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Hinterland Gutachter schildern Tat-Möglichkeiten
Landkreis Hinterland Gutachter schildern Tat-Möglichkeiten
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19:58 05.05.2021
Im Prozess um einen versuchten Mord standen diesmal mehrere Gutachten im Fokus (Archivfoto).
Im Prozess um einen versuchten Mord standen diesmal mehrere Gutachten im Fokus (Archivfoto). Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

Am sechsten Verhandlungstag des Prozesses um einen versuchten Mord mittels eines VW-Bulli hörten die Richter und Schöffen der 6. Strafkammer des Landgerichts am heutigen Mittwoch (5. Mai) Sachverständige sowie einige weitere Zeugen. Zu diesen zählte auch der Ermittler der Kriminalpolizei, der das Unfallfahrzeug auf Spuren des Aufpralls untersucht hatte.

Dabei stellte er auf der linken Seite des Transporters am Stoßfänger Schrammspuren sowie angeheftete Fasern fest, auch war der Scheinwerfer zerborsten und es waren „großflächige Abtragungen von Staub und Blütenpollen“ erkennbar. Weitere vom Landeskriminalamt ausgewertete Proben ergaben keine Spuren von Pfefferspray. Eine solche Spraydose trug der Angefahrene bei sich, weil er, wie am zweiten Prozesstag berichtet, sich bedroht fühlte.

Expertin für textile Spuren

Von den geladenen Sachverständigen befragte der Vorsitzende Richter Dr. Frank Oehm als erste eine Expertin für textile Spuren. Diese verglich die am Stoßfänger gefundenen Fasern mit denen der Arbeitshose des Opfers. Sie stellte fest, dass von den Fasern ähnlichen Typs einige verschmolzen waren, was für ein Unfallgeschehen typisch sei, und kam zu dem Schluss: Das festgestellte Spurenbild spricht für einen Kontakt von Stoßfänger und Arbeitshose.

Ein Rechtsmediziner aus Gießen bestätigte nicht nur die vom Notarzt zuvor beschriebenen Verletzungen, unter anderem mehrere Schürfwunden und Blutergüsse sowie Brüche mehrerer Rippen und des rechten Fußes, sondern lieferte auch eine Erklärung für den im Verlauf des Prozesses schon mehrfach erwähnten Fundort der Schuhe des Opfers. Es bestünde immer die Möglichkeit, dass ein Unfallopfer durch einen plötzlichen, heftigen Anprall aus den Schuhen gehoben werde, antwortete dieser dem Richter. Der rechte Fuß war gebrochen, da dies im Moment des Aufpralls vermutlich das Standbein war, führte der Rechtsmediziner aus.

Das Verletzungsbild passt zusammen

Auf Nachfrage des Kfz-Sachverständigen erklärte der Gießener Mediziner, dass die Beschädigungen am linken Schuh des Opfers mit dem Verletzungsbild zusammenpassen, da der linke Schuh vermutlich unters Rad des VW-Bulli geriet. Der Rechtsmediziner bejahte auch die Frage, ob das Opfer in Lebensgefahr war, denn niemand könne vorhersagen, wie sich die Verletzungen auswirken und ob es noch unerkannte innere Verletzungen gab.

Laut des Kraftfahrzeug-Sachverständigen ereignete sich der Zusammenprall auf dem Bürgersteig vor dem Haus des Geschädigten, wobei der VW-Multivan samt Anhänger eine Geschwindigkeit von etwa 30 Kilometern pro Stunde hatte, weshalb das Opfer etwa acht Meter durch die Luft schleuderte.

Keine Abwehrreaktionen am Fahrzeug

Die Geschwindigkeit ergibt sich für Andreas Busse aus dem Splitterfeld und der sogenannten Splitterwurfweite auf dem Gehweg und dem Weg des Fahrzeugs des Angeklagten. Dieser fuhr nach seiner Annahme in Wolfgruben-Wilhelmshütte auf der Gladenbacher Straße erst in Richtung Friedensdorf am späteren Opfer vorbei, wendete dann an der nächsten Straßeneinmündung und nahm Kurs auf seinen Landsmann.

An dem wegen eines vorherigen Auffahrunfalls stark beschädigten Fahrzeug ließ sich keine Abwehrreaktion des Opfers ersehen, Busse schloss aber einen Reflex des Angefahrenen nicht aus.

Keine Drogen oder Alkohol festgestellt

Es käme häufig vor, dass Fußgänger reflexartig die Arme heben, wenn sie die Gefahr erkenne, beantwortete der Sachverständige eine Frage von Richter Oehm. Ebenso sei es durchaus möglich, dass das Opfer sich umdrehte, als es hinter sich die Geräusche des über den Bordstein fahrenden Anhängers vernahm. Das erkläre auch die Verletzungen auf der rechten Körperhälfte und die Spuren am Fahrzeug vorne links.

Der Vorsitzende Richter verlas noch die Protokolle weiterer Untersuchungen, aus denen sich ergibt, dass zur Tatzeit weder Alkohol noch Drogen im Körper des Angeklagten wirkten. Die Verhandlung wird am Montag, 17. Mai, um 9 Uhr im Saal 101 des Landgerichts fortgesetzt. Bis dahin will das Gericht auch entscheiden, ob es einen Ortstermin geben soll. In diesem Falle kündigte der Angeklagte über seinen Verteidiger eine Erklärung an.

Von Gianfranco Fain