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Hinterland Heimatverein gibt Einblick in vergangene, harte Zeiten
Landkreis Hinterland Heimatverein gibt Einblick in vergangene, harte Zeiten
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17:35 15.04.2022
Die Sonderausstellung über das Marburger Alltagsleben im 19. Jahrhundert haben Jochen Becker und seine Vorstandskollegen des Heimatvereins Weidenhausen bereits vorbereitet.
Die Sonderausstellung über das Marburger Alltagsleben im 19. Jahrhundert haben Jochen Becker und seine Vorstandskollegen des Heimatvereins Weidenhausen bereits vorbereitet. Quelle: Michael Tietz
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Weidenhausen

Mit dem Alltagsleben im Marburg des 19. Jahrhunderts beschäftigt sich eine neue Sonderausstellung im Regionalmuseum in Weidenhausen. Ab dem 23. April werden auf 21 Schautafeln die harten Lebensbedingungen von Handwerksfamilien und Dienstmädchen, das illustre Markttreiben sowie der dramatisch hohe Alkoholkonsum näher beleuchtet.

„Der Heimatverein nimmt seine museale Tätigkeit nach längerer Corona-Pause wieder auf“, erzählt Jochen Becker vom Vorstandsteam. Dazu steht den Organisatoren die Ausstellung „Marburger Alltagsleben im 19. Jahrhundert“ zur Verfügung. Diese hatten Studierende aus dem Lehrforschungsseminar des Instituts für Europäische Ethnologie/Kulturwissenschaft der Marburger Philipps-Universität unter der Leitung von Siegfried Becker und Marita Metz-Becker zusammengestellt. Sie hing 2015 im Haus der Romantik in Marburg und danach in den Fluren des Ethnologie-Instituts.

„Die Ausstellung ist mit vielen interessanten Themen bestückt, die durchaus auch einen Bezug zum Hinterland haben“, erklärt Jochen Becker. Romantisch war die damalige Zeit wahrlich nicht, denn sie war vor allem durch Not geprägt. Marburg war zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine Kleinstadt, in der 6 000 Menschen lebten – die meisten in bitterer Armut. Ein Jahr lang haben die angehenden Volkskundler und die beiden Professoren in Archiven Dokumente, Abbildungen und Exponate gesichtet und analysiert. Die Ergebnisse fassten sie auf 21 Tafeln zusammen, mit vielen Bildern illustriert.

Mit Rausch gegen Realität

„Die ausgewählten Aspekte sollen uns das Leben und das oft mühsame Überleben im 19. Jahrhundert etwas näherbringen“, schreibt Siegfried Becker in dem Begleitband zur Ausstellung. Das 90-seitige Werk ist in heimischen Buchhandlungen erhältlich.

Die Ausstellungsmacher widmeten sich unter anderem dem bunten Markttreiben in Marburg. Vieh-, Kram- und Jahrmärkte bildeten nicht nur das Zentrum des Handels, sie waren auch Orte der Geselligkeit – und deshalb sehr bedeutsam. Das stellten die Studierenden beim Blick in den Kurhessischen Kalender von 1824 fest. Dort ist vermerkt: „Wenn an einem Orte im Kurhessischen ein Jahrmarkt auf einen monatlichen Bettag fällt, so wird der Bettag an demselben Ort zurückgesetzt und an dem folgenden Mittwoch gehalten.“ Neben Kaufleuten bewarben sich auch Karussell- und Zirkusbetreiber um einen Standplatz. Eine solche Anfrage für ein Gastspiel stellte unter anderem „Miss Wallenda“, die ihre dressierten Wölfe in Marburg präsentieren wollte. Dazu fand sich in einer Sammlung des Hessischen Staatsarchivs ein Werbeplakat.

Tiefgreifende Armut prägte diese Zeit. Diese mündete in der Branntweinpest: Brot und Kartoffeln wurden zunehmend teurer – der billige, oft selbstgebrannte Schnaps machte den Hunger erträglicher. Auch versuchten die Menschen, durch den Rausch der harten Realität zu entkommen. Bei ihren Recherchen stellten die Studierenden fest, dass der Pro-Kopf-Verbrauch von Branntwein ab den 1840er-Jahren auf 56 Liter im Jahr kletterte – heute liegt der weltweite Durchschnittswert bei knapp sechs Liter.

Ein weiterer Teil der Ausstellung ist den Lebensbedingungen der vielen, oft erst 14 Jahre alten Dienstmädchen gewidmet. Sie mussten bei geringer Bezahlung in den Professoren- und Beamtenhaushalten hart arbeiten. Zu ihren Aufgaben während eines 18-Stunden-Arbeitstages gehörte es, früh morgens die Öfen einzuheizen, die schweren Wäschekörbe an die Lahn zu schleppen, zu kochen und die Kinder zu hüten. Frei hatten sie nur alle zwei Wochen einen Sonntagnachmittag.

Die Ausstellung beschäftigt sich auch mit dem Alltag von Professoren und Studenten, dem Handwerk und Kleinhandel jüdischer Familien, dem Kinderalltag und der Geburtshilfe. Themen wie „Auswanderung“, „Feste und Feiern“ sowie „Arrest und Strafe“ werden ebenfalls dargestellt. Eröffnet wird die Schau „Marburger Alltagsleben im 19. Jahrhundert“ am Samstag, 23. April, um 17 Uhr im Regionalmuseum in Weidenhausen, Weidenhäuser Straße 32. Zu Gast ist auch Professorin Metz-Becker.

Neben der Sonderausstellung laufen beim Heimatverein die Vorbereitungen für das Sauplasterfest auf vollen Touren. Bei der 17. Auflage der Veranstaltung am 10. September gibt es Dorfgeschichte zum Anfassen – diesmal in Form eines erlebnisreichen Rückblicks. Dazu werden 16 Themen präsentiert. „Es geht um die Geschichte des Sauplasterfestes seit 1984“, verrät Jochen Becker. Zu jedem Veranstaltungsjahr soll es eine Station geben.

Das Heimatfest findet in der Regel alle zwei Jahre statt und greift dabei stets einen Aspekt des ländlichen Lebens auf. Vorangegangene Aktionen liefen unter dem Motto „Säen, ernten und genießen“, „Eisen – heiß und kalt“, „Milch, Butter, Käse“, „Kraut und Rüben“, „Schwein gehabt“ oder „Alles elektrisch“. Bei bisherigen Festen standen Trachten, Hühner, Kartoffeln oder Rindviecher im Mittelpunkt. 2018 richteten die Gastgeber ihr Augenmerk auf „Wald und Flur“.

Aufgrund der Corona-Pandemie mussten die Weidenhäuser die für 2020 geplante Auflage absagen. Am 10. September nun unternimmt das Organisationsteam einen neuen Versuch. „Das könnte das letzte große Fest in diesem Rahmen sein“, erzählt Anneliese Müller-Ehrlich wehmütig. Denn es werde zunehmend schwieriger, jüngere Mitstreiter für die Vereinsarbeit zu gewinnen.

Benannt ist das Fest nach der alten Dorfmitte. Wo sich heute Weidenhäuser Straße und Mühlstraße kreuzen, gab es einst das Sauplaster. Auf dem nicht gepflasterten Platz nahm früher der Sauhirte seine Arbeit auf. Er blies ins Horn und gab damit das Signal für die Bauern im Dorf, die Tore ihrer Ställe zu öffnen. Vom Sauplaster aus trieb der Hirte dann die Schweine zur Mast aufs Feld oder in den Wald. Zwölfmal war der alte Ortskern Schauplatz des Festes, seit 2012 richtet es der Heimatverein im und am Regionalmuseum aus.

Weitere Neuerungen im Heimatverein

Die erste Sanierungsetappe der Fassade des Regionalmuseums ist abgeschlossen. Handwerker erneuerten die maroden Balken und stellten die Statik des Fachwerks wieder her. Helfer des Heimatvereins übernehmen nun die optischen Verbesserungen an der Außenwand. Das Fachwerk bleibt künftig sichtbar und nicht wieder hinter Putz versteckt.

Eine Premiere gibt es am 1. Juni in Weidenhausen: Dann findet die erste standesamtliche Trauung im Regionalmuseum statt. Weil „Ja“ sagen vor besonderer Kulisse voll im Trend liegt, versucht der Heimatverein schon seit Längerem, heiratswilligen Paaren das Regionalmuseum als Trauort anzubieten. Nun gab der Gladenbacher Magistrat sein Okay. Ein entsprechender Vertrag mit dem Verein ist unterzeichnet.
Geräumt hat der Heimatverein sein Depot auf dem Oranier-Werksgelände. Die Halle soll in naher Zukunft einem Parkplatz für Busse weichen. Nun sucht der Vorstand noch eine geeignete, trockene Unterstellmöglichkeit für größere landwirtschaftliche Gegenstände.

Termine für die Ausstellung

Geöffnet ist die Ausstellung im Regionalmuseum an den vier Sonntagen, 24. April sowie 1., 8. und 15. Mai, jeweils von 14 bis 17 Uhr, ab Juni jeden ersten und dritten Sonntag im Monat von 14 bis 17 Uhr. Bis Ende August soll die Sonderschau laufen. Gruppen können einen Termin mit Anneliese Müller-Ehrlich, Vorsitzende des Heimatvereins, Telefon 0 64 62 / 85 33 oder E-Mail muellerannie@
t-online.de vereinbaren.

Von Michael Tietz

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