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Hinterland Spagat zwischen Abstand und Nähe
Landkreis Hinterland Spagat zwischen Abstand und Nähe
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15:59 25.06.2020
Alle Kinder der Gruppe 2 betreten die Kita Wirbelwind im Moment über den Spielplatz. Die Gruppe 1 benutzt einen anderen Eingang. Die Kita vermeidet so Kontakte zwischen beiden Gruppen. Quelle: Susan Abbe
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Biedenkopf

„Das nennt man eine dynamische Lage.“ Gisela Reifert, Leiterin der Biedenkopfer Kita „Wirbelwind“, lacht ein bisschen – auch wenn die Situation in Corona-Zeiten alles andere als einfach ist. Gerade hatte die Kita mit großem Aufwand den eingeschränkten Regelbetrieb zum Laufen gebracht.

Da teilt die Landesregierung mit, dass sich ab 6. Juli wieder vieles ändert. Unter Corona-Bedingungen Wege zu finden, die Kindern, Eltern und Erzieherinnen gerecht werden, bleibt ein Spagat, sagt Reifert.

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Auch in der Biedenkopfer Kita „Wirbelwind“ ist die Betreuung weiterhin stark eingeschränkt. Aber immerhin kann die Kita seit Juni allen Familien, die das wünschen, wieder ein Betreuungsangebot machen, berichtet Reifert.

Dabei gehe es keineswegs nur darum, die Eltern zu entlasten. „Wenn Kinder in die Kita gehen, geht es um das Miteinander; Kinder erleben sich hier als Teil der Gruppe; da geht es um soziale und emotionale Aspekte, die später auch zur Schulfähigkeit dazugehören. Wenn Kinder auf lange Sicht nur zu Hause sind, haben sie keine Chance, das zu lernen.“

Betreuung im Schichtbetrieb

Zugleich erzählt Gisela Reifert, dass sie aktuell nur deshalb genügend Plätze anbieten kann, weil einige Eltern aus Vorsicht ihre Kinder zu Hause behalten. Elf der insgesamt 38 „Wirbelwind“-Kinder besuchen die Kita nicht. Nur deshalb gibt es für die anderen 27 Kinder im Schichtbetrieb genug Kapazitäten. Jedes Kind darf an festgelegten Vor- oder Nachmittagen in die Kita kommen.

„Wir haben mit den Eltern besprochen, zu welchen Zeiten ihnen das am meisten hilft“, erklärt Reifert. Eltern in systemrelevanten Berufen haben Anspruch auf längere Betreuung. Im Großen und Ganzen seien aber für alle Kinder Lösungen gefunden worden.

Möglich wurde das auch, weil alle zehn „Wirbelwind“-Erzieherinnen wieder in der Kita arbeiten. Auch die vier Erzieherinnen, die laut Reifert zur Risikogruppe gehören, sind im Einsatz. Um sie zu schützen, muss der Kita-Träger Empfehlungen des Betriebsarztes umsetzen. Manche Erzieherinnen arbeiten mit FFP2-Maske. Alle Ängste könne das aber nicht nehmen, sagt Reifert. Andere Erzieherinnen fürchteten sich weniger vor einer Infektion. „Beim Thema Angst ist die Palette bei uns Erzieherinnen breit – genau wie bei den Eltern und im Rest der Gesellschaft auch”, meint die Leiterin.

Spielzonen sind abgetrennt

Sie selbst ist froh, dass ihr nicht vorgeschrieben ist, den 1,50-Meter-Abstand zu den Kindern konsequent einzuhalten. „Wenn ein Kind ein Pflaster braucht, kann ich ihm doch nicht sagen: Verbinde dich selbst!“, nennt sie ein Beispiel aus dem Kita-Alltag. Nähe sei grundsätzlich wichtig für die Kinder.

Überhaupt: die Bedürfnisse der Kinder. Die dürfe man auch in Corona-Zeiten nicht aus dem Blick verlieren. „Kurz vor Corona hatten wir an der Erweiterung und Entwicklung unseres offenen Konzeptes gearbeitet“, erzählt die Leiterin vom pädagogischen Ansatz der Kita. Ziel sei gewesen, den Kindern Freiräume zu eröffnen und sie in ihrer Selbstständigkeit zu fördern.

„Jetzt mussten wir alles zurückfahren und haben Spielbereiche mit Flatterband abgetrennt.“ Dass das für den Infektionsschutz wichtig ist, sei klar. „Aber pädagogisch ist das gegen unsere Überzeugung.“ Die Kinder sind nun in zwei feste Gruppen in streng getrennten Bereichen eingeteilt. Auch in den Gruppen ist vieles, was früher als pädagogisch sinnvoll galt, nicht möglich. Gemeinsames Singen fällt aus. Beim Mittagessen dürfen die Kinder sich nicht selbst bedienen. „Die Kinder stehen stärker unter Aufsicht. Da geht viel Selbstständigkeit verloren.”

Es gibt wieder viele Fragen

Inwiefern die in der vergangenen Woche getroffene Entscheidung der Landesregierung, dass Kitas ab 6. Juli wieder in einen Regelbetrieb mit allen Kindern in großen Gruppen starten dürfen, in der Praxis umgesetzt wird, muss sich erst noch zeigen. Reifert sieht die Lockerung mit gemischten Gefühlen.

Für die Kinder freue sie sich. Zugleich sei die Sorge um die Gesundheit aber nicht schlagartig weg. Und ob tatsächlich alle Kitas wieder für alle Kinder öffnen können, werde von den Hygiene-Auflagen und den Kapazitäten vor Ort abhängen. „Jetzt gibt es wieder 1.000 Fragen“, sagt Reifert. Dass sich die Antworten nicht sofort finden, müsse man aushalten können.

Für ein Problem hofft die Kita-Leiterin trotzdem auf eine schnelle Lösung. Es geht um den Umgang mit erkälteten Kindern. Klar sei, dass Kinder mit Husten, Schnupfen oder Fieber keinesfalls die Kita besuchen dürfen. „Ein paar Mal husten reicht da schon“, erklärt Reifert, „da gibt es wenig Spielraum.“

Wunsch nach mehr Corona-Tests

Unsicherheit herrsche aber bei der Frage, unter welchen Bedingungen diese Kinder in die Kita zurückkommen dürfen. „Ich brauche eine ärztliche Bescheinigung – aber auch Kinderärzte tun sich schwer, diese Verantwortung zu übernehmen“, erklärt Reifert.

„Ich würde mir wünschen, dass es für solche Fälle mehr Tests gibt, damit nicht jedes Husten gleich als Corona interpretiert wird.“ Andernfalls würden Eltern gleich wieder mit dem Betreuungsproblem allein gelassen. Bereits jetzt seien viele erschöpft und zum Teil auch resigniert. „Die Eltern sagen uns: Wir müssen wieder arbeiten können; wir wollen auch wieder leben.“

Und: Die Kita-Leiterin hofft, dass durch mehr Tests womöglich auch wieder mehr Spielräume für die wichtige pädagogische Arbeit entstehen könnten. „Im Moment ist es so, dass wir aus lauter Vorsicht alles minimieren. Die Kinder haben aber auch ein Recht auf Bildung, auf Spielen und auf schöne Momente.“

Von Susan Abbe

25.06.2020
21.06.2020
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