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Hinterland Apotheker räumt Doping-Verkauf ein
Landkreis Hinterland Apotheker räumt Doping-Verkauf ein
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17:57 28.03.2022
Einem Apotheker droht ein Berufsverbot, weil er verschreibungspflichtige Medikamente illegal herausgegeben haben soll.
Einem Apotheker droht ein Berufsverbot, weil er verschreibungspflichtige Medikamente illegal herausgegeben haben soll. Quelle: Friso Gentsch/dpa
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Marburg

Ein Apotheker aus dem Hinterland muss sich vor dem Marburger Amtsgericht verantworten. Ihm wird zur Last gelegt, in 56 Fällen verschreibungspflichtige Medikamente und Dopingmittel ohne Rezept verkauft zu haben. Es ist nicht das erste Mal, dass sich die Justiz mit dem Mann beschäftigt: Vor zwei Jahren wurde ermittelt, weil er Mitarbeiterinnen mit Kameras auf der Toilette beobachtet haben soll.

Nun wird dem Mann vorgeworfen, zwischen Mai 2016 und Juni 2019 an verschiedene Kunden unter anderem Stimmungsaufheller und Hormonpräparate verkauft zu haben, ohne dass diese von einem Arzt verschrieben worden waren. Eine Kundin war eine Rentnerin aus dem Hinterland, die als Zeugin dem Schöffengericht unter Vorsitz von Richter Dominik Best die Vorgeschichte schilderte.

Demnach leide sie seit Jahren an psychischen Problemen, kämpfe unter anderem gegen Depressionen. Diese waren ihren Angaben zufolge auch der Grund dafür, dass sie eine der drei Apotheken des Angeklagten aufgesucht habe, um gezielt Psychopharmaka zu erwerben. Die Zeugin und der Angeklagte selbst stimmten darin überein, dass dieser nichts von der psychischen Erkrankung der Frau gewusst habe.

So konnte er nicht ahnen, dass seine Kundin vorhatte, sich mit einem ausnahmsweise in Pulverform ausgehändigten Medikament das Leben zu nehmen. Nach dem gescheiterten Suizidversuch lag die Frau zwei Wochen auf der Intensivstation im Koma. Ihr Ehemann und die beiden Söhne, die schon hellhörig geworden waren, erfuhren so von den verhängnisvollen Apothekenbesuchen der Seniorin. Diese hatte ihrem Verkäufer gegenüber angegeben, das Mittel als Pulver zu benötigen, damit ihr Mann nicht argwöhnisch werde.

Zeugin: Das war ein offenes Geheimnis

Einer der beiden Söhne des Ehepaars ist Polizist und hatte Anzeige gegen den Apotheker erstattet. Die Ermittler hörten dann unter anderem das Telefon des Verdächtigen ab, gab einer von ihnen nun zu Protokoll.

Dabei habe sich herausgestellt, dass die Rentnerin nicht die einzige Kundin war, die auf diese Weise vom Inhaber der Apotheke selbst bedient worden sei. Dieser hatte im genannten Zeitraum neben jener Apotheke in einem Dautphetaler Ortsteil, die die Zeugin aufgesucht hatte, noch je eine in Biedenkopf und in Angelburg betrieben.

Als Springerin zwischen den Filialen hatte eine Frau gearbeitet, die ebenfalls als Zeugin aussagte. Sie sprach davon, das in der Anklageschrift geschilderte Vorgehen selbst miterlebt zu haben: „Das war ein offenes Geheimnis.“ Es habe Kunden gegeben, denen die gewünschten Präparate mittels weißer Tüten nach Hause geliefert worden seien.

Einer dieser anderen Kunden war eigenen Angaben zufolge ein ehemaliger Kraftsportler, der vor Gericht aussagte. Gegen ihn wird gesondert ermittelt, denn er soll sich mittels Testosteron-Ampullen gedopt und dadurch Wettbewerbsvorteile erschlichen haben. Diese Hormonpräparate habe er vom Angeklagten bekommen, ohne eine entsprechende Verschreibung. Auch er habe einfach nach dem Mittel gefragt und jedes Mal bar bezahlt.

Prozess wird am 8. April fortgesetzt

Der Apotheker selbst machte am ersten Verhandlungstag keine Aussagen. Sein Verteidiger Sascha Marks brachte aber eine Einlassung seines Mandanten ein. An einige der vorgeworfenen Fälle könne er sich nicht mehr erinnern, gab der Angeklagte demnach an.

In anderen Fällen sei ein Privatrezept nachgereicht worden, in wieder anderen sei er davon ausgegangen, die Kunden seien in einem „rezeptfähigen Zustand“. Grundsätzlich habe er keinesfalls unredliche Absichten verfolgt und verwies auf den Umgang mit den Kunden im Tagesgeschäft. Einzig die Doping-Vorwürfe räumte der Mann über seinen Anwalt ein, machte jedoch deutlich, damit nicht viel verdient zu haben.

Unter anderem droht dem Apotheker im Fall einer Verurteilung der Entzug der Berufserlaubnis. Seine Apotheken ist er bereits los: Das Regierungspräsidium in Darmstadt hat veranlasst, dass die Betriebserlaubnis für das zentrale Geschäft und die beiden Filialen erloschen sind. Zwei von drei Betrieben haben inzwischen neue Inhaber, der dritte ist derzeit geschlossen.

Die Verhandlung wird am Freitag (8. April) im Amtsgericht in Marburg fortgesetzt.

Von Markus Engelhardt