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Hinterland Altes Amtsgericht ist bezugsfertig
Landkreis Hinterland Altes Amtsgericht ist bezugsfertig
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18:56 08.11.2020
Gade-Geschäftsführer Jochen Schröder begann die Führung durch das ehemalige Amtsgerichtsgebäude im Erdgeschoss. Quelle: Gianfranco Fain
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Gladenbach

Der wieder gut leserliche Schriftzug „Königliches Amtsgericht“ an der Fassade zeugt davon, welch stolze Geschichte das 1907 gebaute Gebäude in der Gießener Straße vorweisen kann.

Nach Jahrzehnten des Niedergangs und dem Tiefpunkt eines über Jahre währenden Leerstands ist es nun bereit für eine neue Nutzungsart. In einer rund zwölf Monate währenden Umbauzeit verwandelte die Gade-Gruppe das Kulturdenkmal in rund 600 Quadratmeter Wohnraum.

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Nach Plänen der Architektin Elena Stei entstanden acht Wohnungen mit Größen von 60 bis 100 Quadratmetern, zwei im Untergeschoss sowie je drei auf der mittleren und der oberen Ebene.

Die optisch herausragende und auch größte Wohnung liegt im Obergeschoss, wo einmal der Schwurgerichtssaal war. Dort blieb nicht nur die historische Holzdecke erhalten, die auf einer Empore greifbar nahe ist, auch die Bleiverglasung einiger Fenster ist noch die ursprüngliche.

Spezialisten erhalten Kulturgüter

Bei anderen ersetzte ein Glaser die Originale zwischen den Stegen durch transparenteres Glas, damit die späteren Mieter hinausblicken können, erläutert Jochen Schröder bei einer Führung durchs Gebäude. Laut des Geschäftsführers von Gade Schlüsselfertigbau erfolgten alle Veränderungen in enger Abstimmung mit Bezirkskonservator Dr. Bernhard Buchstab.

Denn beim alten Gladenbacher Amtsgerichtsgebäude handelt es sich um ein Kulturdenkmal. Deshalb arbeiteten Spezialisten die alten Eichenfenster auf, beließen es – wo es ging – bei Doppelfenstern, wo nicht, entstanden neue, die an den Stil der ursprünglichen angelehnt sind.

Aufgefrischte und in weiß gestrichene Kassetten-Vollholztüren, aufpolierte alte Beschläge beziehungsweise neue im antiken Design oder ebensolche Klingelknöpfe runden das Bild ab.

Selbst die Farbgestaltung ist an die antike Auswahl angelehnt. Davon zeugt eine freigelegte Stelle in der Eingangshalle, an der die alten Farbmuster noch zu sehen sind. So dominieren helle Weiß- und Grüntöne an den Wänden, die mit den braunen Böden und Zierleisten harmonieren. Nach wie vor dominiert die großzügige Treppe von der Eingangshalle bis in das Obergeschoss das Innere des Gebäudes.

Nicht sichtbar sind die neue Haustechnik sowie die Strom- und Wasserversorgung. Im Keller sind die Heizanlage und Abstellräume untergebracht, die ehemalige Arrestzelle ist nun der Hauswirtschaftsraum. Von Außen ist die Veränderung des Gebäudes ebenfalls zu sehen an der gereinigten und frisch gestrichenen Fassade sowie den für jede Wohnung angebrachten Balkonen.

Nur der Dachboden bleibt ungenutzt, obwohl dieser genügend Raum und auch Höhe für weitere Wohneinheiten böte. Das wäre für die Eigentümer unwirtschaftlich, erläutert Jochen Schröder, der das Gesamtvolumen des Umbaus samt Kauf des Gebäudes mit rund zwei Millionen Euro beziffert. Die ersten Mieter ziehen diesen Monat ein.

Vom Großherzoglichen zum Königlich Preußischen Amtsgericht

Das „Königliche Amtsgericht“ in der Gießener Straße zählt zu den architektonisch eindrucksvollsten Gebäuden in Gladenbach. Seine Geschichte beschreibt Amtsgerichtsdirektor a. D. Wilhelm Dörr im Buch „Gladenbach und Schloß Blankenstein“. Seit dem Jahr 1821 gab es im Amtshaus am Markt 9 ein Gericht.

1866 wurde aus dem ehemaligen „Großherzoglichen Landgericht Gladenbach“ das „Königlich Preußische Amtsgericht Gladenbach“. Für ein neues Gebäude erwarb der Justizfiskus 1904 von der Stadt im Tausch gegen das Anwesen am Markt ein an der Peripherie gelegenes Grundstück an der Landstraße nach Gießen. Das 120.000 Reichsmark teure Gebäude war 1907 fertig. „Es war geräumig, solide und zweckmäßig errichtet und verfügt über einen besonders schönen Sitzungssaal“, schreibt Dörr, der letzte feste Richter in Gladenbach.

Nachdem die Zuständigkeit des Gerichts in den ersten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts schrumpfte, erfolgte 1948 der Zuschlag der Amtsgerichtsbezirke Gladenbach und Biedenkopf an den Landgerichtsbezirk Marburg. 1968 wurde Gladenbach zur Zweigstelle des Amtsgerichts Biedenkopf. Über dem Eingang steht in Stein gehauen „Königliches Amtsgericht“. Diese Inschrift verdeckte 1918 nach dem Abdanken des Kaisers von Preußen eine Mörtelschicht, die Dörr 1986 entfernen ließ.

In der Gießener Straße waren neben dem Grundbuchamt auch eine Rechtsantrags- und -auskunftsstelle, ein Polizei-Stützpunkt und eine Außenstelle der Bewährungshilfe des Landgerichts untergebracht. Ab 2003 schloss das Land Hessen alle Amtsgerichts-Zweigstellen. Im Jahr 2005 übernahm das Hessische Immobilienmanagement das Gebäude. Es wechselte Jahre später für weniger als 400.000 Euro den Besitzer.

Von Gianfranco Fain

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