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Hinterland Auf den Spuren der Wolgadeutschen
Landkreis Hinterland Auf den Spuren der Wolgadeutschen
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16:13 09.09.2019
Gab es unterwegs Kontakt mit Einheimischen, verständigte man sich mit Händen und Füßen. Quelle: Privatfoto
Caldern

Man spricht russisch, jedenfalls ein bisschen, wie ­Begrüßungsworte und natürlich „Na sdorowje“. „Das können wir am besten“, sagt Ulrich Weigel, „obwohl es deutlich weniger Wodka gab, als erwartet“. Auch Gerhard Pfeifer grüßt auf Russisch, als er zum Treffen mit den fünf Hinterländer Mountainbikern und Reinhard Balzer eintrifft.

Der gebürtige Wallauer und Förderer Balzer hatte die Idee zur Tour der fünf, auf den Spuren emigrierter Hinterländer an die Wolga in Russland zu fahren. Einen Kenner des riesigen Landes fanden Weigel, Siegfried Pitzer, Jörg Krug, Matthias Schmidt und Harald Becker in Pfeifer. Der Geschäftsführer von Buderus Guss in Breidenbach war viele Jahre für die Konzernmutter Bosch in Russland tätig.

Er flog mit den Hinterländern nach Moskau zum Start ihres Abenteuers vom Roten Platz, ließ zuvor seine Kontakte wirken und organisierte ein Begleitteam für die 12-tägige Tour. Ohne diese logistische Hilfe, da sind sich die fünf Abenteurer sicher, wäre ihre Reise an die Wolga und bis nach Kasachstan nicht so reibungslos verlaufen.

"Die gucken dich an und fahren dich tot"

„Wir haben relativ stresslos zwei Kontinente befahren. Das war unglaublich“, sagt Weigel. Erheblich dazu bei trugen die Bosch-Mitarbeiter Jury und Julia, die „super Deutsch kann“. „Ohne sie wären wir an einigen Punkten gescheitert“, ist Weigel sicher.

Sie folgten den Mountainbikern in ihrem Begleitfahrzeug, schirmten sie damit auf den Hauptstraßen ab. „Vorsicht Radfahrer“ stand hinten auf dem Bulli. „Das war gut so, uns Radler haben die anderen Verkehrsteilnehmer auf den Schnellstraßen kaum ernst genommen. Die gucken dich an und fahren dich tot“, beschreibt Weigel seine Befürchtung.

Es gab auch weitere Einblicke in die Gepflogenheiten im russischen Straßenverkehr: Zum Beispiel, dass über eine vierspurige, autobahnähnliche Straße durchaus ein Zebrastreifen führen kann. Noch erstaunlicher: Sobald jemand den in Gelb markierten Bereich am Straßenrand betritt, steigen alle in die Bremsen.

Ungebremst – und vor allem allein – wollten die fünf Hinterländer dagegen abseits der Straßen unterwegs sein. Schließlich gehört viel Schweiß und ein wenig Abenteuer zu so einer Tour dazu. Mit Jury und Julia vereinbarten sie Treffpunkte und waren dann querfeldein allein unterwegs. „Von den Feldwegen hatten wir oft einen tollen Blick, auf die manchmal endlos erscheinende Wolga“, schwärmt Harald Becker.

Die Wolga-Tour

Rund ein Jahr lang recherchierten die Hinterländer Mountainbiker den geschichtlichen Hintergrund für ihre­ Wolga-Tour, suchten in der heimischen Region Spuren und Hinterbliebene der damaligen Emigranten, die Ende des 18. Jahrhunderts dem Ruf Katharina der Großen folgten. Sie fanden zum Beispiel in Wetzlar die Nachfahren der Familie Engels, deren Lebensstationen sie in Russland aufsuchten.

„Dort, wo ein anderer Fluss in die Wolga mündet, wirkt es wie an einem See – kein Land in Sicht“, erzählt er, und Matthias Schmidt fügt an: „Wer den Rhein als großen Fluss erachtet …“ „Und Glück mit dem Wetter hatten wir auch. In zwei Wochen gab es nur einmal ein kurzes Gewitter“, erwähnt Krug.

Vielleicht waren es die günstigen äußeren Bedingungen, die Siegfried Pitzer von „eher Radwandern“ entlang der Feldwege sprechen lässt. Der älteste der fünf Freunde ist von der sportlichen Herausforderung etwas enttäuscht, es begeisterte ihn aber „die Herzlichkeit und Freundlichkeit“, mit der sie die Menschen auf dem Lande als Deutsche „ohne Vorbehalte oder Vorurteile“ empfingen.

Egal wo sie hinkamen: „Alle wussten, dass wir kommen. In jedem Ort gab es ein Empfangskomitee. „Unglaublich“, findet­ Weigel die Vernetzung unter den Russlanddeutschen. Das erleichterte auch die Verständigung. Selbst in einem kleinen Einkaufsladen, in dem sich die Hinterländer mit Proviant ausstatteten, begrüßte sie die Frau hinterm Tresen auf Deutsch: „Ich heiße Meier.“

„Das war das Einzige, was sie sagen konnte“, berichtet Weigel, aber das Eis war gebrochen und es war genau das, was sich die Hinterländer Mountainbiker erhofften. „Wir wollten Land und Leute kennenlernen“, sagt Harald Becker. Auch das Land sei ganz anders, als er es sich vorstellte, erzählt er und schwärmt von riesigen Getreidefeldern, während Jörg Krug die Gegensätze beeindruckten. So sei Astana eine Stadt, wie man sie in der kasachischen Steppe nicht erwartet – mit ihren Glaspalästen ähnelt sie Singapur.

Das Leben in der Provinz ist "Russland pur"

Etwas Angst vor der logistischen Herausforderung hatte er schon, bekennt Becker, aber dank ihrer Begleiter „hatten wir weitaus weniger Stress als zum Beispiel in Japan“. Dort, in Brasilien oder auf anderen Touren hätten sie deutlich mehr Kilometer zurückgelegt, diesmal nur rund 600, sagt Jörg Krug, aber geschichtlich stehe die Wolga-Tour „ganz weit oben“.

Von den Lebensverhältnissen­ und den sozialen Konflikten zwischen Russen und Deutschen, Familienschicksalen oder zerstörten Existenzen erfuhren die Hobby-Geschichtsforscher genauso wie von positiven Episoden, wie zum Beispiel einer Zusammenführung von zwei Familien. Die lebten an gegenüberliegenden Ufern der Wolga, erfuhren aber erst in jüngster Zeit durch den Abgleich der Stammbäume, dass sie verwandt sind.

Und natürlich kamen sie auch an die Orte­ ihrer Recherchen und sprachen mit den Nachkommen der ­damaligen Einwanderer. „Eines haben wir dort verstanden“, bekennt Weigel: „Die Wolgadeutschen sind keine Russen, aber auch keine Deutschen und mussten deshalb viel Leid ertragen.“ Weitere Gegensätze behalten sie auch in Erinnerung. „Die Bahnfahrten waren okay, die Toiletten rustikal“, sagt Becker.

Und ebenso gefährlich wie die Lastwagenfahrer auf den Schnellstraßen waren die freilaufenden Hunde, die die Gruppe auf den Feldwegen begleiteten, mit ihnen um die Wette rannten und manchmal auch zuschnappten. Einmal erwischte es Schlussmann Becker. „Harry hat aber auch die dicksten Waden“, erklärt Matthias Schmidt augenzwinkernd.

„Alles, was ihr in der Provinz erlebt habt, ist Russland pur“, schwärmt Gerhard Pfeifer. Und das Erlebte weckt in Mentor Reinhard Balzer Erinnerungen. Er vergleicht die Gegebenheiten in Russland mit denen in Wallau. „Das alles hatten wir hier vor 60 Jahren“, sagt er und berichtet von der Bundesstraße 62 als einzige geteerte Straße unter lauter Feldwegen.

„Dafür sind uns die Russen mit ihrem Funknetz meilenweit voraus“, stellt Jörg Krug einen Bezug zur digitalen Gegenwart her. Doch trotz aller Gegensätze und angesichts der gemeinsamen Geschichte glaubt Weigel: „Im bescheidenen Rahmen haben wir einiges für die Freundschaft unter den Völkern gemacht“ – und das ohne viel Wodka.

von Gianfranco Fain