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Hinterland Kindheitsträume werden für Wettläufer wahr
Landkreis Hinterland Kindheitsträume werden für Wettläufer wahr
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14:00 20.07.2022
Grenzgang Marsch: Am zweiten Tag beginnt endlich der Gang über die Grenze.
Grenzgang Marsch: Am zweiten Tag beginnt endlich der Gang über die Grenze. Quelle: Benedikt Bernshausen
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Buchenau

Wer Wettläufer beim Buchenauer Grenzgang ist, hat seinen festen Platz in der Dorfchronik. Lars Heerdegen und Niklas Reisch werden wohl eine Sonderstellung einnehmen: als die Wettläufer des Corona-Grenzgangs.

Findet der Grenzgang statt? Oder nicht? Für alle Buchenauer ist das seit zwei Jahren die Frage und für die beiden Wettläufer besonders. Denn sie müssen sich viel stärker vorbereiten als alle anderen Grenzgänger.

Freunde seit Kindertagen

Am Donnerstag, 21. Juli, beginnt nun das Heimatfest. Für die beiden ist es ein Traum, Wettläufer zu sein – und das auch noch gemeinsam. Sie kennen sich seit Kindertagen, waren gemeinsam in der Schule, unternehmen bis heute viel zusammen. Und gemeinsam entstand die Idee, sich als Wettläufer zu bewerben: Beim Mountainbiken mit Christian Platt, der zusammen mit Stefan Landschneider 2013 Wettläufer war. „Er hat immer wieder davon erzählt“, sagt Niklas Reisch. Historisch geht der Grenzgang auf Begehungen im Mittelalter zurück, als Streitigkeiten zwischen Dörfern mit solchen Begehungen ausgeräumt werden sollten. Die Wettläufer sollen mit ihrem Peitschenknallen Eindringlinge verscheuchen, den Grenzgangzug antreiben und entlang der Grenze führen.

„Meine Mutter war als Komitee-Mitglied beim Grenzgang 1992 mit mir schwanger, ich habe damals quasi noch im Mutterbauch die Grenze überquert“, sagt Reisch und lacht. Sein Vater war damals Kassierer. „Wir sind eine total grenzgangsbegeisterte Familie.“ Heerdegen ist im selben Jahr geboren, auch sein Vater war Kassierer: „Und ich habe das alles schon als kleiner Junge mitbekommen.“ – „Aus einer Feierlaune heraus haben wir den Entschluss gefasst, uns zu bewerben“, erinnert sich Reisch. Das war 2017, im September 2018 wurden beide gewählt. Wichtigster Ratgeber und Trainer für die Vorbereitung war Christian Platt. Aber auch viele andere ehemalige Wettläufer gaben wertvolle Tipps.

Reisch, Mitglied der Burschenschaft Damm, und Heerdegen, Burschenschaft Muth, intensivierten das Training. Krafttraining, Laufen und Höhenmeter sollten auf die körperliche Herausforderung vorbereiten. Denn beim Grenzgang eilen die Wettläufer von vorne nach hinten und lassen immer wieder die Peitschen knallen.

Neun Jahre nach vorherigem Grenzgang darf gefeiert werden

Dann der Schock: Die Corona-Pandemie machte den Grenzgang 2020 unmöglich. „Man hat sich schon die Frage gestellt: Wofür hast du jetzt den ganzen Aufwand betrieben? Die Vorbereitung hat ja viel Freizeit gefressen“, sagt Niklas Reisch, der als Programmierer in Gladenbach-Mornshausen arbeitet. Es gab ja für die Offiziellen Termine, Treffen und Auftritte. Im vergangenen Jahr hieß es: auf ein Neues! Doch auch 2021 machte Corona den Buchenauern einen Strich durch die Rechnung. „Das war wie in einem schlechten Film“, sagt Reisch.

Doch mit zweijähriger Verspätung, neun Jahre nach dem bislang vorherigen Grenzgang, darf gefeiert werden. Und alle Augen werden sich auf die beiden Wettläufer richten. „Das ist ein Kindheitstraum. Das machst du nur einmal im Leben“, sagt Niklas Reisch. Auch im Dorf sei die Begeisterung spürbar. „Wir haben öfter mal im Dorf geplatzt, um die Leute mitzunehmen“, sagt Reisch. „Viele haben nicht daran geglaubt, dass der Grenzgang tatsächlich noch stattfindet.“ Im Fitnessstudio haben die Wettläufer mit gezielten Trainingsplänen die Muskeln aufgebaut – etwa fürs „Hopsen“, also das traditionelle Heben von Grenzgängern über die Steine.

Zur Unzeit kam deshalb die Corona-Infektion, von der Heerdegen und Reisch erst vergangene Woche genesen sind. Ob tatsächlich das volle Programm möglich ist, bleibt abzuwarten. Auch das Komitee habe das klare Signal gesendet: Die Gesundheit geht vor, berichten Reisch und Heerdegen. Beide wollen ihr Bestes geben. Es stehen keine Ersatz-Wettläufer bereit. Aber sie sind zuversichtlich: „Mit der Vorfreude und dem ganzen Adrenalin werden wir das schaffen“, sagt Heerdegen.

Die erste Herausforderung wartet am Freitagmorgen am Rathaus. Dann werden die beiden Wettläufer in voller Montur vor tausenden Besuchern die Peitschen knallen lassen. „Da werden wir sicher nervös sein“, sagt Reisch.

Heerdegen, der als Technologe bei Biontech arbeitet, freut sich besonders auf die „einzigartige Stimmung“ auf den Frühstücksplätzen.

Von Mark Adel