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Landkreis Hinterland Lotsin leitet Entdecker an
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18:58 15.05.2021
Die an der Biedenkopfer Lahntalschule unterrichtende Daniela Heinrich-Stiller ist zur innovativsten Lehrerin Deutschlands gewählt. Sie zeigt ein Stück der von ihren Schülern entwickelten biologisch abbaubaren Folie.
Die an der Biedenkopfer Lahntalschule unterrichtende Daniela Heinrich-Stiller ist zur innovativsten Lehrerin Deutschlands gewählt. Sie zeigt ein Stück der von ihren Schülern entwickelten biologisch abbaubaren Folie. Quelle: Foto: Gianfranco Fain
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Biedenkopf

Lange, lockige, braune Haare, Lachfalten an den Augen, Grübchen auf den Wangen, eine große Mitteilungsfreude gepaart mit einer riesigen Portion Begeisterungsfähigkeit – so kennen die Schüler Daniela Heinrich-Stiller aus ihrem Unterricht, für den sie seit der vergangenen Woche zur innovativsten Lehrerin Deutschlands gekürt ist. Ihre Lehrstunden hält die 40-Jährige seit dem Jahr 2007 an der Biedenkopfer Lahntalschule ab, dort, wo sie zuvor auch ihr Referendariat absolvierte.

Am Gymnasium der ehemaligen Kreisstadt schätzt sie das familiäre Kollegium, ist dort eine von vier Frauen und einem Mann, die Naturwissenschaften unterrichten, allerdings nur sie in der Kombination Biologie und Chemie. Während sie der Stoff dieser Fächer „schon immer interessierte“, war ihr Weg zum Lehramt nicht vorbestimmt, nahm aber seinen Lauf, als ein Studium der Tiermedizin für die Absolventin des Städtischen Gymnasiums in Bad Laasphe wegen des Numerus clausus nicht zustande kam.

Der Weg führte sie trotzdem an die Universität, wo sie eine Zukunft in der Forschung anstrebte. Doch während des Studiums merkte sie, „welche Freude es mir macht, anderen Inhalte zu vermitteln, Apparaturen zu bauen oder Studenten auf ihre Prüfungen vorzubereiten“, erzählt die Mutter zweier Kinder.

In dieser Zeit traf sie einen weiteren Ausbilder, der sie nicht nur „mitnahm“, wie einst am Gymnasium ihr Chemielehrer Dr. Klopsch, sondern in Dr. Fleischhacker auch einen Dozenten hatte, der „an einen glaubte und beflügelte“, und dies so, dass sie zu ihrer Überraschung ihren Traumberuf entdeckte.

Vom chirurgischen Nähkurs bis zur Folienentwicklung

Das Entdecken lässt die 40-Jährige immer noch nicht los. In ihrer Freizeit verschlingt sie die Wissenschaftsteile von Zeitungen nach dem Motto „Schau dich schlau“, hört Podcasts zu Forschungsergebnissen und fasst die Erkenntnisse auf Postern und Aushängen für die Schüler zusammen. Die werden an der Lahntalschule mit speziellen Angeboten wie eben „Schau dich schlau“ oder „Hey Doc“ und auch Wettbewerben wie „Chemie, mach mit!“ an die naturwissenschaftlichen Fächer herangeführt.

Aus ihren Quellen holt sich Daniela Heinrich-Stiller, die 20 Stunden in der Woche unterrichtet, auch die Anregungen für den Wahlunterricht oder die Wettbewerbs-Arbeitsgruppen.

So bot sie den Schülern schon mal einen chirurgischen Nähkurs an, besorgte dazu bei Ärzten ausrangierte Nadeln und Bestecke, ließ die Schüler an improvisierten Modellen Kreuznähte und Knoten üben. In einem Kurs zum Thema Hautkrebs durften die Schüler in voller Arztmontur das aus Knete in unterschiedlichen Farben dargestellte ­„Gewebe“ auseinanderoperieren.

Auch das Thema für das Projekt „Forschen und Entwickeln“, dessen Umsetzung Daniela Heinrich-Stiller zur Preisträgerin machte, hat seinen Ursprung in einem Zeitungsartikel. Darin ging es um das Problem der Verpackungen aus nachwachsenden Rohstoffen, die in den Kompostieranlagen nicht schnell genug verrotten. Die Schüler selbst herausfinden zu lassen, wie sie aus Stärke in Form eines weißen Pulvers eine Verpackung herstellen können – „das wäre cool“, dachte die Gymnasiallehrerin.

„Erstaunt“ war sie dann, wie sehr die 18 Kursteilnehmer – die meisten blieben bis zum Schluss dabei – für das Thema Müllentsorgung sensibilisiert waren. „Es gab eine Riesendiskussion über Plastik und Müllinseln in den Meeren sowie das Entsorgen des Mülls“, erinnert sich die Lehrerin an das Vorjahr.

Dann ging die Gruppe daran, das „grobe Ziel des Unterrichts“ – eine sich schnell zersetzende Folie aus nachwachsenden Rohstoffen – anzusteuern. In Gruppen versuchten die Schüler ihre selbst gesteckten Etappenziele zu erreichen. Sie probten und testeten mit der Stärke und ließen sich auch durch einen ersten Misserfolg – die Masse war zu zäh, um eine Folie zu bilden – nicht entmutigen. Dann führte die Idee, die Stärke direkt aus Kartoffeln zu extrahieren, zum Erfolg. Und weil sie gerade auf dem Weg waren, lag der nächste Schritt nahe und führte in die Schulküche.

Der Zufall hilft bei der Entwicklung der Folie mit

„Es wäre doch super, wenn die Verpackungsfolie gleich mitgegessen werden könnte“, war der Gedanke, und weil sie auch schmecken sollte, begannen die Schüler mit Zucker, Salz, Öl sowie Honig zu experimentieren und fanden – wie einige Male in der Forschung durch Zufall – den richtigen Stoff.

„In einem Sammelsurium an Ausschuss gab es einen Flecken Honig, und drumherum schimmelte es nicht“, erinnert sich Daniela Heinrich-Stiller an die Entdeckung, die auch in der Wiederholung den gleichen Effekt zeigte.

Der Kontakt mit einem Imker brachte Erkenntnisse über ein Enzym, das für die Streichfähigkeit des Folienmaterials entscheidend ist, und dass der Honig auch desinfizierend wirkt. Da die Folie somit nicht nur als Lebensmittelverpackung, sondern auch als Wundauflage verwendet werden kann, meldeten Eltern der Schüler diese Entwicklung zum Patent an.

War das Entwickeln dieser Folie laut der Initiatorin schon „ein tolles Erfolgserlebnis“, so galt es noch die ursprüngliche Aufgabe zu lösen – das schnelle Abbauen des Produktes. Dazu experimentierten die Schüler mit verschiedenen Erden, bis Mistwürmer als ideale Helfer feststanden. Mit diesen Ergebnissen belegten die Schüler den ersten Platz des Regionalwettbewerbs von „Jugend forscht“, im weiterführenden Landeswettbewerb gab es als Preis ein zweiwöchiges Praktikum bei der Firma Merck in Darmstadt.

Diese Unterrichtsform verhalf nicht nur den Schülern zu Erfolgserlebnissen, sie bescherte Daniela Heinrich-Stiller den Titel, die innovativste Lehrerin Deutschlands zu sein, und überregionale Anerkennung, zuletzt in einem persönlichen Brief von Hessens Kultusminister R. Alexander Lorz.

Die Gymnasiallehrerin freut sich über ihren Erfolg, meint aber auch, dass es viele Kollegen gibt, die ebenfalls einen herausragenden Unterricht bieten – sie bewerben sich nur nicht für ausgeschriebene Preise.

Und was macht die innovativste Lehrerin Deutschlands, wenn sie mal nicht forscht? Dann bleibt noch Zeit für die Familie und die Feuerwehr. In dieser ist sie gleich hinter der Landesgrenze in Nordrhein-Westfalen als Fachberaterin Chemie aktiv, bietet Fortbildungen und Online-Schulungen an. Bei den Vorführungen darf es auch mal knallen und etwas explodieren, was im Schulunterricht tunlichst vermieden wird.

Von Gianfranco Fain

Das preisgekrönte Projekt

Mehr als 6 400 Lehrer und Lehrerinnen aller Schulformen nahmen am bundesweiten Wettbewerb um den „Deutschen Lehrerpreis – Unterricht innovativ“ 2020 der Heraeus Bildungsstiftung und des Deutschen Philologenverbandes teil.

Eine Jury wählte die Biologie- und Chemielehrerin der Biedenkopfer Lahntalschule Daniela Heinrich-Stiller mit ihrem Projekt „Forschen und Entwickeln“ zur Gewinnerin.
Das Projekt beschäftigte sich damit, eine Folie aus Mais- oder Kartoffelstärke als Plastikersatz zu erzeugen. Für die Jury war das Planen des Vorhabens sowie das selbstständige Arbeiten im Team der Schüler herausragend.

Das entdeckende Lernen wirke besonders motivierend, da Lösungsmöglichkeiten für ein aktuelles Problem entwickelt werden, urteilte die Jury. Damit sei die Unterrichtsidee im höchsten Maße innovativ und ließe sich zudem leicht übertragen.