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Hinterland Lohra wird zum Filmstar
Landkreis Hinterland Lohra wird zum Filmstar
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08:46 19.10.2020
Lohra auf einer alten Fotografie und im vergangenen Sommer: Regisseurin Sabrina Rücker hat einen Kurzfilm über den Ort gemacht – hier ein Bild aus dem Film. Quelle: Privatfoto
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Lohra

Diese Woche kommt Lohra auf die große Filmleinwand – und im Mittelpunkt steht ein Ehepaar aus dem Dorf. „Opa Schorsch und Oma Ulla“ heißt die Dokumentation der aus Weipoltshausen stammenden Regisseurin Sabrina Rücker, die am Donnerstag beim Unabhängigen Filmfest Osnabrück zu sehen ist. In dem 15-minütigen Kurzfilm geht es um Erinnerungen, Traditionen und alte Fotos – es ist eine Reise durch die Dorf- und Familiengeschichte, durch die Kindheit und Jugend von Rückers Großeltern. „Mir ist schon während meines Studiums klar geworden, dass ich für Dokumentationen brenne. Ich möchte mich mit echten Menschen unterhalten und wahre Geschichten erzählen“, sagt die junge Regisseurin. „Das habe ich verbunden mit dem persönlichen Drang, mit meinen Großeltern über die Familiengeschichte zu sprechen.“

Ihre Großeltern hätten positiv reagiert, als sie ihnen die Idee vortrug, berichtet Rücker: „Sie fanden es schön, dass ich Interesse daran hatte. Ich weiß nicht, ob sie wussten, worauf sie sich einlassen. Aber als wir den Film an Weihnachten zusammen mit der Familie angeschaut haben, haben alle sehr zufrieden gewirkt.“

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Umgang mit Erinnerungen und Traditionen

Den Anstoß zu dem Filmprojekt gab ein altes Foto, das Großvater Georg ihr zeigte. Denn Fotos haben sie schon von klein auf fasziniert, erzählt Rücker: „Mein Opa hat früher Dias fotografiert – auf Feiern wurden immer Dias angeschaut.“ Doch aus der Kindheit ihres Großvaters gebe es nur wenige Fotos. Der Grund: Als zum Ende des Zweiten Weltkriegs US-Soldaten nach Hessen kamen, seien die durch die Dörfer gezogen und hätten nicht nur Waffen, sondern auch Fotokameras eingesammelt – so haben Rückers Großeltern ihr berichtet. Ein Nachbar hatte aber eine Kamera versteckt, erzählt der Großvater im Film: „Der hat im Holzschuppen ein Loch gebuddelt und hat seinen Fotoapparat eingewickelt in ein Blechkästchen ... dass wir überhaupt mal ein Bild hatten von unserer Kindheit.“

Sabrina Rücker. Privatfoto

„Fotos zu machen war für meinen Großvater früher viel aufwändiger, als es heute ist“, sagt Rücker. Das ist auch ein Thema ihrer Dokumentation, die beim Filmfest in der Kategorie „Preserve“ läuft: Wie gehen wir mit Erinnerungen um? „Was passiert mit denen, wenn wir mal gestorben sind? Landen sie auf dem Müll“, sagt Großmutter Ulla im Film über die alten Fotografien. Für Regisseurin Rücker sind die alten Fotografien aber historische Dokumente. So habe sie herauszufinden versucht, aus welcher Perspektive alte Ansichten von Lohra aufgenommen waren, und für den Film aktuelle Bilder aus derselben Perspektive aufgenommen, berichtet sie.

Kirchenchor singt das Lohra-Lied

Sie wollte mit ihrem Film auch etwas über alte, zum Teil schon verloren gegangene Traditionen herausfinden, sagt Rücker: „Meine Großeltern sprechen Platt, Menschen aus meiner Generation sprechen das nicht mehr. Meine Uroma hat noch Tracht getragen. Wenn ich das auf alten Fotos sehe, hat es einen gewissen Charme – auch wenn ich nicht Tracht tragen möchte und mit dem damaligen Frauenbild nicht übereinstimme.“

Fünf Tage hat die junge Regisseurin Ende August 2019, bei einem Besuch anlässlich des 16. Geburtstages ihrer Schwester, die Großeltern interviewt und draußen im Dorf gedreht – gemeinsam mit ihrem Kommilitonen Brian Hose, der sich um Kamera und Beleuchtung gekümmert hat. „Er stand mir auch in kreativen Fragen zur Seite“, sagt Rücker.

Neben Rücker, ihren Großeltern, ihrer Schwester und ihrem Kommilitonen hat auch der Kirchenchor Heilig Kreuz Fronhausen-Lohra an dem Film mitgewirkt, in dem ihre Großmutter und ihre Eltern mitsingen. Dafür hat Sabrina Rücker sogar eine Genehmigung von Bürgermeister Georg Gaul bekommen – denn der Chor singt über ein Lied, an dem die Gemeinde die Rechte hat: Das Lied „Lohra überm Wiesengrund“, sozusagen die Hymne des Ortes, in dem der Kurzfilm entstanden ist.

Die Filmpremiere von Film „Opa Schorsch und Oma Ulla“ findet am Donnerstag, 22. Oktober, beim Unabhängigen Filmfest Osnabrück sowohl live als auch digital statt. Auch für die digitale Übertragung (Streaming) kann man Tickets kaufen. Informationen auf filmfest-osnabrueck.de.

Zur Person: Sabrina Rücker

Sabrina Rücker wurde 1998 in Marburg geboren, ist in Weipoltshausen aufgewachsen und lebt heute in Berlin. Sie hat an der Met Film School Berlin, dem deutschen Ableger einer Londoner Filmhochschule, studiert. Den Studiengang Practical Film Making hat sie mit einem Bachelor of Arts abgeschlossen. Zum Ende des Studiums konnte sie wählen, ob sie einen Abschluss als Regisseurin, Produzentin oder Cutterin machen wollte. Sie entschied sich dafür, Regie zu führen. Ihr Abschlussfilm „Opa Schorsch und Oma Ulla“ ist nicht zufällig ein Dokumentarfilm – sie hat sich schon während des Studiums für das Genre begeistert. Mit Freunden hat Rücker den 12 Berlin Student Film Club gegründet. Das Konzept: Filmemacher zeigen einmal im Monat in einer Bar Kurzfilme und bekommen von den Zuschauern Feedback. Derzeit arbeitet die 22-Jährige freiberuflich als Cutterin und in einer Werbeagentur.

Von Stefan Dietrich

17.10.2020
17.10.2020