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Hinterland „Lage im Wald ist dramatisch“
Landkreis Hinterland „Lage im Wald ist dramatisch“
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18:50 11.11.2021
Die Holzverladestelle in Breidenstein ist laut Dr. Lars Wagner weiterhin immens wichtig für die Vermarktung des Holzes.
Die Holzverladestelle in Breidenstein ist laut Dr. Lars Wagner weiterhin immens wichtig für die Vermarktung des Holzes. Quelle: Foto: Hartmut Bünger
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Biedenkopf

Der heimische Wald ist in der Krise – das ist seit Jahren so. Wer jedoch gehofft hatte, dass sich die Situation nach dem regnerischen Sommer nachhaltig gebessert hat, muss sich getäuscht sehen. Denn nach wie vor berichtet Forstamtsleiter Dr. Lars Wagner von „dramatischen“ Zuständen in vielen Baumbeständen.

Der Grund ist vor allem in den Hinterländer Böden zu suchen. Beispiel Steffenberg: Von den Flächen des Kommunalwaldes sind gerade einmal ein Prozent als „betont frisch“ und 20 Prozent als „frisch“ einzustufen. Das heißt für den Fachmann: Hier können Bäume, relativ unabhängig von der Wetterlage, gut wachsen. 58 Prozent dagegen sind „mäßig frisch“, 21 Prozent sogar nur „mäßig trocken“. In diesen flachgründigen Böden hängt alles von der Niederschlagsmenge ab: Regnet es reichlich, wachsen die Bäume gut; fällt der Regen dagegen dauerhaft aus, hat sich’s mit dem Wachstum. Genau das ist in den Dürrejahren 2018 bis 2020 geschehen.

Was heißt das nun in der Konsequenz für den Wald? Die Lage bei den Fichten sei „hochdramatisch“, erläuterte Lars Wagner in Steffenberg. Nahezu alle älteren Bestände seien betroffen. Zur „Trocknis“, wie es der Experte nennt, kommt auch noch der Käferbefall hinzu. Für Steffenberg bedeute das beispielsweise: Bei den 1 800 Festmetern, die im kommenden Jahr gefällt werden sollen, handele es sich ausschließlich um Schadholz.

Doch auch andere Baum­arten sind weiterhin massiv in Mitleidenschaft gezogen. Die Lage der Kiefern nennt der Forstamtsleiter „dramatisch“. Der Diplodia-Pilz tue ein Weiteres, um die Bäume zu schädigen. Als Mischbaumart künftiger Generationen fällt sie in seinen Augen aus.

„Sehr große Sorgen macht uns in den letzten zwei, drei Jahren die Buche“, betont Wagner. In Teilen der Buchenbestände sehe es ebenfalls „sehr dramatisch“ aus. Trocknis, Pilze und Käfer würden dazu führen, dass von vielen Bäumen eine erhebliche Gefahr für Spaziergänger und Wanderer ausgeht. Sorgen bereitet dem Forstamtsleiter die Situation vor allem deshalb, weil die Buchen diejenigen Bäume seien, die ohne menschlichen Eingriff den Wald in der heimischen Region dominieren würden. Dass sie dennoch so stark unter dem Klimawandel leiden, zeige, wie erheblich er in die Natur eingreift.

Am besten sieht es laut Wagner noch bei den Eichen aus: Sie sterben bislang nur vereinzelt ab. Vergleichsweise gute Nachrichten hat der Forstexperte zum Holzmarkt. Im vergangenen Jahr sah es angesichts niedriger Preise noch so aus, als müssten die Kommunen im Hinterland mit ihren Wäldern tiefrote Zahlen schreiben. Im Frühjahr nun kletterten die Preise wider Erwarten massiv in die Höhe. Im Vergleich zum gleichen Zeitraum im Frühjahr habe sich der Preis fürs Fichtenholz nahezu verdoppelt, erläutert Wagner. Man habe das Schadholz daher gut verkaufen können – zu einem Preis, der Gewinne brachte.

Im Aufwind der Fichte seien auch die Preise für das Kiefernstammholz in die Höhe geklettert. Gut nachgefragt gewesen sei bei stabilen Preisen auch die Douglasie. Besonders hebt Lars Wagner den Wert der Bahnstation in Breidenstein hervor. Insbesondere für das Nadelindustrieholz ermögliche sie gute Absatzmärkte. „Alle Waldbesitzer der Region profitieren massiv von der Bahnanbindung“, betont der Forstamtsleiter.

Positiv stellt sich die Marktlage auch beim Laubholz da: Ob Buche, Eiche oder Brennholz – Wagner berichtet wahlweise von stabiler, hoher und steigender Nachfrage. Was etwa für Steffenberg fürs kommende Jahr bedeutet: Anstelle von 3 379 Festmetern, wie es der ausgeglichene Hiebsatz vorsieht, sollen 4 230 Festmeter geschlagen und an den Mann gebracht werden, allen voran Fichte und Buche. Wobei Wagner ausdrücklich herausstellt: „Bei Buche, Fichte und Kiefer soll nur Schadholz eingeschlagen werden.“

Wo Wald im großen Ausmaß verschwindet, muss neuer Wald her. Der Forstamtsleiter spricht von einer „Herkulesaufgabe“ für die kommenden fünf bis zehn Jahre. Kenner der griechischen Sagen wissen: Herkules musste als eine seiner Aufgaben den 30 Jahre nicht ausgemisteten Rinderstall des Königs Augias säubern. Die Aufgabe sei nicht nur groß, erklärte Wagner, sondern habe auch ihre Tücken. Wörtlich sprach er von „Nadelöhren“. Dazu zählen neben der Arbeitskapazität und der Finanzierung auch die Verfügbarkeit der Pflanzen. Und gibt es klare Vorgaben, welche Bäume an welchem Standort stehen dürfen.

Steffenberg kann mit ­schwarzen Zahlen rechnen

Oberziel ist für Wagner, „klimarobuste Mischwälder“ aufzubauen. Wichtige Baumarten im Hinterland sollen zukünftig folgende sein: Eiche, Kirsche, Birke, Ahorn, Erle, Roteiche, Douglasie, Weißtanne und Küstentanne. „Keine völligen Exoten“, wie Lars Wagner sagt. Noch einmal Steffenberg als Beispiel: Hier sollen es im nächsten Jahr 900 Erlen, 500 Kirschen, 1 000 Douglasien und 500 Bergahorn werden. Eine besondere Bewandtnis hat es mit den 17 100 Birken. Denn das Forstamt setzt bei Aufbau besagter „klimarobuster Mischwälder“ nicht darauf, neue Bäume zu setzen (Kulturbegründung) und Bäume, die sich selbst angesät haben, wachsen zu lassen (Naturverjüngung), sondern baut auf Vorwälder.

Gerade in Angelburg und Steffenberg habe man damit gute Erfahrungen gemacht, erläutert Wagner. Warte man ab, dass sich auf einer freien Fläche ein neuer Wald von selbst entwickelt, könne das durch Sonne und Wind ziemlich lange dauern. Unter schnell wachsenden Birken dagegen könnten auch andere Baumarten gute Wachstumsbedingungen finden.

Für das laufende Jahr kann Steffenberg laut Wagner mit einem deutlichen Plus rechnen. Möglich machen es Fördermittel und die Erträge aus dem Verkauf des Schadholzes. Mittelfristig ändert das aber wohl nichts daran, dass die Wiederaufforstung viel Geld verschlingen wird. Für das kommende Jahr sieht der Forstwirtschaftsplan für Steffenberg zumindest ein Minus von rund 30 000 Euro vor.

Von Hartmut Bünger

09.11.2021
09.11.2021