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Hinterland Drogengeld für Grabsteinkauf
Landkreis Hinterland Drogengeld für Grabsteinkauf
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17:59 16.01.2020
19-Jähriger verkaufte fast ein Jahr lang Marihuana in Gladenbach und Bad Endbach. Quelle: Gretel Johnston/dpa/Archiv
Marburg

Eine ungewöhnliche Begründung hatte ein 19-jähriger Drogendealer für seine Taten: Er habe mit dem eingenommenen Geld einen Grabstein für seine verstorbene Mutter kaufen wollen, sagte er vor dem Jugendschöffengericht in Marburg.

Ebenso ungewöhnlich ist, dass der gebürtige Frankfurter das Marihuana zwar verkaufte, selbst aber offenbar kein Konsument ist. Als Elfjähriger war er in eine Wohngruppe in Bad Endbach gezogen und wurde dort betreut.

Ein Jahr nach dem Umzug starb die Mutter nach langer Krankheit, der Vater konnte sich nicht um den Jungen kümmern, der sei zeitweise obdachlos gewesen, sagte der Angeklagte. Den Tod der Mutter habe er noch immer nicht verarbeitet. Den Grabstein habe er nicht anders finanzieren können, mit einem Verdienst aus legaler Arbeit müsste er das Leben in der Wohngruppe mitfinanzieren. In Auftrag gegeben ist der Gedenkstein bislang allerdings nicht.

In Gladenbach wird „öfters was geraucht“

Als Jugendlicher blieb er weitgehend unauffällig, abgesehen von einem – eingestellten – Strafverfahren wegen Körperverletzung. Im März 2018 begann er mit dem Verkauf von Marihuana, das er in Frankfurt erwarb und mit einem Gewinn von zwei bis drei Euro je Gramm in Gladenbach und Bad Endbach weiterverkaufte.

„Ich habe mitgekriegt, dass in Gladenbach öfters was geraucht wird“, begründete er seine illegale Geschäftsidee. Die Verkäufe soll er per Whats-App abgesprochen haben, ­berichtete ein Oberkommissar vor Gericht. Eine weitere Untersuchung des Smartphones schlug fehl, weil die Daten gelöscht wurden. Schließlich, im Februar 2019, zeigte ihn der ­Vater eines jungen Käufers an, die Polizei fand im Zimmer des Angeklagten Drogen, Bargeld und weiteres Zubehör wie eine Feinwaage.

Etwa 800 Euro nimmt 
der junge Mann ein

Am Anfang verkaufte der ­Angeklagte monatlich etwa 20 Gramm, später lief das Geschäft besser, etwa 40 Gramm fanden ihre Abnehmer. Die Zahlen hat die Polizei errechnet: „Ob die 40 Gramm stimmen, weiß ich nicht“, sagte der 19-Jährige.

Etwa 800 Euro habe er eingenommen, schätzte der Angeklagte – das entspricht etwa auch der Summe, die die Polizei bei ihm gefunden hatte.
Inzwischen lebt er in einer Wohngruppe des St.-Elisabeth-Vereins in Marburg, wird nicht mehr rund um die Uhr betreut und soll so auf ein selbstständiges Leben vorbereitet werden. Er hat erst den Hauptschul-, dann den Realschulabschluss geschafft, möchte im Sommer eine Lehre als Koch oder in einer Verwaltung beginnen.

Verteidiger sieht „enorme Naivität“

Verteidiger Winfried E. Nagel bescheinigte seinem Mandanten eine „enorme Naivität“. 
„Er braucht einen Schuss vor den Bug.“ Den bekam der 19-Jährige: Richterin Maja Schlenzig setzte die Entscheidung über die Strafe zur Bewährung aus. Der Angeklagte darf sich in den nächsten zwei Jahren nichts zu Schulden kommen lassen, ansonsten wird er verurteilt.

Als Auflage muss der Angeklagte 80 Stunden gemeinnützige Arbeit ableisten und zwei Gespräche bei der Sucht- und Drogenberatung führen. Dabei, so hofft die Richterin, solle der 19-Jährige erfahren, welche gefährlichen Folgen der Konsum von Marihuana haben kann. „Das ist nichts Harmloses.“

Schlenzig wendete Jugendstrafrecht an. „Als Erwachsener liegt die Mindeststrafe bei einem Jahr“, warnte sie. „Sie sind mit einem blauen Auge davongekommen.“

von Mark Adel