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Hinterland Flüchtlingskinder wollen zur Schule
Landkreis Hinterland Flüchtlingskinder wollen zur Schule
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16:00 28.03.2022
Flüchtlingskinder sollen im Landkreis Marburg-Biedenkopf die deutsche Sprache erlernen können. Dabei habe sich das System der Intensivklassen bewährt, heißt es vonseiten des Staatlichen Schulamtes.
Flüchtlingskinder sollen im Landkreis Marburg-Biedenkopf die deutsche Sprache erlernen können. Dabei habe sich das System der Intensivklassen bewährt, heißt es vonseiten des Staatlichen Schulamtes. Quelle: Sebastian Gollnow (Themenfoto)
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Landkreis

Vor einem Monat besuchten sie noch die Schule wie ihre Altersgenossen in Europa. Seither herrscht Krieg in der Ukraine und unter den weit mehr als 200 000 Menschen, die allein nach Deutschland flüchteten, sind fast die Hälfte noch Kinder. Im Landkreis Marburg-Biedenkopf sind – Stand 23. März – unter den 730 Geflüchteten, die registriert sind, knapp 250 Schulkinder, 71 Kinder sind jünger als 6 Jahre. Und dabei sind die ukrainischen Flüchtlingskinder, die in Marburg untergekommen sind, noch nicht einmal mitgezählt.

Wie lange sie bleiben werden, ist ungewiss. Viele Familien richten sich darauf ein, dass sie länger nicht in ihre Heimat zurückkehren können. Sie wollen, dass ihre Kinder wenigstens etwas Normalität in ihrem Alltag haben und wieder eine Schule besuchen.

Wir haben beim Landkreis Marburg-Biedenkopf und beim Staatlichen Schulamt nachgefragt, wie die aktuelle Lage ist und was konkret geplant wird. Der Wunsch, wieder in die Schule zu gehen, ist groß. Mehr als jedes zweite Flüchtlingskind im Schulalter ist bereits angemeldet. 13 neue Intensivklassen entstehen und es werden noch mehr werden.

Über die Belegung entscheidet Schulamt

19 Intensivklassen, in denen Flüchtlingskinder schnell die deutsche Sprache lernen sollen, standen im Landkreis Marburg-Biedenkopf (ohne die Stadt Marburg) bislang zur Verfügung, davon neun im Hinterland, sagt Stephan Schienbein, Kreis-Pressesprecher. Bis zum Flüchtlingsstrom aus der Ukraine waren noch einzelne Plätze in den mit maximal 16 Schülern besetzten Klassen frei.

Jetzt ist der Bedarf so groß, dass rasch neue Intensivklassen gebildet werden müssen, um die neu ankommenden Kinder aufzunehmen. Über Belegung und Klassenbildung entscheide aber das Staatliche Schulamt Marburg-Biedenkopf, so Schienbein.

Wie schnell jetzt alles gehen muss, schildert Gesche Herrler-Heycke, stellvertretende Leiterin des Staatlichen Schulamts. Vor einer Woche waren im Landkreis knapp 40 Kinder aus der Ukraine zum Schulunterricht angemeldet worden. Binnen sieben Tagen haben sich die Zahlen mehr als verdreifacht. Stand Donnerstagnachmittag wurden im Landkreis an den Grundschulen 68 Flüchtlingskinder aus der Ukraine aufgenommen, davon 28 im Hinterland.

Psychologische Betreuung

Plant der Landkreis Marburg-Biedenkopf auch ein Angebot für die psychologische Betreuung von geflüchteten Kindern?

Dazu teilt der Landkreis auf Anfrage mit: „Die Psychotherapeutenkammer Hessen hat ein kurzfristiges Unterstützungsangebot von Psychotherapeutinnen und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten (KJP) für Geflüchtete angeboten. Dies beinhaltet ein Beratungsangebot zur psychosozialen Notfallversorgung vor Ort. Die Beratung kann und soll keine Psychotherapie ersetzen, aber sie kann zur Stabilisierung in der aktuellen Situation beitragen. Das Engagement der Mitglieder erfolgt ehrenamtlich. Sollte ein weitergehender Behandlungsbedarf bestehen, kann der Leistungsanspruch im Regelsystem erfüllt werden und die Leistung auf der Grundlage eines Behandlungsscheines abgerechnet werden.“

In der Sekundarstufe I sind es laut Auskunft des Staatlichen Schulamts 71 im Landkreis, davon 32 im Hinterland. 13 Intensivklassen entstehen neu, sechs an den Grundschulen, sieben an den weiterführenden Schulen.

Die Herausforderung sei nun, zeitnah adäquates Personal zu bekommen, so Herrler-Heycke. Damit eine gute Beschulung möglich sei. Sie erlebe die Schulleiterinnen und Schulleiter bei der Bewältigung dieser Aufgaben als sehr engagiert, so die stellvertretende Schulamtsleiterin.

Ein gewisser Vorlauf sei bei den neu entstehenden Klassen notwendig, „damit es dann gut sortiert laufen kann“, sagt Herrler-Heycke. „Natürlich kommen nun auch Schulstandorte infrage, die aktuell keine Intensivklassen haben“, sagt die stellvertretende Schulamtsleiterin. Herrler-Heycke geht davon aus, dass noch viel mehr Klassen benötigt werden. „Das ist erst der Anfang.“

Mehr Intensivklassen bedeutet auch, dass mehr Lehrer gebraucht werden. Herrler-Heycke berichtet „von der einen oder anderen Meldung, die wir von Lehrkräften haben“. Diese hätten Interesse geäußert, dies bis zu den Sommerferien, gegebenenfalls auch länger, zu übernehmen. Zum Sommer hin werden zudem eine ganze Reihe künftiger Lehrer mit ihrem zweiten Staatsexamen fertig. Auf die könne man bei Bedarf zukommen. Herrler-Heycke: „Das ist eine Schritt-für-Schritt-Planung.“

Noch müsse man nicht überlegen, pensionierte Lehrer zu bitten, vorübergehend in den Schuldienst zurückzukehren. „So weit sind wir noch nicht. Das könnte eine letzte Möglichkeit sein.“ Die pädagogische Betreuung ist Sache des Schulamtes. Der Landkreis könne hier, so Schienbein, lediglich mit Mitarbeitern unterstützen, die ein Freiwilliges Soziales Jahr absolvieren.

Bisherige Kapazitäten reichen nicht aus

„Wir haben seit 2015 ein klares System, was die Aufnahme geflüchteter Kinder und Jugendlicher an den staatlichen Schulen im Landkreis gewährleistet“, sagt Herrler-Heycke. In den Kommunen, in denen der Landkreis Schulträger ist, können Geflüchtete ihre Kinder direkt in den Schulen, die über Intensivklassen verfügen, anmelden. So sollen den Familien lange Anfahrtszeiten etwa aus Biedenkopf nach Marburg erspart bleiben. „Wir sind bei der Bewältigung der Aufgaben in einem guten Austausch mit den Schulträgern – mit dem Landkreis und der Stadt Marburg, so Herrler-Heycke. „Es ist eine sportliche Leistung, in so kurzer Zeit so viele Kinder aufzunehmen. Das geht in die richtige Richtung.“

Aber man müsse bei der Zahl der Menschen, die in den Landkreis kommen, auch berücksichtigen, dass viele Familien auf der Durchreise seien. Schon zu Wochenbeginn war Herrler-Heycke allerdings klar: „Mit den bisherigen Kapazitäten werden wir das nicht schaffen.“

„Da aktuell noch in keiner Weise abzusehen ist, in welcher Zahl und in welchem Alter schulpflichtige Kinder in den kommenden Tagen und Wochen im Landkreis ankommen und in welchen Gemeinden diese untergebracht werden, ist ein vorgreifendes Handeln nur schwer möglich“, bewertet der Landkreis die aktuelle Lage.

Der Landkreis Marburg-Biedenkopf als Schulträger werde „bei Vorliegen belastbarer Zahlen in Abstimmung mit dem Staatlichen Schulamt nach Bedarf entscheiden, an welchen Standorten weiter Intensivklassen eingerichtet werden und ob eventuell neue Standorte hinzukommen“, so Schienbein.

Von Regina Tauer