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Hinterland Die Mutter aller Trachtentänzer wird 100
Landkreis Hinterland Die Mutter aller Trachtentänzer wird 100
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10:00 14.11.2019
Stolz posiert die Jubilarin Ursula Müller vor dem Foto mit ihren Kindern, Schwiegerkindern und Enkeln das zu ihrem 90. Geburtstag entstand. Quelle: Ingrid Lang
Gladenbach

Zu den ersten Gratulanten, neben den drei Kindern und Schwiegerkindern, fünf Enkel und eine Urenkelin, gehören heute sicherlich viele Trachtentänzer, die ihrer langjährigen Impulsgeberin die Ehre erweisen. Denn Jahrezehnte lang lagen Ursula Müller Brauchtum und Tradition der Volkstanz- und Trachtengruppe am Herzen.

Bis vor einigen Jahren wurden für den Advents-und Weihnachtsmarkt, das heutige Winterfenster, in ihrer ­
Küche die Lebkuchenhäuschen fertiggestellt, um sie an dem Markttag zu verlosen. Beim Verzieren der Häuschen hatten die Trachtentänzer immer viel Spaß und konnten sich der Ratschläge von ihrer ehemaligen Tanzleiterin sicher sein.

Wenn Ursula Müller über den Volkstanz berichtet, leuchten nicht nur ihre Augen, sondern ihr ganzes Gesicht strahlt. Im Jahre 1963 gehörte sie mit ihrem Ehemann zu den Mitbegründern die Gladenbacher Trachten- und Volkstanzgruppe und ein Jahr später übernahm Ursula Müller die Leitung.

Viele Jahre Vorsitzende der Tanzgruppe

Die Trachten lagerten im Hause der Müllers, wo sich auch die Tanzpaare umzogen. „Dabei ging es immer sehr lebhaft und turbulent zu“, erinnert sich die Jubilarin. Sie absolvierte eine Ausbildung zur Tanzleiterin und war viele Jahre Vorsitzende der Tanzgruppe.

Während dieser Zeit rief sie mehrere Abteilungen ins Leben und organisierte 1973 das erste Landestrachtentreffen in Gladenbach. Sieben Jahre danach übernahm sie ehrenamtlich den Vorsitz im Heimatverein „Amt Blankenstein“.

Unter ihrer Leitung richtete die Volkstanz- und Trachtengruppe­ im Jahr 1983 ihren ersten Adventsmarkt aus, dann folgte der Frühlingsmarkt. Die Jubilarin half nicht nur bei der Organisation, sondern malte auch das Bühnenbild. Für den Frühlingsmarkt bemalte sie Ostereier mit den Kirchen der Gladenbacher Stadtteile als Motive.

Heutzutage hört die geistig­ fitte Jubilarin gerne Hörbücher, die sie über die Blista bezieht. Regelmäßig erhält sie Besuch von ihren beiden Töchtern Hannelore Haun und Bärbel Selig, die mit ihr Kreuzworträtsel lösen.

Nascht gern Schokolade

Bärbel berichtet, dass sie ihre Mutter abfragt und dann mit der schnellen Antwort die Wörter in das Rätsel einfügen kann, was die Mutter geistig fit hält. Auch Sohn Klaus, der im selben Hause wohnt, schaut ­jeden Tag bei seiner Mutter vorbei.

Aber die Jubilarin freut sich besonders über den Besuch der kleinen Urenkelin, wenn sie mit ihrer Mama Anne die Uroma besucht. Wegen des schwindenden Augenlichts erfährt Ursula Müller seit ein paar Jahren rund um die Uhr Unterstützung von ihren Betreuerinnen, die alle aus Litauen kommen.

„Sie sind alle sehr nett, hilfsbereit und freundlich“, sagt die Jubilarin. Zu ihnen gehört auch „Alma“, die Ursula Müller zum ersten Mal im Jahre 2016 für drei Monate betreute. Mittlerweile ist sie zum achten Mal in Gladenbach.

Alma verrät, dass die Jubilarin sehr gerne Schokolade nascht und dass es jeden Dienstag einen Litauentag gibt mit Gerichten wie Blinis oder Ceppelinis. Es gibt auch nach jedem Mahl einen Nachtisch. Am liebsten mag Ursula Müller – egal ob Sommer oder Winter – Eis.

Von Hinterpommern 
ins Hinterland gelangt

Geboren wurde die Jubilarin im Jahre 1919 in der Ostseehansestadt Kolberg im ehemaligen Hinterpommern. Während des Zweiten Weltkriegs musste die junge Frau aus gutem Hause fliehen und wurde zu einem mittellosen Mädchen.

Zu Fuß und mit wenig Gepäck gelangte sie über mehrere Stationen bis nach Celle und landete schließlich in Dänemark in einem ­Internierungslager. Dreieinhalb Jahre verbrachte sie dort, bevor sie nach Deutschland zurückkehrte. Ihr Beruf führte sie 1951 von Bremen nach Gießen, wo sie als Fürsorgerin wirkte.

Dort lernte die 32-Jährige auf einem Ball den Kaufmann und späteren Ehemann Friedrich Wilhelm Müller kennen. Mit ihrer Heirat wurde Gladenbach zur neuen Heimat. Sie wirkte weiterhin als Fürsorgerin und Säuglingspflegerin und half im Geschäft ihres Schwiegervaters, da ihr Mann in den ersten Jahren ihrer Ehe als Vertreter unterwegs war.

Zudem kümmerte sie sich um ihre drei Kinder. Die Jubilarin erhielt für ihre­ ehrenamtliche Tätigkeit und ihr überaus großes Engagement mehrere Auszeichnungen: den Bundesverdienstorden, die Ehrenplakette der Stadt Gladenbach, den Dr. Berthold-Leinweber-Preis, den Otto-Ubbelohe-Preis und viermal den Ehrenamtspreis des Kreisjugendrings Marburg.     

von Ingrid Lang