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Hinterland Nur vergesslich oder doch dement?
Landkreis Hinterland Nur vergesslich oder doch dement?
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11:59 09.10.2019
Karikaturen von Peter Gaymann zum Thema Demenz sind im Café Q in Niederdieten ausgestellt. Quelle: Peter Gaymann
Niederdieten

Elisabeth Benner von der Alzheimer Gesellschaft führte in die Ausstellung in dem Breidenbacher Ortsteil ein. Dabei stand sie für ein Pressegespräch zur Verfügung.


Wenn ich ab und zu etwas verlege, nicht weiß, wo mein Schlüssel oder mein Portemonnaie liegen – ist das schon Demenz oder bloß pure Vergesslichkeit?
Elisabeth Benner: Das ist pure Vergesslichkeit. Ich sage dann immer: Da ist zu viel im Kopf, die Festplatte ist voll. Man ist einfach unkonzentriert.

Wo hört Vergesslichkeit auf und wo fängt Demenz an?
Benner: Es ist die Summe der vielen Dinge, die ich vergesse und die ich nicht mehr geordnet auf die Reihe bringe. Also: häufig etwas verlegen, Dinge wiederholt fragen. Im Grunde genommen kann man erst im Nachhinein erkennen: Da hat‘s angefangen oder nicht.

Was sind klassische Symptome?
Benner: Im Nachhinein gesehen – ich nehme mal meine Mutter als Beispiel – waren es bei ihr die Gefühlsausbrüche und Stimmungsschwankungen. Sie hatte ihre Gefühle nicht mehr unter Kontrolle. Später habe ich gedacht: Mensch, du hättest erkennen müssen, dass die Mama betroffen ist. Natürlich hat sie auch Dinge verlegt und hat Sachen vergessen. Aber wir haben das immer darauf zurückgeführt, dass sie so viel zu tun hat und an so viel denken muss. Das passiert ganz oft, wenn man solche Vergesslichkeit sieht – man versucht, es aus dem Kontext zu erklären.

Elisabeth Benner von der Alzheimer Gesellschaft führte in die Ausstellung in dem Breidenbacher Ortsteil ein. Foto: Hartmut Bünger

Ab wann ist es krankhaft?
Benner: Ich kann es Ihnen nicht sagen. Es ist die Summe vieler Kleinigkeiten. Wenn Sie unsicher sind, empfehle ich, zum Arzt zu gehen und es testen zu lassen. Es könnte ja beispielsweise auch sein, dass Sie zu wenig trinken – dadurch lässt das Gedächtnis auch nach.

Kann man Demenz vorbeugen?
Benner: Ja, Bewegung. Und die Alzheimer Gesellschaft sagt: Was gut ist fürs Herz, ist auch gut fürs Gehirn. Also, bewegen, sich gesund ernähren, Stress vermeiden, Alkohol in Maßen trinken, nicht rauchen – also, alles, was man braucht, um gesund zu leben. Aber auch das ist keine Gewähr.

Läuft die Krankheit nach einem festen Muster ab?
Benner: Man weiß von der Alzheimer-Erkrankung, die ja die häufigste Form der Demenz ist, dass sie mit Störungen des Kurzzeitgedächtnisses anfängt. Dann kommen später Orientierungsstörungen hinzu. Die Lewy-Body-Demenz beginnt dagegen mit Aufmerksamkeitsstörungen. Man verlangsamt, bekommt früh Halluzinationen. Beide Krankheiten verlaufen sehr langsam und schleichend. Bei der vaskulären ­Demenz wiederum können die Ausfallerscheinungen plötzlich auftreten, also sprunghaft. Das lässt sich auch erklären: Wenn sich Adern verschließen und bestimmte Hirnbereiche nicht mehr durchblutet werden, funktionieren die nicht mehr.

FAKTEN ZU DEMENZ

Momentan sind in Deutschland 1,7 Millionen Menschen erkrankt, pro Jahr kommen 300.000 weitere Demenzkranke hinzu. Bis zum Jahr 2050 wird sich die Zahl der Demenzkranken verdoppeln.

Mit zunehmendem Alter steigt der Anteil der Betroffenen. 1,6 Prozent der 65- bis 69-Jährigen sind laut Statistik an Demenz erkrankt. Die weiteren Zahlen: 70 bis 74 Jahre: 3,5 Prozent, 75 bis 79 Jahre: 7,31 Prozent, 80 bis 84 Jahre: 15,6 Prozent, 85 bis 90 Jahre: 26,11 Prozent, 90 Jahre und älter: 40,95 Prozent.

Für das Hinterland lässt sich die Zahl der Demenzkranken schätzen: Biedenkopf: 322, Dautphetal: 249, Gladenbach: 273, Bad Endbach: 147, Angelburg: 67, Steffenberg: 87, Breidenbach: 140.

Quelle: Deutsche Alzheimer Gesellschaft, Ende 2018.

Welche Möglichkeiten bestehen, die noch vorhanden Fähigkeiten zu fördern und zu erhalten?
Benner: Die Fähigkeiten erfahrbar machen. Schauen Sie genau hin und eignen Sie sich Wissen an: Was war im Leben dieser Person wichtig? Und arbeiten Sie dann mit diesen Dingen. Mit jemandem, der gerne Fußball gespielt hat, auch in der Wohnung mal kicken. Viel singen und tanzen. Musik aktiviert die unterschiedlichsten Hirnbereiche. Und beim Tanzen haben Sie noch ein zusätzliches Moment: Sie müssen sich auf ihr Gegenüber einstellen. Gemeinschaft erleben: In Gemeinschaft singen und Freude erleben – das hat eine unglaubliche Wirkung auf die Menschen.

Im Grunde also anknüpfen an das, was irgendwo tief im Langzeitgedächtnis verankert ist?
Benner: Ja, wir sagen dazu biografisches Arbeiten.

Wo sehen Sie die Herausforderungen für die Angehörigen?
Benner: Für die Angehörigen bedeutet die Erkrankung eine Belastung auf den unterschiedlichsten Ebenen. Es verändert sich die Kommunikation, man kann mit dem Demenzkranken Probleme nicht mehr rational besprechen. Situationen schaukeln sich hoch, ich fühle­ mich nicht mehr geliebt. Die Nachtruhe fehlt unter Umständen. Viele pflegende Angehörige sind auch selbst schon krank.

Menschen mit Demenz leben im Hier und im Jetzt 

Wie verändert Demenz die Kommunikation konkret?
Benner: Demenzkranke sprechen ab einem bestimmten Stadium in der Regel nicht mehr von sich aus. Menschen mit Demenz brauchen daher Hilfestellung beim Sprechen. Ich muss als Angehöriger den Gesprächsanlass liefern, indem ich ein Bild oder einen Gegenstand zur Hilfe nehme, sei es von früher oder jetzt aktuell. Orientierung geben kann ich, indem ich jahreszeitlich den Tisch dekoriere und im Gespräch auf die Kastanien zurückgreife. Auch mal eine Geschichte langsam vorlesen – auch damit werden ­Erinnerungen wach, und dann kommt man auch wieder ins 
Gespräch.

Ich suche also Anknüpfungen an die tiefe Vergangenheit oder an das, was gerade jetzt passiert?
Benner: Ja, man sagt auch, dass Menschen mit Demenz im Hier und im Jetzt leben. Das, was sie gerade sehen, ist für sie aktuell und gültig.

Selbstwertgefühl der Betroffenen leidet

Was passiert, wenn ich versuche, Demenzkranken Dinge nachvollziehbar zu erklären?
Benner: Wenn das Kurzzeitgedächtnis nicht mehr funktioniert und ich in meiner normalen Sprechgeschwindigkeit spreche, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Demenzkranke alles hört, versteht und abspeichert, sehr gering. Wenn dann auch das logische Denken nicht mehr funktioniert, fehlt die Basis für den Problemlösungsansatz. Das muss ins Leere laufen. 
Etwas anderes passiert: Der 
Demenzkranke bekommt zu spüren, dass er etwas nicht kann. Er wird vorgeführt, und darunter leidet sein Selbstwertgefühl.

Wertschätzung spielt deshalb in Ihren Augen eine große Rolle …
Benner: Es ist ganz wichtig, Demenzkranke zu loben. Nicht auf Defizite hinweisen oder kritisieren. Auch nicht so ein großes Aufhebens machen, wenn etwas nicht gelingt. Sondern sich freuen über ein Ergebnis. Ihnen auch Erfolgserlebnisse verschaffen, indem ich sie Dinge tun lasse, die sie noch können.

von Hartmut Bünger