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Hinterland Wenn die Tagesmutter krank wird
Landkreis Hinterland Wenn die Tagesmutter krank wird
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10:00 19.09.2019
Seit August vertritt Daniela Kreißl (links), die Gladenbacher Tagesmutter Pia Prochazka (rechts). Die betroffenen Kinder und deren Eltern sind froh, denn die Wartezeit von Mai bis August war schwierig zu überbrücken. Quelle: Regina Tauer
Gladenbach

Der Engpass macht sich heute schon bemerkbar, Wartelisten für die Betreuung der Unter-Dreijährigen sind der Normalfall. Auch wer sein Kind untergebracht hat, muss damit rechnen, dass nicht sofort Ersatz zur Verfügung steht, wenn die Tagesmutter ausfällt.

Mehr als sechs Wochen lang waren Eltern auf sich allein gestellt, weil Tagesmutter Pia Prochazka seit einem Unfall im Mai mit einer Knieverletzung pausieren muss. Seit Anfang August kümmert sich Daniela Kreißl um die fünf Kleinkinder. Sie kommt aus Stadtallendorf und betreut die Kinder im Haus von Prochazka. Keine Selbstverständlichkeit. Doch so können die Kinder in ihrer gewohnten Umgebung bleiben, sagt sie.

Der Landkreis habe sich viel Zeit gelassen, moniert Mutter Anna-Lena Körfer, „wir mussten Druck machen, damit etwas passiert ist“. Nicht jeder habe Familie in der Nähe, die auch mal einspringen könne. Die ­Eltern unterstützen sich zwar auch gegenseitig. „Doch irgendwann sind auch die eigenen Urlaubstage weg“, sagt Körfer. Dabei hätten die Eltern Anspruch darauf, dass das Jugendamt eine Ersatzbetreuung gewährleiste.

Eltern: Kinder müssen Betreuungsperson kennen

Beim Landkreis räumt man ein, dass „wegen eines längerfristigen Ausfalls einer Tagespflegeperson mehrere Abstimmungen notwendig waren, um eine Lösung zu finden, die durch die Eltern angenommen werden konnte“. Ein kurzfristiges Angebot sei aber von den Eltern abgelehnt worden. „Die Kinder müssen die Betreuungsperson kennen“, halten die Eltern entgegen. Dies sehe auch das Gesetz so vor.

„Wir hatten den Eindruck, unser Anliegen wird nicht ­angemessen beachtet“, sagt ­Ramon Bock. Überstunden und der eigene Urlaub seien „draufgegangen“, um die Betreuungslücke zu schließen. Tobias Karsten geht einen Schritt weiter: „Ich habe den Eindruck, dem Landkreis ist es egal oder man ist dort schlicht überfordert.“ Die Eltern fordern ein verlässliches Vertretungskonzept für die Tagesmütter, wie es die Stadt Marburg seit Jahren praktiziere.

Auch Margarete Kuhrt (Freie Wähler), die zum Thema Tagesmütter-Engpass im Stadtparlament eine Anfrage gestellt hatte, sieht Handlungsbedarf. Sie habe gehört, in Gladenbach solle ein „Vertretungsstützpunkt“ entstehen. Das trifft allerdings derzeit noch nicht zu.

Landkreis ermittelte Bedarf an Vertretungen

„Zur besseren Planungssicherheit für die Kinder, Eltern wie auch Tagespflegepersonen werden jetzt Strukturen geschaffen, die Vertretungsregelungen bereits vor einem Vertretungsfall festlegen“, heißt es auf Anfrage aus dem Landratsamt. Grundlage dafür sei der „in Zusammenarbeit mit allen im Kreis ­tätigen Tagespflegepersonen ­ermittelte tatsächlich bisherige Bedarf an Vertretungsmöglichkeiten“.

Etwa ein Drittel habe angegeben, dass Eltern ihnen gegenüber bereits einen Vertretungsbedarf angemeldet hätten, schwerpunktmäßig im Süd- und Ostkreis. „An diesen örtlichen Schwerpunkt knüpft ein erstes, über die bisherige Praxis der Ad-hoc-Vermittlung hinausgehendes, Pilotprojekt an, das derzeit final abgestimmt wird“, heißt es in der Antwort des Kreises weiter. Für die Dauer eines Jahres solle auch „der organisatorische Rahmen und die Übertragbarkeit auf andere Regionen des Kreises, zum Beispiel im Falle des Einsatzes von ,Springern‘“ erprobt werden. Parallel dazu werde an Lösungen unter Einbeziehung von Kindertagesstätten und sogenannte Freihalteplätzen, also reservierten ­Betreuungsplätzen, gearbeitet.

Übergangslösung

Zum Januar verlässt das „Wichtelhaus“ von Nadine ­Fischer-Damm Mornshausen. Die Tagesmutter zieht nach Marburg-Cappel um. Gladenbachs Bürgermeister Kremer verspricht eine Übergangslösung, mit der sich ­alle Gladenbacher Eltern, deren Kinder im „Wichtelhaus“ untergebracht sind, „einverstanden erklären“ könnten. Wie sie genau aussehen wird, ob die Stadt beispielsweise einen Fahrdienst anbietet, darauf wollte sich Kremer noch nicht festlegen.

„Die Anzahl der Unter-Dreijährigen steigt ständig an“, sagt Gladenbachs Bürgermeister Peter Kremer (parteilos). Er hofft, dass in zwei Jahren der Anbau am evangelischen Kindergarten stehe, um dort auch ein Angebot für die ganz Kleinen vorhalten zu können. Geplant sind eine Gruppe nur für Unter-Dreijährige und zusätzlich eine ­altersgemischte Gruppe.

Eigentlich hätte sich die Situation in Gladenbach entspannen können. Eine Frau, die gerade­ erst ihre Ausbildung zur Tagesmutter beim Landkreis abgeschlossen hat und in Gladenbach wohnt, wollte Betreuungsplätze für Kleinkinder anbieten. Der Wunsch scheiterte, weil sie keinen Vermieter für entsprechende Räumlichkeiten fand. Seitens der Stadt habe sie wenig Unterstützung erhalten, bedauert sie. In Niederwalgern wurde die Gladenbacherin rasch fündig, in der alten Sparkasse arbeitet sie nun als Tagesmutter.

von Regina Tauer