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Hinterland „Die Schulen sind überfordert“
Landkreis Hinterland „Die Schulen sind überfordert“
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09:00 16.11.2020
Neben dem Tragen von Masken gehört das regelmäßige Lüften der Klassenräume zum Hygienekonzept an den hessischen Schulen. Daher ziehen sich manche Schüler wärmer an, zum Beispiel mit einer Mütze. Quelle: Boris Roessler/dpa
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Dautphe

Er ist 19 Jahre alt, Berufsschüler, Vorsitzender des Kreisjugendparlaments und kommt aus Dautphe: Im Interview spricht Leon Löffler über den Schulunterricht in der Corona-Krise.

Herr Löffler, wie beurteilen Sie als Vorsitzender des Kreisjugendparlaments die aktuelle Situation an den Schulen und Berufsschulen?
Ich glaube, dass die Lehrer und auch die Direktoren mit der Situation sehr überfordert sind. Das ist mir erst vor kurzem an unserer Berufsschule in Marburg aufgefallen. Dort gibt es Sportunterricht, und die Schüler verschiedener Klassen sind zusammen in Kurse eingeteilt. Mir war klar, dass dies nicht lange funktionieren kann.

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Und schließlich wurde uns mitgeteilt: Ihr dürft nicht mehr zusammen vor der Halle warten, auch nicht mehr zusammen Sport machen. Die Kurse wurden also aufgelöst. Da dachte ich mir: Schön, dass euch das jetzt erst auffällt, das hätte ich euch schon in den Sommerferien sagen können. Nun fällt der Sportunterricht aus, und es wird etwas anderes geplant. Man hätte Kursunterricht von Anfang an nicht mehr gemeinsam veranstalten dürfen. Die Lehrer wissen nicht, wie sie mit der Situation umgehen sollen.

Das heißt?
Sie verhalten sich teilweise panisch. Wenn ein Schüler erzählt, jemand in seinem Umfeld habe sich auf Corona testen lassen, wird er sofort aufgefordert, sich auch testen zu lassen. Sie scheinen nicht zu wissen, wie sie dann mit dem Schüler umgehen sollen.

Wie schätzen sie die Reaktion von Schulleitungen und Schulamt ein?
Da gilt dasselbe: Die Direktoren und auch das Schulamt möchten das Beste in der aktuellen Situation machen, also die Schüler unterrichten lassen und einen einwandfreien Arbeitstag für die Lehrer. Aber sie haben mit den Bestimmungen des Landes und des Bundes zu tun und müssen dann sehen, wie sie diese umsetzen. Das funktioniert nicht immer reibungslos. Ein Beispiel: Jeder soll 1,50 Meter Abstand zu seinem Sitznachbarn einhalten – aber das ist schwierig, wenn man in einem kleinen Klassenraum sitzt. Damit sind die Schulen oft überfordert, es mangelt an Ideen, wie man mit der Situation umgehen sollte.

Haben Sie Vorschläge?
Zum einen halte ich aufgeteilten Unterricht für sinnvoll, wie er beim ersten Lockdown ja auch durchaus praktiziert wurde. Die Klasse A kommt also montags, mittwochs und freitags, die Klasse B an den anderen Tagen, und das wird wöchentlich gewechselt. So hat man nicht ganz so viele Schüler in den Schulen.

Es sollte sich etwas in Sachen Online-Unterricht tun

Zum anderen sollte sich etwas in Sachen Online-Unterricht tun, der dann für diejenigen Schüler angeboten würde, die gerade nicht am Präsenzunterricht teilnehmen. Dazu müssten die Schüler, soweit es geht, mit Tablets oder Laptops ausgestattet werden. Und die Lehrer müssten geschult werden, damit ebenfalls umzugehen und so Online-Unterricht halten zu können.

Also ist die technische Ausstattung der Schulen zu verbessern?
Wir haben das gerade erst in der WhatsApp-Gruppe des Kreisjugendparlaments diskutiert, um ein Stimmungsbild zu bekommen. Es kommt demnach oft auf das Alter der Lehrer an – viele wissen das Internet als Lerninstrument zu nutzen, andere nicht.

Man müsste also einerseits die Schüler technisch ausstatten, vor allem sozial schwächer gestellte, die sich vielleicht kein Laptop oder Tablet kaufen können. Da ist ganz klar der Staat gefragt, das können die Schulen finanziell nicht leisten. Andererseits müsste man eben dafür sorgen, dass die Lehrer in der Lage sind, von der fünften Klasse bis zur Oberstufe digitalen Unterricht anzubieten. Wir haben in den Schulen oft nicht die nötigen Mittel – da hapert es häufig schon an einer vernünftigen Internet-Verbindung.

Bringt Corona also Probleme zum Vorschein, die man längst hätte lösen müssen?
Ich sage ja. Tatsächlich hoffe ich es sogar. Ich hoffe, dass das Kultusministerium merkt, dass wir einige Dinge schlicht verpennt haben. Die Digitalisierung ist da ein gutes Beispiel: An meiner alten Schule in Dautphetal wurde ich noch mit Tafel und Kreide unterrichtet. An der kaufmännischen Schule in Marburg gibt es aber nur noch Smartboards statt Tafeln. Die beiden Orte liegen 25 Kilometer auseinander, aber die Unterschiede sind sehr deutlich.

Eine Schule muss heutzutage eine stabile Internet-Verbindung haben, was leider immer noch nicht selbstverständlich ist. Und sie sollte nicht mehr mit Overhead-Projektoren arbeiten, sondern mit Beamern und Digitaltechnik.

Das hat nämlich noch einen Vorteil: Die Schüler haben wieder Spaß am Lernen. Wir haben das Jahr 2020, da ist Digitalisierung ein Muss.

Auch mit Blick auf die Zukunft?
Ganz genau. Wer eine Schul- oder Berufsausbildung macht, muss sich mit diesen Themen auskennen. Dafür ist eine gute technische Ausstattung die Grundlage. Da müssen Land und Bund einfach Geld in die Hand nehmen.

Fühlen Sie sich selbst im Unterricht sicher?
Man hat viele Monate verstreichen lassen, ohne sich um ein Hygienekonzept zu kümmern. Auch das ist eine Frage der Ausstattung: Man hätte die Klassenräume mit Seife, Tüchern und Desinfektionsmittel versehen müssen. Und sicherstellen, dass überall gelüftet werden kann. Ich persönlich fühle mich soweit sicher. Eine Maske im Unterricht zu tragen, empfinde ich etwas störend, weil ich mich damit schlecht konzentrieren kann. Ich denke, bei ausreichendem Abstand könnte es auch ohne Maske gehen.

von Markus Engelhardt

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