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Hinterland Vater bringt Kind in Lebensgefahr
Landkreis Hinterland Vater bringt Kind in Lebensgefahr
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16:00 04.08.2019
Symbolbild: Ein Angeklagter musste sich vor dem Amtsgericht Biedenkopf verantworten. Er soll durch ein Schütteltrauma eine Hirnblutung bei seiner Tochter verursacht haben. Quelle: Thorsten Richter
Biedenkopf

Eine Notoperation im Marburger Uni-Klinikum rettete vor drei Jahren einem Säugling das Leben. Das Kind aus Gladenbach kam im Juli 2016 mit Krämpfen und epileptischen Anfällen ins Krankenhaus. Ursache war eine Hirnblutung, ausgelöst durch ein Schütteltrauma. Die Verletzung fügte laut Urteil des Amtsgerichts Biedenkopf der Vater dem kleinen Mädchen zu.

Am Dienstag wurde er wegen gefährlicher Körperverletzung zu einer Freiheitsstrafe von 17 Monaten verurteilt. Richter Mirko Schulte setzte die Strafe zur Bewährung aus. Der Angeklagte habe im Affekt eine Kurzschlusshandlung begangen, die Vorzeichen der Tat aber missachtet. Diese äußerten sich durch Überforderung und nervliche Überbelastung der Eltern.

Die Mutter litt nach der Geburt an einer Depression, weshalb ihr gesundheitlich sehr angeschlagener Mann mit der Versorgung des Kindes häufig auf sich gestellt war. Strafmildernd wirke auch, dass der 30-Jährige sich selbst anzeigte, „tätige Reue“ zeige und sich kooperativ verhielt, führte Schulte aus.

Es gebe "ganz viele offene Fragen"

Staatsanwältin Julia Schmid forderte zwar eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren; da der Angeklagte nicht vorbestraft ist und der Kontakt der Familie mit der Jugendhilfe funktioniert, plädierte sie aber für eine Bewährungszeit. Schmid hätte den Fall ans Landgericht verwiesen – wegen des Verbrechenstatbestands der Quälerei. Das lege ein medizinisches Gutachten aus Köln nahe. Dieses lasse nur den Schluss zu, dass das Kind mehrfach geschüttelt wurde.

Es war also kein einmaliger Vorgang, argumentierte Schmid. Auch Schulte bezog sich auf die Sachverständige. Sie habe zweifelsfrei ausgeführt, dass die Hirnblutung nur durch das Schütteln des Kindes verursacht worden sein könne. Die zweite Blutung könne auch ein Nachbluten als Folge der ersten Verletzung sein. Schulte lehnte deshalb den Verweis ans Landgericht ab.

Er stützte sich dabei auch auf die Aussage eines Arztes des Uni-Klinikums, demzufolge Nachblutungen bei solchen Verletzungen vorkommen können. Rechtsanwalt Alexander Pfaff forderte einen Freispruch. Es gebe „ganz viele offene Fragen“, die die Staatsanwältin „durch ein vermeintliches Geständnis des Angeklagten zuzuschmieren“ versuche.

Vater zeigte sich selbst an

Pfaff verwies auf die Aussagen von zwei Ärzten des Uni-Klinikums und einem Vertreter des Jugendamtes, die gut zehn Tage nach der Notoperation mit den Eltern sprachen. Auf die Diagnose Schütteltrauma habe der Angeklagte unter Tränen sehr betroffen reagiert und seine Schuld eingeräumt – was sehr ungewöhnlich sei.

Aus Pfaffs Sicht wurde nicht geklärt, ob der Angeklagte der Täter sei. „Auch die Mutter, die Großmutter und ein Freund hatten Zugang zu dem Kind.“ Richter Schulte gelangte zu der Überzeugung, dass die Indizien nicht nur aufgrund der Selbstanzeige für den Vater als Täter sprechen.

Die größte Strafe für den Mann sei, „sein Kind in Lebensgefahr gebracht“ zu haben, sagte Schulte. Das nun dreieinhalb Jahre alte Mädchen geht in den Kindergarten. Ob das Schütteltrauma Folgen für ihre Entwicklung hat, sei nicht abzusehen.

von Regina Tauer