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Hinterland Steine, Nonnen und ein Löwenhintern
Landkreis Hinterland Steine, Nonnen und ein Löwenhintern
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13:57 13.07.2020
Der Biedenkopfer Löwe streckt dem Landgrafenschloss die Zunge heraus, präsentiert der Gerichtsbarkeit seinen Hintern und stellt – auf diesem Foto nicht sichtbar – seine Potenz zur Schau. Quelle: Susan Abbe
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Biedenkopf

Urlaub zu Hause? Geht auch in Biedenkopf! Zum Beispiel mit einem kleinen historischen Stadtrundgang: Eine Route, die Stadtführer Christoph Kaiser anbietet, ist gerade mal 600 Meter lang.

Zusammen mit Kaiser braucht man für diese Strecke allerdings gut eine Stunde. Denn: Der Mann hat an so ziemlich jeder Ecke irgendwas Wissenswertes zu erzählen. Start ist am Marktplatz – früher der Viehmarkt von Biedenkopf.

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Der Name des angrenzenden „Ziegenbergs“ rührt genau daher. Kaiser – im historischen Gewand eines Biedenkopfer Tuchhändlers – lässt den Blick schweifen bis zum Eingang der Galgenbergstraße, die – nun ja – einst genau zum besagten Ort führte. Denn Biedenkopf besaß eine eigene Gerichtsbarkeit und deshalb auch eine Hinrichtungsstätte.

„Die Galgen standen vor der Stadt – gut sichtbar für alle“, erzählt Kaiser. Sitz des Gerichts war das Schenkbarsche Haus in der Oberstadt, von dem aus man ebenfalls beste Sicht zum Galgenberg hatte.

Weber und Seiler ziehen an einem Strang

Von der Galgenbergstraße wandert der Blick zur Thauwinkelstraße. Ihr Name rührt vermutlich daher, dass dort einst Taue – also Seile – gedreht wurden. „Die Straße ist lang und gerade. Das passt“, sagt Kaiser. Denn um Seile zu drehen, braucht man Platz.

Auch das Material für die Taue war in Biedenkopf vorhanden. Die Stadt war eine Weberstadt, verarbeitet wurde unter anderem Leinen. „Leinen wird unendlich gekämmt, wenn man daraus etwas weben will. Für ein Leinenhemd taugen höchstens sechs Prozent der Leinenfaser.“ Die restlichen 94 Prozent des Materials wurden nicht weggeworfen. Aus eher schlechten Fasern wurden eben Seile gedreht.

Steine sind Hinweis auf altes Stadttor

Doch zurück zum Marktplatz, in dessen Mitte der Marktbrunnen thront: Das Denkmal erinnert an den deutsch-französischen Krieg von 1870/71. Von hier aus setzt sich Stadtführer Christoph Kaiser nun in Richtung Oberstadt in Bewegung.

In der Stadtgasse – am Eckhaus zur Untergasse – bleibt er stehen und weist auf die großen Steine hin, die in Bodenhöhe an der Hauswand eingebaut sind. Die Brocken sollten laut Kaiser nicht nur verhindern, dass vorbeifahrende Wagen am Haus hängenbleiben.

„Dafür hätte man nicht so viele Steine gebraucht.“ Die Steine sind dem Stadtführer zufolge auch ein Hinweis darauf, dass an dieser Stelle früher das Stadttor stand. Der Stadtführer erzählt dazu von einem alten Recht, das besagte: „Wenn unter einem Tor etwas vom Wagen fiel, gehörte es dem Eigentümer des Tores.“

Haus Nummer 17 erhält alte Straßenführung

Eigentümer von Stadttoren waren Städte. Und die versuchten offenbar, unter den Toren ein wenig nachzuhelfen, damit die durchfahrenden Wagen ins Schwanken gerieten und hier und da ein Stück Ladung herabfiel. „Da macht es durchaus Sinn, ein paar Steine in den Weg zu legen“, schmunzelt Kaiser mit Blick auf die Brocken an besagtem Haus in der Stadtgasse.

Ein Stück weiter die Stadtgasse hinauf bleibt Kaiser vor dem Haus Nummer 18 (Ecke Nonnenberg) stehen. „Dank dieses Hauses haben wir heute noch die alte Straßenführung von Biedenkopf.“ Biedenkopf sollte demnach nach dem Stadtbrand von 1717 als barocke Stadt mit neuer Straßenführung aufgebaut werden.

Nonnen ohne Religion

Bevor die Stadtplaner aber so weit waren, hatten die Biedenkopfer schon ein einzelnes Haus, nämlich die Nummer 18, am alten Standort wiederhergestellt – und nun stand dieses Gebäude der neuen Straßenführung im Wege. Und dabei blieb es: Auch die anderen Gebäude wurden danach über den alten Kellern wieder aufgebaut.

Am Haus Nummer 18 biegt Kaiser in den „Nonnenberg“ ein und erzählt, dass der Weg – anders als der Name vermuten lässt – nicht zu einem Nonnenkloster geführt hat. „Das Kloster gab es nie.“ Der Ursprung des Straßennamens sei anderswo zu suchen. Kaiser vermutet, dass einst im oberen Teil des Nonnenbergs eine Dachziegelbrennerei ansässig war, die „Nonnen“ herstellte. Denn der Begriff „Nonne“ war früher auch für eine halbrunde Dachziegelart geläufig.

Löwe sieht ungeniert blank

Über den „Nonnenberg“ führt der Weg zur Stadtkirche: „Hier sind wir, wo alles angefangen hat“, sagt Kaiser und weist darauf hin, dass sich an der Kirche der alte Kern befand. Unter den Häusern hier oben sind noch die mittelalterlichen Keller erhalten. Hier steht das alte Rathaus, direkt nebenan das alte Brauhaus, weiter oben das Schenkbarsche Haus, und hier lag auch der obere Markt, ein Lebensmittelmarkt.

Auf diesem oberen Markt ist der Brunnen mit dem goldenen Löwen sehenswert, der das Selbstbewusstsein der Stadt spiegelt. „Die Zunge ist rausgestreckt in Richtung Schloss. Und das Schenkbarsche Haus, wo die Gerichtsbarkeit saß, kriegt die nackige Pobacke gezeigt“, erzählt Kaiser. Und ja: Auch seine Potenz stellt der Biedenkopfer Löwe hemmungslos zur Schau – und stützt damit das Stadtwappen.

Stadtrundgänge

Wer Biedenkopf selbstständig erkunden möchte, findet drei Vorschläge für Stadtrundgänge und viele historische Informationen im Internet auf www.biedenkopf.de.

Wer mit Stadtführer Christoph Kaiser eine Führung machen möchte, hat dazu – in Corona-Zeiten mit Abstand – Gelegenheit: Infos zu öffentlichen und privaten Führungen gibt es unter Telefon 06461/88460.

Von Susan Abbe