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Hinterland Nähe geht auch mit Maske
Landkreis Hinterland Nähe geht auch mit Maske
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13:58 02.10.2020
Der Hospizdienst Immanuel arbeitet auch in Zeiten von Corona. Quelle: Themenfoto: Felix Kästle/dpa
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Gladenbach

In den Monaten des Lockdowns war Sterbebegleitung fast nur per Telefon möglich, im Wesentlichen als Unterstützung für die Angehörigen. In den Altenheimen blockierten Besuchsverbote die Arbeit der ambulanten Hospizdienste. Fast auf Null sank wegen der Corona-Pandemie zwischen März und Mai die Zahl der Neuanfragen nach Sterbebegleitung beim Gladenbacher Hospizdienst Immanuel. Zum Stillstand kam die Arbeit dennoch nicht. Die Ehrenamtlichen machten Hygieneschulungen, „wir lernten, mit dem Virus umzugehen“, sagt Doris Pitzer.

Sie und ihre Kollegin Susanne Schneider koordinieren die Arbeit. „Menschen sterben auch jetzt in der Corona-Zeit, und sie haben ein Recht auf Begleitung auf diesem Weg“ betont Pitzer. „Wir wollen ein Signal geben, dass es weitergeht“ sagt Pfarrer Matthias Ullrich, Vorsitzender von Immanuel. „Hospizarbeit kann auch unter Corona-Bedingungen gut funktionieren – mit Abstand und Maske. Ihr dürft uns anfragen. Vieles ist möglich“, ermuntert er Menschen. Das kostenlose Hilfsangebot richtet sich auch an die Angehörigen.

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Auch wenn die Infektionszahlen wieder ansteigen, dürfe es nie wieder zu einer Situation kommen, in der Menschen auf ihrem letzten Weg isoliert seien.

„Das war ein Rückfall in die Zeit vor der Hospizbewegung, das einsame Sterben in Krankenhäusern darf sich nicht wiederholen“, sagt Ullrich. Die Gesellschaft müsse sich fragen, was sie den Menschen während des totalen Lockdowns an menschlicher Zuwendung genommen habe. Durch die Besuchsverbote in den Altenheimen hätten „Angehörige grausame Erfahrungen“ gemacht. Man müsse „andere Konzepte finden“, denn „menschliche Nähe in der Sterbephase ist ein Menschenrecht“, sagt Ullrich. Der Begriff „systemrelevant“ stufe alle anderen Tätigkeiten herab. Ullrich schildert einen Besuch in einem Altenheim, wo die Tür für Seelsorge nicht offenstand. „Außer Physiotherapeuten, Ärzten und Fußpflegern durfte niemand kommen.“ Sein katholischer Kollege Hermann-Josef Wagener beklagt die Geringschätzung der geistigen und seelischen Bedürfnisse des Menschen. Wagener ist zweiter Vorsitzender des Hospizdienstes und Ausbildungsleiter für die Sterbebegleiter. „Der Körper gilt als das Wichtigste“, kritisiert der Theologe.

Covid-19 stellt die Arbeit der Hospizdienste vor neue Herausforderungen. Nähe unter Corona-Bedingungen geht durch das Abstandsgebot zwangsläufig mit mehr Distanz einher. Unter der Maske verschwindet die Mimik, ein Lächeln wird unsichtbar, das oft mehr ausdrücken kann als viele Worte. Es ist ein neuer Umgang, der auch Fragen aufwirft. „Ich habe Sorge, dass manches von der Distanz im Umgang der Menschen miteinander zurückbleibt“, befürchtet Ullrich. „Man bleibt sich unter diesen Umständen automatisch ein bisschen fremd“, beobachtet Wagener. „Jetzt haben wir uns daran gewöhnt, am Anfang waren auch die Treffen befremdlich“, sagt Schneider.

Inzwischen entwickelt sich die Arbeit des Hospizdienstes, dessen Tätigkeitsbereich über das Hinterland nach Lohra und bis Bischoffen hinausreicht, in Richtung Normalisierung. Inzwischen hat auch alle 14 Tage wieder das Trauercafé geöffnet. Der nächste Termin ist am 6. Oktober.

„Die Trauernden sagen uns, dass es ihnen sehr gefehlt hat“, berichtet Schneider. Als Interimslösung war das Trauertelefon eingeführt worden, das aber „nicht gut angenommen“ wurde, so Pfarrer Ullrich. In der Trauerarbeit sei die persönliche Nähe gefragt, ergänzt Wagner. 80 Sterbebegleitungen übernahmen die Ehrenamtlichen 2019. In diesem Jahr sank die Zahl aufgrund der Corona-Pandemie auf weniger als die Hälfte.

„Unsere Ehrenamtlichen gehen mit Freude und Ernsthaftigkeit an ihre Aufgabe – trotz der Beeinträchtigungen durch Corona“, sagt Schneider.

Von Regina Tauer

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