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Hinterland „Die Kinder sind viel entspannter“
Landkreis Hinterland „Die Kinder sind viel entspannter“
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08:58 06.04.2020
Leonie Pitzer nimmt sich Zeit für Frieda, während Noah und Christian zusammen spielen. Die drei Kinder bilden mit ihrer Erzieherin eine von zwei Kleingruppen, die ihren Tag weitgehend voneinander getrennt verbringen, um das Ansteckungsrisiko zu minimieren. Quelle: Foto: Kordesch
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Herzhausen

Ganz verwaist ist sie allerdings nicht: Die Einrichtung bietet von 7.15 bis 15.45 Uhr eine Notbetreuung an für Kinder, deren Eltern eine Funktionsträgerbescheinigung vorgelegt haben. Die gibt es für vom Gesetzgeber definierte Berufsgruppen, die zum Aufrechterhalten des öffentlichen Lebens gebraucht werden. 15 der normalerweise rund 130 in der „Arche Noah“ betreuten Kinder betrifft das, berichtet Leiterin Claudia Weber. Tatsächlich sind aber nur sieben bis neun Kinder im Alter von einem bis sechs Jahren da. „Die Eltern sind sehr verantwortungsvoll und nutzen die Notbetreuung nur, wenn sie sie wirklich brauchen“, lobt sie.

Die Kinder werden in zwei Gruppen aufgeteilt, die getrennt frühstücken und nach draußen gehen, um die Ansteckungsgefahr zu verringern, sollte jemand infektiös, aber äußerlich noch gesund in die Kita kommen.

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Auch die fünf Erzieherinnen sind in zwei Teams aufgeteilt – eines ist mit den Kindern meistens draußen unterwegs, das andere im Haus, wo auch gründliches Aufräumen angesagt ist, zum Beispiel im Materialraum. „Das wäre im laufenden Betrieb gar nicht möglich“, erklärt Weber.

In Zeiten, in denen der Erreger näher rückt, plant Weber nur von Tag zu Tag, obwohl sie kürzlich einen Dienstplan für vier Wochen aufgestellt hat. Farbige Markierungen helfen ihr, bei 40 aktiven Mitarbeitern für die drei Standorte Herzhausen, Holzhausen und die Krippengruppe die Übersicht zu behalten. „Gestern waren zehn krank, neun bauen Mehrarbeitsstunden ab und haben frei oder Urlaub, sieben sind freigestellt fürs Home-Office, da sie einer Risikogruppe angehören“, rechnet sie vor. Fünf machen die Notbetreuung, zwei Reinigungskräfte und die Leiterin arbeiten in Herzhausen. Dass die Notbetreuung dort stattfindet, war angesichts der Nähe zur Natur schnell entschieden.

Da Weber einen „Puffer“ braucht, falls jemand ausfällt, sind weitere sechs Mitarbeiter im Home-Office oder sitzen in der derzeit ungenutzten Einrichtung in Holzhausen, um beispielsweise an der Konzeption weiterzuarbeiten, Dokumentationen für die Qualitätsentwicklung oder sogenannte Prozessbeschreibungen zu erstellen: Wie läuft der Morgenkreis, das Frühstück oder das Zähneputzen ab?

„Das dauert natürlich alles keine vier Wochen“, sagt die Leiterin. „Aber nach dem ersten Corona-Fall sieht dann alles wieder ganz anders aus.“ Und es gibt auch noch genug Kinderakten aufzuarbeiten und zu ordnen.

Die Mitarbeiter im Home-Office bekommen morgens per E-Mail ihre Aufgaben. „Momentan ist es schön für sie, dass sie die Sachen in Ruhe erledigen und auch mal das angehen können, was sie schon immer mal machen wollten“, erzählt die Kita-Leiterin, als sie ans Telefon gerufen wird: „Eine Mitarbeiterin ist mit ihrem Pensum für heute fertig und hat gefragt, ob es noch was zu tun gebe“, sagt sie, als sie zurückkommt.

„Alle sind total geduldig und bereit, auch am anderen Ort auszuhelfen“, berichtet Weber. Ganz selbstverständlich sind also auch Fachkräfte aus Holzhausen in Herzhausen im Einsatz – ebenso, wie auch die Holzhäuser Kinder aus Kita und Krippe jetzt in Herzhausen die Notbetreuung besuchen: „Sie sind ganz offen auf die anderen Kinder und die fremden Erzieherinnen zugegangen“, sagt Weber. Mittlerweile sei eine gewisse Gewöhnung eingetreten. „Die Schatzsuche ist ausgefallen, weil wir einen Bagger am Schwimmbad entdeckt haben“, berichtet Noah, der mit seiner Kleingruppe vom Streifzug durch die Natur zurückgekommen ist und erstmal eine Pause braucht.

Die Kinder „sind viel entspannter, sie genießen“ die Umstände, hat Weber beobachtet. Die einjährige Frieda, die in Seelenruhe bei Leonie Pitzer auf dem Schoß sitzend ein Bilderbuch betrachtet, scheint diese Einschätzung zu bestätigen. Jetzt sei auch Zeit, mit den Kindern zusammen das Mittagessen vorzubereiten und Obst zu schneiden – sonst bei zwei Kräften auf 20 Kinder pro Gruppe kaum machbar. „Manchmal könnte man glauben, das sind ganz andere Kinder als sonst“, sagt sie

Der Autor ist Öffentlichkeitsbeauftragter des Dekanats Biedenkopf-Gladenbach.

Von Klaus Kordesch

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