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Hinterland „Daraus wird eine zweite Welle“
Landkreis Hinterland „Daraus wird eine zweite Welle“
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09:59 25.05.2020
Dr. Birgit Wollenberg sagt: „Bei der Hälfte aller neuen Fälle im Landkreis handelt es sich um Reiserückkehrer.“ Quelle: Thorsten Richter/Archiv
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Marburg

In der Corona-Krise stehen die Gesundheitsämter an vorderster Front. Im Interview spricht Dr. Birgit Wollenberg, Leiterin des Gesundheitsamtes des Landkreises, über steigende Infektionszahlen und neue Herausforderungen.

Frau Wollenberg, der Kreis Marburg-Biedenkopf kam glimpflich durch die erste Corona-Welle. Woran lag es?

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Ganz genau können wir das nicht analysieren. Ein Teil war sicher auch Glück. Im Frühjahr wurde das Coronavirus in Deutschland maßgeblich durch Touristen, die aus den Risikogebieten Tirol und Südtirol – Stichwort Ischgl – zurückkehrten, verbreitet. Wir haben es geschafft, die infizierten Reiserückkehrer sehr schnell zu finden und die Infektionsketten ganz schnell abzubrechen.

Wie kamen Sie an die Fälle?

Der Erstkontakt läuft immer über die Testlabore. Sie sind verpflichtet, uns die positiven Ergebnisse zu melden. Wir haben in jedem Fall möglichst noch am selben Tag reagiert und die Infizierten angerufen und eine sogenannte Umfelddiagnostik gemacht, um die Kontaktpersonen des Betroffenen direkt zu informieren. Wir haben eine Hotline geschaltet und über alle Medien informiert.

Wir konnten deshalb so schnell reagieren, weil wir unser eigenes Personal über alle Maße beansprucht haben. Das war ein außerordentliches Engagement des gesamten Gesundheitsamtes, weit über die normalen Arbeitszeiten hinaus und auch am Wochenende. 40 der insgesamt 70 Beschäftigten im Gesundheitsamt waren nur mit der Corona-Pandemie beschäftigt, dazu kamen noch externe Kräfte.

„Wir werden momentan gehört“

Wiederholt sich die Geschichte gerade?

Bei der Hälfte aller neuen Fälle im Landkreis handelt es sich um Reiserückkehrer. Das erinnert uns an den Beginn der ersten Welle. Bei Befragungen stellt sich heraus, dass ein Teil in Risikoländern Urlaub machte, andere waren in Ländern, die während ihres Aufenthalts noch kein Risikogebiet waren, etwa Spanien. Auch Reisende aus Griechenland und Dänemark sind dabei, beides keine Risikoländer. Dazu kommen einige Fälle, von denen wir nicht genau wissen, wo sie sich angesteckt haben. Die Infektionen in der Hessischen Erstaufnahmeeinrichtung in Neustadt betreffen ein Drittel der Fälle.

Welche Rolle spielt die private Feierlaune?

Kollegen aus anderen hessischen Gesundheitsämtern berichten das. Bei uns im Landkreis hatten wir akut noch keine Situation, bei der sich das Virus über eine Familienfeier verbreitet hat.

Die Verantwortung der Gesundheitsämter wächst. Fühlen Sie sich genügend unterstützt?

Ich bin zufrieden. Wir werden momentan gehört, die Gesundheitsämter stimmen sich bei einer wöchentlichen Telefonkonferenz mit dem hessischen Gesundheitsministerium ab. Verordnungen werden auf Grundlage unserer Erfahrungen angepasst.

„Die ganze Zeit unter Strom“

In Bayern gibt es die Panne mit nicht übermittelten Testergebnissen. Sind auch Leute aus dem Landkreis betroffen?

Im Landkreis ist uns dazu noch nichts zu Ohren gekommen. Die Herausforderung ist, sehr schnell und flexibel zu reagieren, da passieren einfach auch Fehler. Das muss man akzeptieren. Die deutsche Bevölkerung ist bisher sehr gut davongekommen, gerade im Ländervergleich.

Was macht diese Bürde der Verantwortung mit Ihnen?

Ich spüre diese Verantwortung. Das ist eine Veränderung des ganzen Lebens. Bei der Arbeit ist man die ganze Zeit unter Strom. Zuhause merke ich erst, wie erschöpft ich bin.

Wie haben Sie Ihren Urlaub verbracht?

Ich habe das Glück, dass ich eine Stellvertreterin im Amt habe, der ich alles übergeben konnte. Ich habe drei Wochen lang nicht in meine Dienst-E-Mails geschaut. Ich bin mit meiner Familie zum Wandern in die Alpen gefahren. Wir haben gezeltet, draußen gekocht und Kontakte zu anderen Menschen gemieden. Wir haben darauf geachtet, nicht dorthin zu fahren, wo es alle schön finden.

Sie konnten total abschalten?

Ich habe jeden Tag die Nachrichten verfolgt, auch die lokale Presse. Anders geht es in Corona-Zeiten nicht. Ich habe täglich entschieden, ob ich die Reise abbrechen muss.

Nicht alle sind so sorgsam. Reichen Appelle bei Maskenverweigerern?

Es ist unheimlich wichtig, dass wir alle gemeinsam durchhalten und nicht nachlassen. Wir müssen eine gute Balance finden zwischen der Rückkehr zu einem Leben, das so normal wie möglich ist. Wir müssen aber trotzdem der Gefahr, die ja immer noch da ist und gerade wieder steigt, angemessen begegnen. Die meisten halten die Hygieneregeln freiwillig ein, das ist die Hauptsache.

Viele Jüngere bei den Neuinfektionen

Welche Folgen haben Regelverstöße?

Wenn Menschen absichtlich und wiederholt gegen die Regeln verstoßen, muss man auch mal hart durchgreifen. Aufgabe des Gesundheitsamtes ist es dann, Bußgelder zu verhängen. Die Einhaltung der Regeln durchzusetzen, ist nicht immer einfach. Wir können nicht überall gleichzeitig sein. Im Extremfall können wir ein Strafverfahren einleiten, zum Beispiel, wenn jemand die Quarantäne nicht einhält. Im Landkreis hatten wir aber noch keinen solchen Fall. Wir gehen aber jedem Hinweis nach.

Halten sich Jüngere weniger an die Hygienevorschriften?

Die Jüngeren haben bei den aktuellen Neuinfektionen einen besonders hohen Anteil. Wir bitten diese Gruppe deshalb, daran zu denken, dass sie auch andere gefährden, wenn sie die Infektion immer weiter unter sich verbreiten.

Sollte man mehr informieren, dass auch jüngere Covid-19-Infizierte schwer erkranken können mit allen Langzeitfolgen?

Es sollte realistisch dargestellt werden, dass dieses Risiko für jüngere Menschen gering, aber vorhanden ist. Das Thema wird in den Medien aufgegriffen. Deshalb war es im Frühjahr übrigens auch richtig, dass sich die Strategie, bei den jungen Menschen möglichst eine Herdenimmunisierung herbeizuführen, nicht durchgesetzt hat.

Wie hoch ist die Dunkelziffer bei den Corona-Fällen?

Wir müssen damit leben, dass es Corona-Fälle in unserem Landkreis gibt, von denen wir nichts wissen. Wir schätzen die Dunkelziffer auf ungefähr dreimal so hoch wie die Zahl der bekannten Fälle.

Falsche Angaben schaden anderen

Wie sieht die Teststrategie im Landkreis aus?

Wir testen zielgerichtet, mit einem besonderen Augenmerk auf Alten- und Pflegeheime, medizinische Versorgungseinrichtungen, Kindergärten und Schulen. Wenn ein erster Fall auftritt, wird sofort eine Umfelddiagnostik gemacht. Wie zum Beispiel in Neustadt. Dort haben wir umgehend mehr als 500 Tests veranlasst.

Wollen Sie Ressourcen sparen?

Wenn wir viele unnötige Tests machen, sind die Labore überlastet, die Übermittlung der positiven Testergebnisse verzögert sich. Das ist negativ für alle. Unsere Strategie ist, die positiven Fälle möglichst schnell herauszufischen.

Was geschieht mit den Zetteln, die Menschen in Restaurants und Cafés ausfüllen müssen?

Die Daten bleiben bei den Gaststätten, solange die Infektionsgefahr besteht. Sie müssen parat sein, wenn ein Gast infiziert ist. Dann kommt das Gesundheitsamt und will wissen, wer an diesem Tag noch in dem Restaurant war. Wir erweitern die Kontaktrecherche um das Mittel dieser Listen. Bisher mussten wir aber nicht darauf zurückgreifen.

Manche machen falsche Angaben. Sie mussten also noch keinen Donald Trump in Marburg suchen?

Diese Menschen schaden damit sich und anderen.

Alles hängt vom Verhalten der Bevölkerung ab

Im Frühjahr fehlten Masken, Handschuhe, Desinfektionsmittel. Droht das im Herbst wieder?

Das ist genau der Unterschied zur ersten Welle. Die medizinischen und pflegerischen Berufe, die Hausärzte und die Krankenhäuser sind ausreichend ausgestattet. Deswegen sind wir viel besser vorbereitet.

Die neue Herausforderung für die Bevölkerung ist nun, mal mit mehr oder weniger Teileinschränkungen des normalen Lebens zurechtzukommen. Mal ist die eine Kitagruppe geschlossen, mal die andere Schule. Mal werden die Verordnungen etwas gelockert, dann wieder eingeschränkt.

Kommt die zweite Welle?

Wir haben einen bedeutsamen Anstieg. Daraus wird eine zweite Welle werden. Die Frage ist, wie hoch sie wird. Ich gehe auch von weiteren Wellen aus, zum Beispiel im Herbst, wenn es draußen kälter wird. Ob es rasante Wellen werden, hängt maßgeblich von dem Verhalten der Bevölkerung ab.

Wie halten Sie es selbst mit sozialen Kontakten?

Ich bin in meinem Privatleben sehr vorsichtig, schon wegen meiner Aufgabe hier. Ich meide deshalb Veranstaltungen im geschlossenen Raum. Ich genieße es, im Freien wieder Freunde zu treffen. Das geht auch mit Abstand. Im Herbst und Winter müssen wir da wieder mehr Einschränkungen aushalten. Wenn die Hygieneregeln eingehalten werden, können die Menschen aber auch wieder ins Kino oder ins Theater gehen.

Was wünschen Sie sich für Ihre Arbeit?

Die Stärke des Gesundheitsamtes ist seine Schnelligkeit. Wir müssen schnell erreichbar sein, etwa für Kindergartenleitungen und anderes Fachpersonal. Sie müssen am Telefon durchkommen, damit wir uns intensiv um Neuinfektionen kümmern können.

Deshalb unsere Bitte an die Bevölkerung, die Hotline nur bei wichtigen Dingen anzurufen.

Von Regina Tauer

Zur Person

Dr. Birgit Wollenberg ist seit 2015 Leiterin des Gesundheitsamtes. Zuvor war sie bereits Ärztin beim Gesundheitsamt des Landkreises Marburg-Biedenkopf.

Die 52-Jährige ist verheiratet und hat drei Kinder. Wollenberg studierte in Marburg Medizin. Sie bildete sich am Uni-Klinikum Marburg zur Fachärztin für Innere Medizin weiter.

Danach erfolgte die Weiterbildung zur Fachärztin für Öffentliches Gesundheitswesen am Gesundheitsamt in Marburg.