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Hinterland Parlament will den Kirschenmarkt
Landkreis Hinterland Parlament will den Kirschenmarkt
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14:31 30.03.2022
Der Kirschenmarkt mit seinem Rummel gehört seit mehr als 175 Jahren zu Gladenbach. Nach zwei Jahren Corona-Pause hoffen die Schausteller und Marktbeschicker, dass wieder in der Innenstadt gefeiert werden kann.
Der Kirschenmarkt mit seinem Rummel gehört seit mehr als 175 Jahren zu Gladenbach. Nach zwei Jahren Corona-Pause hoffen die Schausteller und Marktbeschicker, dass wieder in der Innenstadt gefeiert werden kann. Quelle: Thorsten Richter
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Gladenbach

Es bleibt vorerst alles beim Alten für Gladenbachs „tolle Tage“ im Sommer: Wenn es die Corona-Lage zulässt, soll der Kirschenmarkt nach bewährtem Muster stattfinden. Dafür plädierten die Stadtverordneten mit großer Mehrheit. Sie folgten einem Dringlichkeitsantrag der Freien Wähler. Der Magistrat soll umgehend die Planungen für das am ersten Juli-Wochenende anstehende Volksfest wieder aufnehmen.

Am 7. März hatte der Magistrat den Kirschenmarkt abgesagt. Zwei Wochen später beschloss er ein Alternativprogramm. Dies sah vor, dass der Generalpächter für den Rummelplatz und die Fressgasse sowie der Festwirt gemeinsam ein viertägiges Fest auf die Beine stellen sollten. Dann dürften allerdings nur Speisen und Getränke angeboten werden. Auf Fahrgeschäfte sowie Spiel- und Spaßbuden sollte verzichtet werden. Ein kleiner Krammarkt und ein Feuerwerk zum Abschluss wären noch möglich – so die Vorgabe des Magistrats.

„Das Theater in den letzten beiden Wochen um den Kirschenmarkt mutet sich an wie ein Stück aus dem Tollhaus“, merkte Klaus Bartnik (FW) zu Beginn der einstündigen Debatte in der Stadtverordnetenversammlung an. Bartnik sprach von „Panik im Magistrat“. Der habe viel zu früh eine Veranstaltung komplett abgesagt, die von größter Bedeutung für Gladenbach sei.

Mit der dann vom Magistrat ins Spiel gebrachten Alternative mochte sich Bartnik nicht anfreunden. „Ein Kirschenmarkt light, schön verstreut in der ganzen Stadt, verliert seine Attraktivität.“ Er plädierte dafür, die Planungen für das ursprüngliche Volksfest fortzuführen und die Organisation vernünftig und so pandemiegerecht wie möglich zu gestalten. „Wenn es sich dann herausstellen sollte, dass alles nicht geht, dann werden die Schausteller und alle Beteiligten Verständnis haben müssen“, sagte Bartnik.

Bürgermeister weist Kritik zurück

Die Kritik wies Bürgermeister Peter Kremer (parteilos) zurück: „Der Magistrat ist keinesfalls in Panik ausgebrochen, er hat Verantwortungsbewusstsein gezeigt.“ Maßgeblich für die Absage seien die Warnungen von Gesundheitsminister Karl Lauterbach und Virologe Christian Drosten gewesen, dass die angekündigten Corona-Lockerungen zu früh kämen und die Infektionszahlen weiter steigen würden. „Von der grundsätzlichen Absage des Kirschenmarkts und all seinen möglichen Gefahren bei 100 000 Festbesuchern auf engstem Raum ist er nicht abgekehrt“, erklärte Kremer. Stattdessen habe der Magistrat eine Alternative beschlossen.

„Der Magistrat hat die Gesundheit und Sicherheit der Bevölkerung sowie aller am Fest Beteiligten im Blick gehabt und dies höher bewertet als die allgemeine Lust nach Volksfest und Trubel“, betonte der Bürgermeister und mahnte: Sollte der Kirschenmarkt vollumfänglich stattfinden, „dann hat die Stadtverordnetenversammlung zumindest auch die moralische Verantwortung dafür, wenn es zu vermehrten Infektionen kommt“.

Aus Sicht von Kremer reichten wenige Wochen Vorlaufzeit für das Volksfest nicht aus. So müsste ein mehr als 100 Seiten umfassendes Sicherheitskonzept überarbeitet werden. Kremer sprach von einer „extremen Belastung“ für die Verwaltung. In den nächsten Wochen würden außerdem wichtige Aufgaben anstehen. Als Beispiel nannte er die Landratswahl im Mai. Nicht absehbar seien die Auswirkungen der Flüchtlingsströme aus der Ukraine, so Kremer.

Warnung vor „voreiligen Entscheidungen“

Stadtverordneter Jens Urban (FW) warnte vor einer „voreiligen Entscheidung“ über den Kirschenmarkt 2022. Diese könnte problemlos erst Ende April oder Anfang Mai unter Berücksichtigung der dann geltenden Gesetze und der aktuellen pandemischen Lage getroffen werden. „Ein Alternativkonzept ist keine Chance für den Kirschenmarkt“, betonte Urban.

Sein Fraktionskollege Carsten Brück kritisierte die „Angst- und Panikmache“ des Bürgermeisters. „Ich habe kein Verständnis dafür, warum der Magistrat die Entscheidung nicht dem Parlament überlässt. Hier sitzen nicht nur zehn Leute zusammen, die die Schwarzmalerei des Bürgermeisters vorgetragen bekommen“, sagte Brück. Die Stadt habe noch genügend Zeit zur Vorbereitung.

Ein klares Ja zum Antrag der Freien Wähler kam von der SPD. Zunächst gehe es darum, Zeit zu gewinnen, „um zum Schluss die richtige Entscheidung zu treffen“, sagte Stefan Düppers. Er verwies darauf, dass in den nächsten Monaten mehr als 1 500 Volksfeste und Märkte in Hessen anstünden. „Wenn uns Angst als handlungsleitendes Motiv immer bestimmt, dann sind wir nicht gut beraten“, betonte Düppers. Roland Döhler monierte, dass der Bürgermeister in seiner Argumentation den Strom der Flüchtlinge aus der Ukraine gegen den Kirschenmarkt stelle.

CDU zieht Antrag zurück

Vertreter der CDU befürworteten zunächst das vom Magistrat ins Auge gefasste Alternativprogramm. Sie zogen deshalb ihren Dringlichkeitsantrag zurück, da dieser in die ähnliche Richtung ging.

„Es ist ein guter Kompromiss, das Fest in die Hände der Profis zu übergeben und ihnen dafür öffentliche Plätze zur Verfügung zu stellen. Die Schausteller haben einen klaren Plan, ihre Handlungsleitlinien sind anerkannt und umsetzbar“, sagte Marc Bastian. Dominic Diessner sieht „ganz oder gar nicht“ als das falsche Leitmotiv dieser Diskussion.

„Aus dem Ersatzkonzept der Schausteller könnten vielleicht neue Impulse abgeleitet werden, wie sich der Kirschenmarkt in Zukunft weiterentwickeln kann“, merkte Stefan Runzheimer an.

23 Stadtverordnete sprachen sich schließlich dafür aus, an den Plänen für einen „echten“ Kirschenmarkt in diesem Sommer festzuhalten – fünf enthielten sich. Gegen den Antrag stimmten lediglich Gregor Hofmeyer und Edmund Zimmermann von den Grünen.

Hofmeyer begrüßte die Entscheidung des Magistrats, zumindest ein Fest im Sommer zuzulassen und damit den Weg zurück in die Normalität zu ebnen. Den Freien Wählern warf er vor, mit dem Kopf durch die Wand zu wollen: „Euer Antrag ist: Kirschenmarkt mit aller Gewalt.“

„Sehr zufrieden“ mit dem Beschluss zeigte sich Generalpächter Konrad Ruppert. Der Bad Wildungener verfolgte mit Festwirt Klaus Weingärtner die Sitzung. Sind alle Betreiber von Fahrgeschäften und Buden ausgewählt, will er die Verträge mit einer Pandemieklausel für den Kirschenmarkt 2022 an seine Schausteller-Kollegen schicken.

Nach Auskunft von Bürgermeister Kremer will die Verwaltung umgehend einen Fahrplan für die weitere Organisation des Volksfestes erstellen. Der Magistrat plant, den Generalpächter sowie den Festwirt an einen Tisch zu holen, da die Zeit für die Planung relativ knapp ist.

Von Michael Tietz