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Hinterland Helge Müller verlässt den Führerstand
Landkreis Hinterland Helge Müller verlässt den Führerstand
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21:00 02.12.2019
Ob früher im Führerstand oder heute an der Modellbahnanlage gibt Helge Müller den Ton an. Auf dem Foto sind auf einem Zeitungsartikel über den Lokführer Modelle einiger Lokomotiven zu sehen, die Müller fuhr (von links): E 112, E 103, E 120, V 100 und E 111. Quelle: Gianfranco Fain
Lohra

Wenn der Vater Eisenbahner ist, so ist es kaum verwunderlich, wenn der Sohn es ebenfalls wird. Doch der 1943 in Salzwedel in der Altmark als ältester von fünf Brüdern geborene Helge Uwe Müller legte erst einen Zwischenstopp ein. Nach dem Schulbesuch in Lohra erlernte er den Beruf des Installateurs, den er zwar pflichtbewusst ausübte, der ihn aber nicht wunschlos glücklich machte. Denn: „Ich wollte­
schon immer Lokführer werden“, sagt der 76-Jährige.

Im Jahr 1971 unternahm er einen zweiten Versuch und hatte diesmal Glück. Die Bundesbahn suchte Personal und so kam Helge Müller nach der zweijährigen Ausbildung in Kassel in seinem Traumberuf an. Fortan­ pendelte er von Lohra aus, wo Ehefrau Edith, die er seit der Grundschulzeit kennt, ihre zwei Kinder großzog, zu seinen Einsatzorten. Von Gießen, Kassel und Frankfurt ging es mit Personen- und Güterzügen durch die Republik. Erst mit dem berühmt-berüchtigten Schienenbus, später mit der V 200 und ­allen möglichen Elektrolokomotiven der Epoche wie der 103, 110, 111, 120, 141 oder 150.

Besonders an die Parade-Lok 103 erinnert sich Helge Müller gerne. Mit der ersten Lokomotive der DB, die Tempo 200 ermöglichte, zog er Intercity-Züge, machte Bremsfahrten in Gießen. „Das war toll“, schwärmt der Lohrarer noch heute. Auch die 120 gefiel ihm. „Die hat fast den gleichen Führerstand wie die späteren ICE.“ Doch mit dieser E-Lok deutete sich schon an, dass die Tätigkeit im Führerstand langweilig werden kann, weil Elektronik und Automatik mehr und mehr Einzug hielten.

Gründungsmitglied im Tennisverein

Damit musste sich Müller aber nicht mehr auseinandersetzen. Ein Operation am Herzen leitete vor 20 Jahren seinen Abschied von der Bundesbahn ein, mit 57 Jahren ging er in den Vorruhestand. „Doch zu Hause rumsitzen konnte ich auch nicht“, bekennt der Lohraer. So widmete­ er sich seinem Hobby, dem Tennisspiel. Schon 1981 zählte er zu den Gründungsmitgliedern der Tennisfreunde Lohra, engagierte sich unter anderem als Jugendwart. Dann wählten ihn die Mitglieder im Jahr 2002 zum Vorsitzenden. Und als dieser hatte Helge Müller auch Ziele: „Mir war es wichtig, die Kinder von der Straße, dem Fernseher oder jetzt den Computern zu holen“, sagte er und rief das in den Sommerferien stattfindende Tenniscamp ins Leben.

Auch für die Senioren fiel in der Ära Müller einiges ab: die Vereinsplätze, später das -heim, die Oktoberfeste oder die Jubiläumsfeiern zum 25- und 30-jährigen Bestehen mit Prominenten wie Horst Eckel, Mitglied der Weltmeisterelf von 1954. Die letzte Errungenschaft lag Helge Müller besonders am Herzen. Im Vereinsheim ist seit diesem Sommer ein Defibrillator griffbereit. Doch nun hat der Langzeitvorsitzende nur noch ein Ziel: „Im Februar ist Schluss.“ Einen Nachfolge-Kandidaten hat er schon im Auge. Er will sich anderen Hobbys widmen, zum Beispiel dem Weiterbau seiner Modellbahnanlage.

von Gianfranco Fain