Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Hinterland Riesen der Landstraße klein gemacht
Landkreis Hinterland Riesen der Landstraße klein gemacht
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:00 11.12.2019
Mit einer Taschenlampe erhellt Klaus Damm die Führerkabine seines H0-Sattelzug-Modells, um den Interessenten von ihm angefertigte Winzigkeiten wie den Kaffeebecher und die Packung Tempotaschentücher des imaginären Fahrers zu zeigen. Quelle: Gianfranco Fain
Gladenbach

Es ist wie ein Heimspiel, als der Erdhäuser am Sonntag, 8. Dezember, einige seiner mehr als eintausend Modelle präsentiert. Und wie auf jeder Schau ist Klaus Damm pausenlos am erklären und muss die häufigste Frage beantworten: „Nein, die Modelle sind nicht zu kaufen.“ Und manchmal fügt er auch ­eine Erklärung an: „Das ist mein Lebenswerk.“ Schließlich interessiert sich der 57-Jährige schon seit seinem 10. Lebensjahr für Lastwagen.

Erst schnitt er die Werbung aus Zeitungen aus und archivierte sie, steigerte sich dann auf Prospekte der schweren „Brummis“. Da aber Originale in Erdhausen rar waren, rückten die Modelle in den Vordergrund. Den ersten Bausatz, ein Mercedes-Benz 1628 S, klebte der heute 57-Jährige 1984 zusammen. Seitdem folgt ein Modell nach dem anderen. Erst im Maßstab 1:24, später auch in H0-Größe, und immer mit dem Ziel, Fahrzeuge mit regionalem Bezug darzustellen.

Schon auf mehr als 100 Ausstellungen zeigte Klaus Damm seine Lastwagenmodelle. Nach gut 20 Jahren gastierte er wieder bei der Börse der Modellbahnfreunde Rachelshausen.

Auch dies bedingt, die Bausätze nur noch als Grundgerüst zu nutzen, eigene Teile aus Polyesterol mit Messer und Feile­ selbst herzustellen oder an der eigenen Fräsmaschine oder Drehbank aus Blöcken zu formen. Diese Handarbeit ist für Damm als gelerntem Stahlformenbauer kein Problem, höchstens eine Geduldsprobe.

Natürlich könnte er, der mittlerweile bei Zimmermann in Erdhausen als CNC-Programmierer tätig ist, seine Modelle am Computer kreieren und als 3-D-Druck auf die Räder stellen. Doch zu Hause auch noch vor dem Computer zu sitzen, das mag der Erdhäuser nicht mit seinem Hobby verknüpfen.

Lieber hält er es wie in seinem Beruf, entwickelt Ideen und Konzepte, fragt sich: Wie stelle ich was, und vor allem woraus, her? So kommt es, dass ein Kugelgelenk aus einem Fotostativ in einem Seiten-Kipper landet, oder Seidenstrümpfe als Vorhänge sowie Stoffreste als Sitzbezüge in der Fahrerkabine verarbeitet werden. „Kreativität ohne Ende“, nennt Damm das.

Zwei Stunden Bastelzeit für eine Schneekette

Auch eine Radio-Antenne funktionierte er schon zu einem hydraulischen Zylinder für einen Muldenkipper um oder fertigte für diesen aus einer drei Meter langen Graupner-Ankerkette Schneeketten. Sechs Räder hat der Mercedes-Nachbau, für jede Kette inklusive selbstgefertigter Bindeglieder benötigte der Junggeselle zwei Stunden. „Das ganze sechs Mal. Das kostet Überwindung.“ So kommen locker 150 bis 200 Stunden Bauzeit für ein Modell zustande.

Dennoch liebt er besonders seine Schaustücke im Maßstab 1:24, erzählt den Interessenten der Ausstellung, wie er die in der Kabine liegenden Zeitschriften der Kraftfahrer anfertigte. Nämlich indem er ein Exemplar kaufte, auf den Hof des Hauses legte und aus dem ersten Stock fotografierte. Oder berichtet denjenigen, die sich bereitwillig bücken, weshalb eine Koje im Führerhaus unbenutzt, die andere noch zerwühlt ist: „Weil der Fahrer verpennt hat“.

Der Detailreichtum, die Hingabe, mit der Klaus Damm seine Modelle präsentiert, lassen den Funken überspringen, zaubern ein Lächeln auf die Gesichter der Bewunderer. „Es ist eine Freude, andere an der eigenen teilhaben zu lassen“, bekennt Damm. Das ist neben den entstandenen Freundschaften mit Gleichgesinnten auch ein Grund, weshalb er Ausstellungen in Mainz-Kastell, Erfurt oder gar in Frankreich bereichert.

Der ideelle Wert ist unbezahlbar

Gern erinnert er sich an ­eine zweitägige Präsentation­ am Frankfurter Flughafen, als Scheichs unter den 15.000 Besuchern seine Modelle bewunderten, diese kaufen wollten, ganz egal zu welchem Preis. Doch die Antwort ist immer gleich. Der ideelle Wert ist ­unbezahlbar. Eine Ausnahme machte Klaus Damm jedoch. Für den Dautphetaler Spediteur Ewald Burk fertigte er zum 50-jährigen Jubiläum „für wenig Geld“ zwei Nachbauten der damaligen Firmenfahrzeuge an.

Die weiteren, eigenen Exemplare mit dem aufgemalten Schriftzug haben einen hohen Wiedererkennungswert. Einige­ ehemalige Angestellte und Fahrer der Spedition kommen am Sonntag mit Damm ins Gespräch, erinnern sich an die Namen der Kinder und Enkel, die Burk auf die Fronten seiner Fahrzeuge verewigte. Für diese­ holt der Erdhäuser seine Unterlagen heraus, um unter anderem die Namen Bildern zuzuordnen.

Auch der Fuhrpark der Spedition Kautetzky zieht in der ­H0-Größe bewundernde Blicke an. Für einen tiefen Einblick in die 1:87-Modelle, müssen sich die Zuschauer aber noch tiefer zum Ausstellungstisch hinunterbücken. Dann leuchtet Klaus Damm mit ­einer ­Taschenlampe ins Fahrerhaus und zeigt, was er auf die Ablage postiert hat: Der Kaffeebecher des Fahrers und eine ­Packung ­Tempotaschentücher liegen dort griffbereit.

Die Spedition Kautetzky gibt auch die Vorlage für sein nächstes Projekt. Es wird ein Kühl-Sattelzug, der mehr als zwei Millionen Kilometer zurückgelegt hat. Weit weniger Kilometer spulte Damm mit seinem neuen­ Hobby, dem Fahrradfahren, ab. Doch auch dabei hält Klaus Damm immer die Augen offen auf der Suche nach neuen Vorlagen und Ideen.

von Gianfranco Fain