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Hinterland Heck & Becker will es alleine schaffen
Landkreis Hinterland Heck & Becker will es alleine schaffen
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15:58 15.10.2020
Der Umsatz bei Heck & Becker ist um fast 50 Prozent eingebrochen. Quelle: Sascha Valentin
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Dautphe

Die Firma Heck & Becker in Dautphe hat beim Amtsgericht Marburg einen Antrag auf ein Eigenverwaltungsverfahren gestellt. Dabei handelt es sich nach der deutschen Insolvenzordnung um die Möglichkeit eines Unternehmens, sich unter Aufsicht eines gesetzlich bestellten Sachwalters selbst zu sanieren und neu zu positionieren.

Ihm sei dieses Verfahren noch zu Beginn des Jahres selbst nicht bekannt gewesen, gibt Heck & Becker-Geschäftsführer Martin Baumann zu. „Unseres Wissens nach wären wir in der Region auch das erste Unternehmen, das davon Gebrauch macht“, betont er.

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Ganz alleine wird der Betrieb den Weg aus der finanziellen Schieflage freilich nicht beschreiten. Dafür hat sich Baumann im Frühjahr mit Dr. Gordon Geiser die Hilfe eines Experten auf diesem Gebiet gesichert.

Der Berliner Anwalt hat als Restrukturierungsfachmann mehrere insolvente Unternehmen saniert und sieht auch Heck & Becker dafür bestens gerüstet. „Der jetzigen Situation liegt eine lange gewachsene Krise der Automobilzulieferer zugrunde, die schon mit dem Aufkommen der Elektromobilität begonnen hat“, erklärt Geiser. Denn an der künftigen Bedeutung der E-Autos scheiden sich die Geister. Den Verbrennungsmotor alleine werde es bald nicht mehr geben, aber auch der Elektromotor alleine sei keine Lösung, erklärt Geiser.

„Darunter, nicht zu wissen, wie es weitergeht, leiden die Automobilindustrie und ihre Zulieferer“, erklärt der Experte. Dann sei in diesem Jahr auch noch Corona hinzugekommen und habe den Markt vollends einbrechen lassen. Bei Heck & Becker schlägt laut Baumann ein Umsatzeinbruch von 48 Prozent zu Buche.

„Wieder Luft zum Atmen“

Das Eigenverwaltungsverfahren erlaube es dem Unternehmen zum Beispiel, sich von Verpflichtungen zu trennen, die die Abwärtsspirale weitertreiben würden, erklärt Geiser. „Ein Beispiel dafür sind langfristige Verträge, die die Firma einmal geschlossen hat, als es wirtschaftlich noch besser aussah, die aber heute monatlich das Geld auffressen“, verdeutlicht er.

Das Eigenverwaltungsverfahren erlaube es, solche Verträge vorzeitig zu beenden, ohne Vertragsstrafe. „Dadurch bekommen die Firmen erst mal wieder Luft zum Atmen“, sagt Geiser. Tatsächlich sei das Eigenverwaltungsverfahren speziell dafür geschaffen worden, Unternehmen zu helfen, die den Ernst der Lage frühzeitig erkannt haben und dem gegensteuern wollen. Das treffe auf Heck & Becker uneingeschränkt zu.

„Ich bin von der Rationalität, mit der Herr Baumann und Herr Becker an die Sache gehen, sehr begeistert“, gibt Geiser zu. Das seien die besten Voraussetzungen für einen erfolgreichen Abschluss des Verfahrens. Deswegen glaubt der Experte auch, das Verfahren relativ schnell beenden zu können. Wenn alles nach Plan läuft, sollte Ende März 2021 alles vorbei sein. „Ein überschaubarer Zeitrahmen ist wichtig, weil ein solcher Prozess auch immer an den Nerven aller Beteiligten zehrt“, sagt Geiser.

Strategie wird überdacht

Der Geschäftsbetrieb wird während der Eigenverwaltung uneingeschränkt weiterlaufen und auch die Gehälter der Mitarbeiter werden weiter gezahlt. Dafür wurde bereits die Vorfinanzierung des Insolvenzgeldes beantragt. Auch wenn das Verfahren nach sechs Monaten beendet sein könnte – die Neupositionierung des Unternehmens wird freilich noch länger dauern.

Aber auch dabei sieht Geiser für Heck & Becker sehr gute Chancen. Als einfacher Formenbauer ziehe man im Wettbewerb gegenüber Billiganbietern aus dem asiatischen Raum zwangsläufig immer den Kürzeren, erklärt er. Deswegen liege die Zukunft Heck & Beckers nicht in der reinen Produktion, verdeutlicht Geiser: „Bei der Umstrukturierung müssen wir die Stärken hervorheben und das ist im Falle Heck & Beckers die Innovationskraft und das Wissen.“

Das Unternehmen werde sich künftig Partner in der Entwicklung komplexer und anspruchsvoller Druckgussformen positionieren. Das sei ein Aspekt, den einfache Formenbauhersteller als Mitbewerber auf dem Markt nicht leisten könnten, so Geiser.

Die Möglichkeiten in diesem Bereich seien vielfältig. Als Beispiel nennt er die Frage, die auch bei der E-Mobilität eine große Rolle spielt: Wie sich bei der Produktion von Autoteilen Gewicht sparen und dadurch die Reichweite der Autos erhöhen lässt. Solchen Fragen werde sich Heck & Becker künftig stellen.

Das Unternehmen

Die Firmengründung erfolgte 1936 unter dem Namen „Modellfabrik Dautphe“. 1941 gab es dann die Umbenennung in Heck & Becker. Zu diesem Zeitpunkt hatte man 24 Beschäftigte. Nach eigenen Angaben auf der Firmenhomepage beschäftigt das Unternehmen aktuell 185 Mitarbeiter.

Von Sascha Valentin

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