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Hinterland Kontaminiertes Gelände liegt auf Eis
Landkreis Hinterland Kontaminiertes Gelände liegt auf Eis
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15:59 21.01.2021
Filmteams berichteten vom Schicksal der Familie Ermagan und ihrem Kauf eines mit Altlasten kontaminierten Grundstücks im Bad Endbacher Ortsteil Wommelshausen.
Filmteams berichteten vom Schicksal der Familie Ermagan und ihrem Kauf eines mit Altlasten kontaminierten Grundstücks im Bad Endbacher Ortsteil Wommelshausen. Quelle: Gianfranco Fain
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Bad Endbach

Das stellten sich Süheyla und Habib Ermagan im März des vergangenen Jahres ganz anders vor. Damals waren sie erleichtert, damals beendete Alexandra Hille, Richterin am Biedenkopfer Amtsgericht, mit ihrem Urteil einen jahrelangen Streit um einen Grundstückskauf im Jahre 2014 in der Gemeinde Bad Endbach.

Dieses lautete auf neun Monate Haft auf Bewährung für die Verkäuferin des Grundstücks, auf dem die Ermagans im Ortsteil Wommelshausen ihr Eigenheim errichten wollten.

Das Gericht erkannte den Fall eines besonders schweren Betruges, weil sich das als Bauland erworbene Grundstück als mit Altlasten kontaminiert herausstellte. Die Ermagans fanden unter anderem Ölrückstände, asbesthaltige Eternitplatten und viel Müll auf dem Gelände.

Doch die Erleichterung und Zufriedenheit der Ermagans über dieses Urteil, die Amtsrichterin ordnete auch den Einzug von 49.678,30 Euro an, währte nicht lange. Die damals 67-jährige Angeklagte und ihre Rechtsanwältin Nasely Heriknaz Beknazaryan legten gegen das Urteil Berufung ein. Seitdem liegt der Fall beim Marburger Amtsgericht, seitdem sind auch die zivilrechtlichen Klagen ausgesetzt.

Corona verzögert den Ablauf

Und die Familie Ermagan quält sich mit den Fragen, weshalb ihr Leidensweg kein Ende findet, weshalb sich das Finden eines endgültigen Urteils so in die Länge zieht. Dies beantwortet Richter Dr. Marcus Wilhelm als Sprecher des Landgerichts auf Anfrage der OP. Das Gericht habe „weitere umfangreiche Ermittlungen eingeleitet“; unter anderem sollten die Belastung des Grundstücks und die sich daraus ergebenden Auswirkungen auf den Grundstückswert ermittelt werden.

Wann dieses Gutachten und die Ergebnisse der weiteren Ermittlungen vorliegen, vermag Dr. Wilhelm nicht zu sagen. Dauert ein solches Gutachten unter normalen Gegebenheiten schon seine Zeit, so sei wegen der Restriktionen während der Corona-Pandemie eine seriöse Prognose nicht möglich.

Fünf Monate Zeit für ein Gutachten

Habib Ermagan ist natürlich nicht erfreut über diese weitere Verzögerung. „Fünf Monate Zeit für ein Gutachten“ findet er sehr großzügig bemessen. Dabei hatte das Ehepaar auf ein schnelles Ende gehofft. Sie fühlen sich durch das Urteil des Amtsgerichts in ihrer Annahme bestätigt, betrogen worden zu sein.

Die Angeklagte habe die Mängel des Grundstücks gekannt und beim Verkauf, trotz gegenteiliger Behauptung im Kaufvertrag, verschwiegen, erklärte Richterin Hille zur Urteilsbegründung. Sie führte unter anderem eine mit Teer gefüllte Grube, eine Ölrückhaltewanne, die als „Schwimmbad“ bezeichnet wurde, eine mit asbesthaltigen Eternit-Platten verschalte Bruchstein-Mauer sowie anderen Müll auf, der auf dem Grundstück verteilt war.

Vorbesitzerin: Es war nicht zu übersehen

Das Gericht stützte sich bei seiner Urteilsfindung auf die Angaben des ehemaligen Lebensgefährten der Angeklagten. Diese habe die Zustände auf dem Gelände gekannt, weil sie alles gemeinsam gemacht hätten, sie alles gesehen habe. Er bezog sich auf die Eternit-Platten, das Rückhaltebecken für die Öltanks und auch die Teergrube, in der er sich mit einem Bagger festfuhr.

Auch die Vorbesitzerin des Geländes, die mit ihrem Ehemann dort einen Baustoffhandel betrieb, berichtete, die Angeklagte sei über den Baustoffhandel informiert gewesen, weil „es nicht zu übersehen war“ – die Öltanks standen noch, das Gebäude und Lagerstätten für Kohle waren vorhanden.

Verteidigerin Beknazaryan warf dem ehemaligen Lebensgefährten ihrer Mandantin vor, selbst Hoffnungen auf das Grundstück gehabt zu haben. Schließlich habe er an Haus und Hof zwölf Jahre gearbeitet und ginge nun komplett leer aus, sei handgreiflich ge­worden. Sein Auftreten vor Gericht gleiche einer Abrechnung. Es sei eine Retourkutsche, um die Angeklagte „zu erledigen“.

Von Gianfranco Fain

20.01.2021
20.01.2021