Jugendherberge Biedenkopf vor ungewisser Zukunft
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Hinterland Jugendherberge vor ungewisser Zukunft
Landkreis Hinterland Jugendherberge vor ungewisser Zukunft
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11:55 13.08.2020
Franziska Schulz (links) und Britta Zeitler hoffen darauf, im nächsten Jahr wieder mehr Gäste in der Biedenkopfer Jugendherberge begrüßen zu können. Foto: Mark Adel
Franziska Schulz (links) und Britta Zeitler hoffen darauf, im nächsten Jahr wieder mehr Gäste in der Biedenkopfer Jugendherberge begrüßen zu können. Quelle: Mark Adel
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Biedenkopf

„Es sollte unser Jahr werden“, sagt Franziska Schulz. 20.000 Gäste, so viel wie noch nie, sollten in der Biedenkopfer Jugendherberge übernachten. Nun ist offen, ob die Jugendherbergen in Deutschland überhaupt überleben können. Immerhin: An der Lahn werden wieder Gäste empfangen.

Franziska Schulz ist Rezeptionistin in der Jugendherberge und kümmert sich als angehende Erlebnispädagogin auch um das Programm für Gäste – und hat damit aktuell eher wenig zu tun. „Eigentlich hätten wir gar nicht aufgemacht“, sagt Herbergsleiterin Britta Zeitler.

Zurzeit gibt es nur wenige Gäste – Familien und Radwanderer. Dennoch will Zeitler positive Signale senden, denn betriebswirtschaftlich ist die Öffnung nicht zu rechtfertigen. „Wir müssen sehen, dass es sich rentiert. Aber wir wollen nicht, dass der Service sinkt.“

Dank der jüngsten Lockerungen kommen wieder Sportgruppen, die die Trainingsbedingungen rund um die Herberge nutzen. Eine Volleyball-Gruppe war schon da, Britta Zeitler rechnet mit weiteren Anfragen.

Arbeit bleibt bei wenig Gästen fast gleich

Belegt werden darf maximal die Hälfte der 200 Betten, damit die Gäste ausreichend Abstand zueinanderhalten können. Doch auch davon ist die Herberge noch weit entfernt. Und egal wie gut das Haus belegt ist: Die Arbeit ist da. „Ob wir Essen für zehn Leute oder große Gruppen machen, ist letztlich kein großer Unterschied“, sagt Britta Zeitler.

Doch bis wieder regelmäßig Gruppen kommen, wird es noch dauern. „Gemeinschaft erleben, das können wir gerade nicht“, sagt Franziska Schulz. Gerade die Erlebnisse in der Gruppe, das Erkunden der Natur, die Gemeinsamkeit – das sei zuletzt mehr in den Blickpunkt geraten.

Normalerweise fragen Lehrer in den Sommerferien wegen Klassenfahrten an, das bleibt aktuell aus – und die machen üblicherweise ein Drittel der Buchungen aus. „Obwohl die Abstands- und Hygieneregeln bei uns sicher super eingehalten werden können, vielleicht besser als in der Schule“, sagt Britta Zeitler.

Alle geplanten Investitionen liegen auf Eis

Die stärksten Monate sind normalerweise der Mai und der September, mit jeweils bis zu 3.000 Übernachtungen. In diesem September werden es wohl nur 250 sein. Im Juli 2019 waren es 2.500 Übernachtungen, ein Jahr später nur 340 – die Unterschiede sind riesig. „Das Haus müsste eigentlich voll sein, das tut in der Seele weh“, sagt Franziska Schulz. „Es gab so viel, was wir vorhatten.“

Eigentlich sollte auf ihre Initiative hin eine Bogenschieß-Grundausrüstung gekauft werden – ein zusätzliches Angebot, um die Attraktivität der Jugendherberge zu steigern. Wie alle Investitionen liegt auch dieser Plan auf Eis. Mit solchen Ideen ist es in den vergangenen Jahren gelungen, die Gästezahl kontinuierlich und deutlich zu steigern. „Und das ist sicher auch unserem Service geschuldet“, sagt Britta Zeitler. „Du brauchst die Leute, die das leben“, ergänzt Franziska Schulz. „Es ist hier nicht einfach nur ein Abfertigen.“

Die Mitarbeiter freuen sich dennoch, dass nach dem Lockdown zumindest wieder etwas Leben in die Jugendherberge zurückgekehrt ist. Traditionell ist das Haus bei Gruppen beliebt, Familien oder einzelne Urlauber machen nur einen Bruchteil aus.

Zehn feste Mitarbeiter in Kurzarbeit

Doch auch über die freuen sich Britta Zeitler und ihr Team. Das Jugendherbergswerk wirbt deshalb für den Urlaub in Deutschland – und auch für Familien biete die Stadt Biedenkopf die besten Voraussetzungen, sagt Britta Zeitler.

Sie leitet die Jugendherberge seit 2016, war zuvor zwei Jahre Rezeptionistin. Schulz arbeitet schon seit zwölf Jahren in der Herberge. Britta Zeitler bemüht sich, die Motivation im Team hochzuhalten. Zehn feste Mitarbeiter sind in der Jugendherberge beschäftigt und aktuell in Kurzarbeit, hinzu kommen Aushilfen. Zeitler rechnet nicht damit, dass die Kurzarbeit vor Mai 2021 beendet werden kann. „Die Motivation nicht zu verlieren, die Mitarbeiter nicht zu entmutigen, das ist ein Balanceakt“, sagt auch Franziska Schulz.

Alle wissen: Das Überleben der Häuser liegt nicht in ihrer Hand. Der Verband als Betreiber benötigt Zuschüsse, um durch die Krise zu kommen. Dass es in Biedenkopf keine Jugendherberge mehr geben könnte – das können und wollen sich Britta Zeitler und Franziska Schulz nicht vorstellen.

Von Mark Adel

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