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Hinterland Rohstoffpreise bleiben hoch
Landkreis Hinterland Rohstoffpreise bleiben hoch
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13:59 20.10.2021
Ein Zimmermannsgeselle arbeitet an der Sanierung eines historischen Dachstuhls mit.
Ein Zimmermannsgeselle arbeitet an der Sanierung eines historischen Dachstuhls mit. Quelle: Nicolas Armer
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Biedenkopf

Der anhaltende Bauboom in den USA und China sorgt auch hierzulande für höhere Preise bei Baustoffen. Dies machte sich auch in der Region bemerkbar. „Wir haben mittlerweile wieder alle genügend Material, doch wird es in nächster Zeit wohl nicht mehr viel im Preis sinken. Dachlatten und Bauholz waren während der Krise teilweise drei- bis viermal so teuer im Einkauf. Mittlerweile haben wir ein niedrigeres Preisniveau erreicht. Dachlatten und Bauholz sind nach wie vor etwa doppelt so teuer wie vor der Krise“, sagt Richard Preisig, Obermeister der Biedenkopfer Zimmerer-Innung.

Den Handwerksbetrieben war im Frühjahr nichts anderes übrig geblieben, als die Preiserhöhungen an ihre Kunden weiterzugeben. Nach Handelsstreitigkeiten um Fichtenholz aus Kanada stieg der deutsche Export in die Vereinigten Staaten 2020 deutlich an.

Die Corona-Pandemie verschärfte die Lage am Absatzmarkt weiter. Anders als von Rohstoffspekulanten vermutet, kam es nicht zu einem globalen Baustopp, sondern zu einem regelrechten Boom. Der traf nicht nur den Häuserbau, sondern auch alle Handwerker. Die Preise für Baumaterialien stiegen rapide an. Nicht nur der Holzbau ist von den Preissteigerungen betroffen, der gesamte Bausektor verspürt das Missverhältnis zwischen Angebot und Nachfrage. Hinzu kommen Probleme innerhalb der Lieferketten. Pandemiebedingt fuhren Baustoffhersteller ihre Produktion herunter, Güter wurden knapp.

Da viele Handwerksbetriebe jedoch trotz Pandemie weiterhin ihrer Arbeit nachgingen und auch die Heimwerkertätigkeit zunahm, stieg die Nachfrage, während das Angebot sank. Diese Entwicklung macht sich auch in den Handwerksbetrieben des Hinterlandes bemerkbar. Kaum ein Gewerk im Bausektor ist von den Preissteigerungen ausgenommen. China, einer der größten Hersteller für Baustoffe, fuhr zu Beginn der Corona-Pandemie die Produktion der Baustoffe zeitweilig komplett herab, der Handel kam kurzzeitig fast ganz zum Erliegen.

Krise kam schnell und flaute schnell wieder ab

Mit dem Anlaufen der eigenen Wirtschaft mussten chinesische Unternehmen zunächst die heimische Nachfrage bedienen. Dies führte global zu teils massiven Lieferschwierigkeiten. Auch die Blockade des Suezkanals durch den Frachter „Ever Given“ im März schlug sich nieder.

Diese Entwicklung scheint nun gestoppt. Zumindest im Hinterland hat sich seit dem Sommer der Mangel an Baustoffen wieder zum Positiven entwickelt.

Doch so schnell wie die Krise kam, so schnell flaute sie wieder ab. „In dem Maße, wie wir die Preiserhöhungen an die Kunden weitergeben mussten, haben wir nun auch die gesunkenen Preise weitergegeben“, sagt der Obermeister. Auch, wenn der Holzpreis gesunken ist: „Die Preise für Stahl und Kunststoffteile sind nach wie vor auf einem sehr hohen Niveau. Stahl ist aktuell noch gut dreimal so teuer wie vor der Krise“, sagt Preisig.

Doch woran liegt es, dass mittlerweile wieder Material vorhanden ist, die Preise jedoch nicht mehr sinken? Eine mögliche Antwort hat Iris Baar von der Industrie- und Handelskammer Lahn-Dill: „Die Produktion der Güter hat sich massiv verteuert – Grund dafür sind unter anderem steigende Energiekosten und eine nach wie vor angespannte globale Marktlage.“

Wo es geht, haben sich die Handwerker mit Baustoffen eingedeckt. Dies ist aber nicht bei allen Materialien möglich. Aktuell erhalten Handwerker bei manchen Fachhändlern nur passende Kombinationen aus Baustoffen, zum Beispiel eine bestimmte Anzahl an Dachlatten, die zu einem Quadratmeter Dachziegel passen. Einige Betriebe haben jedoch nicht die Lagerkapazitäten, Baustoffe für mehrere Monate zwischenzulagern. Sie sind den aktuellen Preisentwicklungen noch mehr ausgesetzt.

Momentan kann niemand absehen, wie sich die Lage weiterentwickelt, doch ist der Obermeister der Hinterländer Zimmerer zuversichtlich: „Wir haben die schlimmsten Preisschwankungen wohl hinter uns. Die Preise haben sich auf einem höheren Niveau eingependelt, doch scheint dieses stabil zu bleiben.“ Produzenten und Zulieferer haben sich auf die Situation eingestellt. Die Auftragsbücher der Handwerker sind nach wie vor gefüllt. Lange Wartezeiten waren aufgrund des Fachkräftemangels schon vor der Krise üblich. So wartet man bei bestimmten Gewerken oftmals zwei bis sechs Wochen oder sogar länger.

Obermeister mahnt: Mit den Kunden fair umgehen

Wenn die Handwerker ihre Verträge mit den Kunden abschließen, sollten sie ihre Preise so transparent wie möglich darlegen und offen über mögliche Preisschwankungen sprechen, empfiehlt Richard Preisig. „Ein fairer Umgang miteinander ist wichtig und die Kunden verstehen auch, dass die Handwerker nicht auf ihren Kosten sitzen bleiben können.“ Zumeist zeige die Kundschaft Verständnis. Größeren Auftraggebern bleibt aber oftmals auch nichts anderes übrig, als die Preise hinzunehmen, wenn sich langwierige Projekte bereits im Bau befinden.

Von Patrick Stein

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