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Hinterland „Eigentlich wollte ich zum Mars fliegen“
Landkreis Hinterland „Eigentlich wollte ich zum Mars fliegen“
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09:00 17.04.2022
Jannis Müller mit seiner klimaneutralen Sauerstoff-Wärmepumpe beim Landeswettbewerb „Schüler experimentieren“.
Jannis Müller mit seiner klimaneutralen Sauerstoff-Wärmepumpe beim Landeswettbewerb „Schüler experimentieren“. Quelle: Daniela Heinrich-Stiller/Privatfoto
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Biedenkopf

Ein großer Raum, Banner mit großen Grafiken schmücken die Stände der Teilnehmer von „Schüler experimentieren“. Zwischen großen Plakaten steht ein Junge. Jannis Müller präsentiert seine „klimaneutrale Sauerstoff-Wärmeanlage“ beim Landeswettbewerb in Kassel. Aufgeregt wirkt der Elfjährige nicht. Dann kommt der entscheidende Moment: Er stellt sein Projekt der Jury vor – und räumt den ersten Preis ab. Dabei fing alles ganz anders an.

Sauerstoff im All

Ursprünglich sollte sein Projekt in eine ganz andere Richtung gehen, wie Jannis erzählt. „Eigentlich wollte ich zum Mars fliegen.“ Als er mit diesem Wunsch zu seiner Mutter ging, fackelte diese nicht lange und füllte mit ihrem Sohn eine Bewerbung bei der European Space Agency (ESA) aus. Die ESA ist das europäische Pendant zur NASA, also das europäische Raumfahrtprogramm. Beworben hat sich der Fünftklässler für ein Raumfahrtprojekt im Jahr 2030 – zu diesem Zeitpunkt wäre er 19 Jahre alt.

„Die wollten echt alles wissen“, erinnert Jannis sich. Neben einem Bewerbungsschreiben durfte auch der Lebenslauf nicht fehlen. Obwohl er noch kein abgeschlossenes Studium hat, zeigt sich Jannis von seiner besten Seite. „Da, wo normalerweise das Studium aufgelistet ist, haben wir zum Beispiel ,Experimentieren mit Papa’ hingeschrieben, als Ausbildung habe ich meine Schwimmabzeichen genannt“, erzählt der Elfjährige. Seitdem bekommt er regelmäßig Jobangebote von der ESA zugesandt.

Auch Lehrerin und Schüler-experimentieren-Betreuerin Daniela Heinrich-Stiller war von Jannis’ Plänen beeindruckt: „Das Faszinierende dabei ist, dass sich Jannis keine Gedanken gemacht hat, wie er überhaupt zum Mars kommt, er machte sich eher Sorgen, dass er draußen im All nicht genug Sauerstoff zum Atmen hat“, sagt sie. Sauerstoff für mehrere Jahre mitzunehmen wäre für den Jungforscher keine Option. „Das wären riesige Tanks“, sagt er. Also musste eine andere Lösung her. Die Idee zur Sauerstoffanlage war geboren.

Klimaneutrale Sauerstoff-Wärmepumpe von Jannis Müller. Quelle: Daniela Heinrich-Stiller/Privatfoto

Photosynthese als Antrieb

Was ist Photosynthese?

Als Photosynthese bezeichnet man einen biochemischen Vorgang. Mithilfe von Wasser, das sich die Pflanze aus dem Boden nimmt, und Sonnenenergie bildet sie aus Kohlenstoffdioxid zum einen Zucker und zum anderen Sauerstoff. Von dem Zucker ernährt sie sich. Der Sauerstoff ist für die Pflanze nicht relevant. Was für sie ein Abfallprodukt ist, ist für Menschen und Tiere essenziell überlebenswichtig.

Also fing Jannis gemeinsam mit Lehrerin Heinrich-Stiller an, zu experimentieren. Dabei stellten die beiden fest, dass die Photosynthese, die Pflanzen betreiben, die verbrauchte Luft wieder mit Sauerstoff versorgt. Ähnlich wie in einem Terrarium werden in einem Glaskasten verschiedene Gewächse gepflanzt. Die verbrauchte Raumluft wird in den Glaskasten geleitet, sodass die Pflanzen die kohlenstoffdioxidreiche Luft wieder in sauerstoffreiche Luft umwandeln. Die frische, sauerstoffreiche Luft wird dann wieder in den Raum geleitet.

Beim Experimentieren fällt Jannis auf, dass der Glaskasten sehr schnell sehr warm wird. „Innerhalb von ein paar Minuten war die Luft in dem Glaskasten fast 30 Grad warm“, berichtet er. Diesen Vorteil nutzt der Elfjährige. So fungiert die Anlage nicht nur als Luft-Aufbereitungsanlage, sondern auch als klimaneutrale Heizung. „Dazu ersetzt man einfach ein Fenster durch einen solchen Glaskasten“, erklärt er stolz.

Energiefresser Raumwärme

Laut Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz beträgt der Anteil der Gebäude am gesamten Energieverbrauch Deutschlands rund 35 Prozent. Allein Heizung und Warmwasseraufbereitung kosten 85 Prozent der Energie in einem Haushalt. Der Gebäudebestand in Deutschland umfasst rund 18 Millionen Wohngebäude und 1,5 Millionen sogenannte Nichtwohngebäude, zum Beispiel Büros, Geschäfte und Verwaltungsgebäude.

Kleiner Forscher, große Ideen

„Nach dem Regionalwettbewerb durfte jedes Team noch an seinem Projekt Verbesserungen für den Landesentscheid vornehmen“, sagt Heinrich-Stiller, „Ein Experte aus der Jury hat sich die Zeit genommen, die Arbeit durchzulesen und Verbesserungsvorschläge zu machen.“ Die Tipps habe sich Jannis deshalb besonders zu Herzen genommen – mit Erfolg. Er räumte neben dem ersten Preis auch den Sonderpreis für Energie und Klimaschutz ab.

Auf die Frage, ob Jannis erneut bei „Schüler experimentieren“ teilnehmen würde, antwortet er mit einem klaren Ja. Eine Idee hat er schon parat. „Wir wollen ein Handy entwerfen, das rundum mit Solarzellen bedeckt ist, sogar auf dem Display“, sagt Jannis entschlossen. „Den Namen Jannis Müller sollte man sich in jedem Fall merken, wir werden in der Zukunft mit Sicherheit noch einiges von ihm hören“, lobt Lehrerin Heinrich-Stiller ihren Schützling.

Von Larissa Pitzen

12.04.2022
11.04.2022