 Mal. Manche Vermieter verlangen zu hohe Miete, teils waren Wohnungen in renovierungsbedürftigem Zustand.

Wie viele Wohnungen stehen für Flüchtlinge bereit?

Die Wohnung der Gemeinde Breidenbach ist eine von gut 500, die der Kreisverwaltung angeboten wurden – meist von privat. 361 davon wurden bereits besichtigt, für weitere mehr als 100 sind Termine vereinbart worden. Bislang sind rund 500 Menschen in 150 Wohnungen untergekommen.

Wie läuft die Verteilung der Flüchtlinge ab?

„Es ist die größte Flüchtlingskrise seit dem Zweiten Weltkrieg“, sagt Andrea Martin, Leiterin des Kreisjobcenters, in dessen Bereich auch die Flüchtlingsarbeit fällt. In Marburg-Biedenkopf sollen Flüchtlinge möglichst nicht oder nur kurz in den Hallen untergebracht werden, die in die Zuständigkeit des Regierungspräsidiums fallen.

Mittwochabends bringt ein Bus aus der Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen Menschen nach Biedenkopf zur Jugendherberge. Im Idealfall passt eine der beim Kreis registrierten Wohnungen direkt, einige Flüchtlinge – etwa 25 bis 40 – bleiben zwei Nächte in der Jugendherberge, bis auch für sie eine Bleibe gefunden worden ist.

Die unbürokratische Hilfe der Herberge gehört zu den Angeboten, über die sich Andrea Martin besonders freut.

Die Flüchtlinge werden also möglichst direkt vermittelt?

Ja. Noch am Abend kontaktieren Linneth Battenfeld und ihre Kollegen die Vermieter. Sie hat im Kreisjobcenter den neu geschaffenen Posten der „Prozessverantwortlichen Wohnraummatching“ übernommen und prüft anhand einer Datenbank, welche Wohnungen zu welchen Flüchtlingen passen. Deshalb kann es dauern, bis Wohnungsangebote angenommen werden – Martin bittet die Vermieter dafür um Verständnis.

Etwa 140 Menschen werden ­wöchentlich von der Erstaufnahmeeinrichtung an den Kreis überwiesen. Kommen alle an?

Nein – etwa weil sie in einer anderen Region schon Verwandte oder Bekannte haben. Erst wenn der Bus ankommt, wird klar, wer zu wem gehört, wer zusammenbleiben muss, wer Haustiere dabei hat oder wer gar nicht im Bus ist.

Wie viele Ukraine-Flüchtlinge leben im Landkreis Marburg-Biedenkopf?

Derzeit sind es gut 1 700 Flüchtlinge, davon mehr als 1 100 in der Obhut des Kreises, der Rest in der Stadt Marburg. Bis zum Wochenende könnten es mehr als 2 000 sein. „Das sind fast so viel wie im gesamten Jahr 2015“, sagt der Erste Kreisbeigeordnete Marian Zachow (CDU).

Was sind das für Menschen?

Fast alle, nämlich 98 Prozent, sind ukrainische Staatsbürger. Zwei Drittel sind weiblich, ein Drittel männlich. Gut die Hälfte ist unter 25 Jahre alt, davon sind 85 Prozent Kinder. Neun Prozent sind älter als 55 Jahre. Inzwischen kommen zunehmend Menschen mit anderer Staatsangehörigkeit: etwa ausländische Studenten oder Flüchtlinge, die in der Ukraine gelebt haben.

Reichen die Wohnungen aus?

Aktuell laufe die Wohnungsakquise gut, sagt Bettina Hartmann. Aber wer über geeignete Räume verfügt, sollte sich weiterhin melden. Zachow ist zuversichtlich, dass die Notunterkünfte in Bürgerhäusern und Turnhallen nicht benötigt werden. Aber das werde davon abhängen, wie lange der Krieg andauert. „3 000 bis 4 000 Menschen können wir unterbringen und integrieren.“ Eine Prognose wollen aber weder er noch seine Mitarbeiter abgeben. „Wir bereiten uns auf alles vor“, sagt Martin. „Wir können in die Situation kommen, dass der Wohnraum nicht ausreicht.“

Wer bietet Wohnungen an?

„Oft sind es ältere Leute, deren Kinder aus dem Haus sind“, berichtet Hartmann. „Und manchmal sind es Menschen, die selber erlebt haben, was es bedeutet, vertrieben zu sein.“

Aber auch Gemeinden halten Wohnungen bereit?

Ja. Das Haus im Struthweg, das ehemalige Wiesenbacher Dorfgemeinschaftshaus, hat die Gemeinde zum Beispiel 2015 im Zuge des ersten großen Flüchtlingsstroms angemietet und eingerichtet. Nachdem die bislang letzte Familie ausgezogen war, mussten die Räume saniert und neu möbliert werden. Etwa 20 000 Euro hat das gekostet, plus unzählige Arbeitsstunden. „Das Engagement der Mitarbeiter ist weit über das normale Maß hinausgegangen“, sagt der Breidenbacher Ordnungsamtsleiter Michael Völker und hebt den stellvertretenden Bauhofleiter Jan Kunze und dessen Ehefrau Sandra hervor.

Wie viele Menschen kommen in der Beispiel-Wohnung in Wiesenbach unter?

Platz ist für zwölf Erwachsene und drei Kleinkinder. Wann und von wem die Zimmer bezogen werden, ist offen. Es können auch Menschen aus anderen Nationen sein. Naheliegend sei aber, Ukrainer unterzubringen, sagt Völker. „Es gibt schon ukrainische Flüchtlinge im Dorf“, und es ist inzwischen ein Netzwerk an Unterstützern entstanden.

Was ist mit den Kindern?

Breidenbachs Bürgermeister Christoph Felkl (SPD) beziffert die Zahl der ukrainischen Flüchtlinge allein in Breidenbach auf etwa 50. „Acht Kinder sind derzeit im Kindergartenalter.“ Und das stellt die Gemeinde vor Probleme, denn die beiden Tagesstätten sind belegt. Wie viele Amtskollegen hofft auch Felkl, dass die gesetzlichen Obergrenzen aufgeweicht werden, damit auch Flüchtlingskinder betreut werden können. Aber: „Der Landesgesetzgeber ziert sich, das anzupassen“, sagt er in Richtung der schwarz-grünen Regierung. Felkl will vermeiden, dass ukrainische Kinder im Kindergarten aufgenommen werden, während der heimische Nachwuchs auf Wartelisten ausharren muss.

Was ist mit den anderen Flüchtlingen?

Auch in anderen Teilen der Welt gibt es Konflikte, die Menschen in die Flucht treiben. Auf 120 ukrainische Flüchtlinge im Kreis kommen derzeit 20 Menschen aus anderen Staaten. Auch sie benötigen Unterkünfte.

Wie werden die

Flüchtlinge betreut?

Nicht alle, aber viele Menschen aus der Ukraine haben Schlimmes erlebt und bedürfen besonderer Versorgung. „Die Betreuung ist derzeit nur in Kooperation mit Ehrenamtlichen und Verwandten leistbar“, sagt Andrea Martin. Beeindruckend sei aber auch, wie viele Vermieter helfen: etwa bei Arztbesuchen oder auf der Bank. Die Verständigung ist schwierig, oft helfen Übersetzungs-Apps auf dem Smartphone. Deutsch spricht kaum ein Flüchtling, Jüngere beherrschen oft gutes Englisch. Unterkünfte in kleinen Orten erleichtern die Integration, sagt Martin.

Sind die Flüchtlinge geimpft?

Viele sind nicht geimpft oder haben einen in Deutschland nicht anerkannten Impfstoff bekommen. Ab dieser Woche gibt es Impfangebote für alle ukrainischen Flüchtlinge.

Wie gehen die Mitarbeiter mit der Belastung um?

Zwar sei es der Job, den Flüchtlingen zu helfen, sagt Martin. „Aber wir sind alle sehr bedrückt über die Situation.“ Mut machen dann Dankschreiben wie das von Anja und ihren vier Kindern – eine Familie, die Ehemann und Vater zurücklassen musste und in Marburg-Biedenkopf Schutz suchte.

Vermieten

Wer Wohnungen vermieten mag, kann sich beim Landkreis unter der Telefonnummer 0 64 21 / 405-72­72 oder per E-Mail an wohnraum-ukraine@marburg-biedenkopf.de melden

Von Mark Adel