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Hinterland Illegale Biker-Trails im Wald
Landkreis Hinterland Illegale Biker-Trails im Wald
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16:00 10.05.2021
Volker Klingelhöfer bei der von Mountainbikern angelegten Sprungschanze mitten in einer der ruhigen Zonen für Wildtiere.
Volker Klingelhöfer bei der von Mountainbikern angelegten Sprungschanze mitten in einer der ruhigen Zonen für Wildtiere. Quelle: Erich Frankenberg
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Biedenkopf

Abseits der breiten Wanderwege gleicht der Wald vom Steckelnberg bis hin zur Sackpfeife manchmal einem Hindernis-Parcours für Mountainbiker, sagt Volker Klingelhöfer. Bereits fünf illegale Mountainbike-Trails hätten er und seine Mit-Jagdpächter Tobias Petri und Bernd Weide in letzter Zeit abseits der Waldwege entdeckt, berichtet der passionierte Waidmann und ehemalige Pressesprecher der Jägervereinigung Hinterland.

Die Popularität der Strecken habe in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Gerade jetzt in der Coronazeit schienen der Baueifer an den Abfahrten und das Befahren der Strecke nochmals zuzunehmen. Zu jeder Tageszeit treffe man abseits der Wege auf Mountainbiker. Teilweise handele es sich um Gruppen von bis zu zehn Bikern.

„Das sind Zustände, da können wir nicht länger zusehen“, sagt Volker Klingelhöfer. So haben Mountainbiker von der Höhe des Steckelnbergs bis zum Trimm-dich-Pfad im Kottenbachtal über Baumstämme hinweg und mit Brettern illegal eine Sprungschanze und einen Trail aufgebaut. Die Folgen der permanenten Unruhe im Wald seien verheerend. Besonders in der aktuellen Brut- und Setzzeit.

Jäger: Wildtiere brauchen ihre Ruhezonen

Da Wildtiere sich besonders gern im Schutz des Dickichts in den Wäldern aufhalten, sei es jetzt umso wichtiger, sagt Klingelhöfer, diese ruhigen Zonen der Wildtiere zu meiden, damit die Jungtiere im Frühjahr problemlos aufwachsen können. Dieses Areal sei aber nicht nur für das Rot- und Schwarzwild wichtig, sondern auch die dort vorkommenden Salamander und andere Lurche würden durch die Sprungschanze massiv beeinträchtigt.

Der Jäger erläutert: „Für die Nahrungsaufnahme benötigt Rotwild etwa sieben bis zehn Stunden am Tag, dazwischen fünf bis sechs Stunden für das Wiederkäuen.“ Wenn das Wild bei diesen lebensnotwendigen Vorgängen in seinen Einständen gestört werde, flüchte es und verletze sich unter Umständen dabei an den Läufen.

Die drei Jagdpächter, durch deren Wald die Pfade führen, haben die Biker mit einem Plakat und mit dem Hinweis „No Bike“ darauf aufmerksam gemacht, dass es ein Fehler ist, die illegalen Mountainbikestrecken einzurichten und zu befahren. Die „Einfahrt“ wurde dann mit einem dünnen Baumstamm gesperrt, der allerdings sofort wieder weggeräumt wurde.

Der ehemalige Pressesprecher der Jägervereinigung Hinterland macht noch auf einen anderen Aspekt aufmerksam: Seit Ausbruch der Corona-Pandemie wachse generell der Druck auf die heimische Natur. Dies werde noch durch die Wildtiere verschärft, die in ihrer Not Bäume schälen, um die Rinde als Nahrung aufzunehmen. Dies habe zur Folge, dass die Bäume Krankheiten ausgesetzt seien und im schlimmsten Fall absterben. „In dieser Zeit des Waldsterbens ist das eine Katastrophe“, meint der Biedenkopfer. Ihm und seinen Mitstreitern gehe es nicht nur um die Schäden für Wald und Natur. Auch ein Unfall eines Mountainbikers könne schwerwiegende Folgen für den Betroffenen in dem unwegsamen Gelände haben. Eine Idee, den Konflikt im Sinne aller Beteiligten zu lösen, hat der Jäger. Ihm schwebt ein offizieller Trail vor, möglicherweise im Bereich der Sackpfeife – nach Absprache mit Jägern und Eigentümern sowie Forstwirtschaft und Naturschutz.

Der Stadt Biedenkopf sind die illegalen Bauten bereits gemeldet worden, erklärt Thorsten Schmack auf Nachfrage dieser Zeitung. „Was dort passiert ist, verstößt eindeutig gegen geltendes Recht“, sagt der Leiter des Fachbereichs Bauen und Umwelt.

Hinweise auf Rücksichtnahme und Bike-Verbot werden ignoriert. Foto: Erich Frankenberg Quelle: Erich Frankenberg

Grundsätzlich gelte, dass der Wald für jedermann da ist. Spaziergänger und Radfahrer dürften sich auf den offiziellen Waldwegen bewegen. Abseits der Wege sei das jedoch nur mit Zustimmung der Waldeigentümer erlaubt. Das gelte natürlich auch für Bauten wie Rampen oder Sprungschanzen. „Von den Bauten war der Stadt aber nichts bekannt“, betonte Thorsten Schmack, „sie sind also illegal.“

Die Stadt Biedenkopf will die Rampen nun kurzfristig abreißen lassen. Da die Stadt Kenntnis von den Bauten habe, sei sie zum Handeln gezwungen, erklärt Thorsten Schmack. Der Auftrag sei dem städtischen Bauhof schon erteilt worden. Nicht zuletzt spielen dabei Versicherungsfragen eine Rolle. Wenn sich ein Mountainbiker auf solch einer Rampe verletze und schlimmstenfalls keine Hilfe rufen könne, wolle kein Waldbesitzer dafür die Haftung übernehmen.

Grundsätzlich sei die Stadt daran interessiert, eine Lösung zu finden, mit der alle Beteiligten leben können, betont Schmack. Denn sicherlich spiele der Wald, gerade in Zeiten von Corona, eine große Rolle.

An einer Lösung hat auch das Forstamt Biedenkopf Interesse, wie dessen Leiter Lars Wagner auf Nachfrage erklärt. „Grundsätzlich ist es durch die Corona-Pandemie derzeit so, dass der Wald verstärkt von Erholungssuchenden aufgesucht wird“, hat er beobachtet. Dabei würden natürlich mehr Konflikte als üblich zwischen den einzelnen Nutzergruppen wie Joggern, Mountainbikern, Spaziergängern und Jägern entstehen.

„Bei den Mountainbikern gab es schon vor der ,Coronazeit‘ häufiger Probleme wegen der rechtlichen Einschränkungen“, erläutert Wagner weiter. Derzeit suche das Forstamt daher mit einigen Waldbesitzern und Nutzergruppen nach Lösungen, um „weniger konfliktbeladene“ Routen zu legalisieren.

Was darf ich im Wald?

Rechtliche Vorgaben für Radfahrer und Mountainbiker finden sich im Hessischen Waldgesetz in den Paragrafen 15 und 16. Grundsätzlich gilt ein freies Betretungsrecht. Das heißt: Jeder darf den Wald betreten, um sich zu erholen.

Waldbesucher sollen dabei aufeinander Rücksicht nehmen und sich nicht behindern oder belästigen. Die Lebensgemeinschaft des Waldes darf nicht gestört werden. Der Schutz von Lebensräumen und der Artenschutz müssen gewährleistet sein. Die Bewirtschaftung des Waldes darf nicht behindert werden. Der Wald darf nicht gefährdet, geschädigt oder verunreinigt werden. Die Erholung anderer darf nicht beeinträchtigt werden.

Radfahren ist im Wald auf befestigten oder naturfesten Wegen gestattet, die von Waldbesitzern oder mit deren Zustimmung angelegt wurden und auf denen bei gegenseitiger Rücksichtnahme gefahrloser Begegnungsverkehr möglich ist. Fußgänger haben dabei in der Regel Vorrang. Radfahren außerhalb von festen Waldwegen erfordert ausdrücklich eine Erlaubnis des betroffenen Waldbesitzers. Das Anlegen von Wegen durch Waldbesucher ohne Zustimmung des Waldbesitzers ist nicht zulässig. Grundsätzlich nicht betreten werden dürfen Verjüngungsflächen, Waldflächen und Waldwege, auf denen Holzerntearbeiten erfolgen. Ausdrücklich untersagt ist auch das Fahren auf Rückegassen.

Von Erich Frankenberg