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Hinterland Einst hoch zu Ross, heute mit E-Bike
Landkreis Hinterland Einst hoch zu Ross, heute mit E-Bike
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15:58 22.08.2020
Die Hinterländer Mountainbiker bereiten sich auf ihre nächste Tour vor.
Die Hinterländer Mountainbiker bereiten sich auf ihre nächste Tour vor. Quelle: Archivfoto: Rebekka Dieckmann
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Bad Endbach

Die Hinterländer Mountainbiker bleiben ihrem Motto treu. Auch in diesem Jahr möchten sie wieder „Geschichte erfahren“ – gemeinsam und auf ihren Fahrrädern. Und es geht zurück zu den Wurzeln: Siegfried Pitzer, Ulrich Weigel, Matthias Schmidt, Harald Becker und Jörg Krug fahren mit ihren Zweirädern jene Route ab, die Landgraf Philipp von Hessen vor Jahrhunderten zu Pferd geritten ist.

Vor über 400 Jahren stand das hessische Hinterland im Fokus der deutschen Geschichte. Nicht nur das damals noch zum Hinterland zählende Simmersbach, auch die heute zu Bad Endbach gehörende Ortschaft Dernbach und ein von einem Hinterländer angeführtes „Sondereinsatzkommando“ zur Befreiung Philipps sorgten damals für Schlagzeilen.

Nach dem verlorenen Schmalkaldischen Krieg unterzeichnete Landgraf Philipp in aussichtsloser Lage am 12. Juni 1547 seine Kapitulation und reiste nach Halle, wo er dem Kaiser die zugesagte feierliche Abbitte leistete.

Entgegen den Erwartungen wurde er jedoch noch am gleichen Tag gefangengesetzt und von Herzog Alba in die Niederlande gebracht. Man erzählt, Philipp habe bei dem Fußfall gelächelt, worauf der Kaiser zornig gerufen habe: „Woll, ick sall Euch lachen lehren!“

Landgraf Philipp schmachtete über fünf Jahre in den spanischen Niederlanden im Kerker. „Nach unseren Recherchen im Stadtarchiv im belgischen Löwen diente das Stadttor La Porte als Philipps Gefängnis“, erzählt Ulrich Weigel. Erst am 5. September 1552 wurde Philipp von Königin Maria auf freien Fuß gesetzt und ritt, begleitet von 300 spanischen Reitern, zurück in seine Heimat Hessen.

„Am Staffelböll bei Simmersbach betrat der stark gealterte und ergraute Fürst erstmals wieder hessischen Boden“, weiß Harald Becker. Fast wäre Philipp schon zwei Jahre früher dort eingetroffen. Denn ein Biedenköpfer namens Kurt Breidenstein war es, der am 23. Dezember 1550 aufgrund seiner guten Ortskenntnisse bis Köln maßgeblich an dem Fluchtversuch Philipps beteiligt war. Auch mit diesem Vorfall haben die Mountainbiker sich befasst: „Das Unternehmen scheiterte nach Verrat kläglich, und sechs Verbündete Philipps verloren dabei ihr Leben“, erläutert Siegfrid Pitzer.

Die Haft des Landgrafen wurde daraufhin verschärft, er durfte keine Briefe mehr absenden und kam in einen Kerker mit nur dreieinhalb Metern Länge und mit Fenstern, die acht Monate lang vernagelt blieben.

Der Hinterländer konnte jedoch fliehen und war fast zwei Jahre später dank seiner guten Planung, der Bereitstellung von Wechselpferden und seiner Wegekenntnis entscheidend für die sichere Routenführung beim Heimritt des Landgrafen. „Der mit dem Florentiner Kaufhaus Scarini in Antwerpen handelnde Kaufmann wurde übrigens als Dank 1557 mit dem Hof Roßbach bei Wallau von Philipp belehnt und erhielt die Erlaubnis, 1 000 in Hessen gekaufte Kleider zollfrei auszuführen“, plaudert Matthias Schmidt über die „erfahrene“ Geschichte. Später wurde Breidenstein Amtmann in Battenberg und Gießen.

„Schon vor etwa 21 Jahren haben wir mit enormem Aufwand auf Basis historischer Dokumente den Heimweg exakt recherchiert und schließlich in vier Tagen, quasi als Belohnung, Geschichte erfahren“, erinnert sich Jörg Krug. Nicht ohne hinzuzufügen: Philipp habe damals zwei Tage mehr, nämlich sechs Tage, für die Strecke gebraucht.

Starten wollen die Hinterländer Mountainbiker ihre Fahrt am 27. August wieder in Löwen in Belgien. Als Gastfahrer mit dabei ist Buderus-Guss-Geschäftsführer Gerhard Pfeifer, der die Gruppe bei ihrem Russlandprojekt unterstützt hatte. Über St. Truiden und Tongeren in Belgien, Maastricht und Valkenburg in den Niederlanden, geht es nach Jülich in Deutschland.

„Wir folgen der Darstellung des Brüsseler Atlanten des Christian Grooten von 1573, die uns unter anderem durch den Ort Steinstraße, also genau durch das Tagebaugebiet von Rheinbraun, führt“, erklärt Ulrich Weigel. Auf dieser frühen Karte sind auf deutschem Gebiet nur fünf Orte genannt und markiert – einer davon ist Dernbach.

Vor 21 Jahren hatten die Mountainbiker schon einmal eine Sondergenehmigung erhalten, dieses Gebiet in Begleitung des WDR-Fernsehens zu durchqueren. Dieses Mal wird es am 28. August sein.

Die Biker sprechen von einer „fahrtechnischen Herausforderung“, seien doch sowohl der Ort Steinstraße wie auch die historische Wegeführung, in diesem Abschnitt der Kohle zum Opfer gefallen.

Weiter geht es dann über Köln, Drabender Höhe und Denklingen im Bergischen Land nach Siegen. Von Siegen aus geht es über die Haincher Höhe zum Ziel Staffelböll (Philippsbuche) bei Simmersbach, das die Biker am 29. August erreichen wollen – dank ihrer E-Bikes nach nur drei Tagen und 354 Kilometern.

Auch Filmaufnahmen, etwa mit einer Drohne, sollen entstehen, kündigt Weigel an. Diese sollen dann von der ARD zu sendefähigen Ausschnitten verarbeitet werden. Am 1. September sind die Biker in der zweistündigen Livesendung „Hallo Hessen“ zu sehen, wo sie über ihr Projekt berichten werden.

„Wie schon so oft, wird unser Freund und Mäzen Reinhard Balzer den Besenwagen steuern“, sagt Weigel. Auch für ihn sei diese Geschichte etwas Besonderes, sei ihm doch vor 20 Jahren die besondere Auszeichnung mit der silbernen Philipps-Plakette zuteilgeworden.

Von Hartmut Bünger