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Hinterland „Wir waren alle geschockt“
Landkreis Hinterland „Wir waren alle geschockt“
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17:58 28.10.2021
Im Schlamm eingesunken und zerbrochene Scheiben: Von der Zerstörungskraft des Wassers blieben auch einige Feuerwehr-Fahrzeuge der Einsatzkräfte aus der Verbandsgemeinde Altenahr nicht verschont.
Im Schlamm eingesunken und zerbrochene Scheiben: Von der Zerstörungskraft des Wassers blieben auch einige Feuerwehr-Fahrzeuge der Einsatzkräfte aus der Verbandsgemeinde Altenahr nicht verschont. Quelle: Alexander Wagner
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Gladenbach

„Gemeinsam sind wir stark“ lautet ihr Leitspruch. Kameradschaftspflege und Solidarität stehen bei ihnen an erster Stelle. Deshalb war es für die Feuerwehren aus der Stadt Gladenbach auch eine Selbstverständlichkeit, ihren Kollegen im Ahrtal nach der Hochwasserkatastrophe unter die Arme zu greifen. 13 000 Euro übergaben sie nun an die Feuerwehr in der Verbandsgemeinde Altenahr. Ein Hilfseinsatz in Rheinland-Pfalz ist ebenfalls geplant.

„In den Abendstunden des 14. Juli hat eine Apokalypse das Ahrtal verwüstet. Nichts ist mehr, wie es war“, heißt es auf der Internetseite der 11 000 Einwohner zählenden Gemeinde Altenahr. Die Ahr, „früher unsere launige Weggefährtin“, wurde zu einem „Monster, einem brutalen Ungeheuer“ – so beschreibt Bürgermeisterin Cornelia Weigand die Ereignisse.

33 Einwohner der Verbandsgemeinde Altenahr starben in den Fluten. Zu den Opfern gehört auch ein Feuerwehrmann und dessen Familie. Die Wassermassen zerstörten viele Häuser und öffentliche Einrichtungen, darunter acht der 16 Feuerwachen. Vier Einsatzfahrzeuge der Hilfskräfte wurden mitgerissen und sind nun ein Totalschaden.

Dieses Tragkraftspritzenfahrzeug der Feuerwehr in der Verbandsgemeinde Altenahr ist von den Fluten mitgerissen und in eine Ecke gespült worden. Foto: Alexander Wagner *** FREIGABE NUR FÜR DEN EINEN ARTIKEL, ZU DEM DIE FOTOS GEHÖREN, VON MICHAEL TIETZ *** Quelle: Alexander Wagner

Für Gladenbachs Stadtbrandinspektor Alexander Wagner stand deshalb schnell fest: „Hier müssen wir helfen.“ Vier Wochen nach der Katastrophe versuchte der Weidenhäuser das erste Mal, Kontakt zu den betroffenen Kollegen im Ahrtal aufzunehmen. Einige kurze Wortwechsel mit Vertretern des Landkreises Ahrweiler und der örtlichen Feuerwehr führten – auch wegen der schlechten Qualität der Telefonverbindung – allerdings noch nicht zum gewünschten Erfolg.

„Ich habe aber nicht lockergelassen“, erzählt Alexander Wagner. Von der Feuerwehr Höhr-Grenzhausen im Westerwaldkreis, die ihr Löschgruppenfahrzeug nach Ahrweiler überführt hatte, erhielt der Stadtbrandinspektor schließlich die Handynummer und E-Mail-Adresse von Frank Linnarz. Er ist Wehrleiter in der Verbandsgemeinde Altenahr und somit Chef der zwölf Einsatzabteilungen mit ihren rund 300 Aktiven.

Ursprünglich wollten die Gladenbacher das ausgemusterte Tragkraftspritzenfahrzeug (TSF) der Feuerwehr Frohnhausen spenden. „Linnarz hat sich sehr über unsere Initiative gefreut und unseren Einsatz für die Kollegen gelobt“, erzählt Wagner. Das Angebot für die Fahrzeugspende lehnte er dann aber ab. Denn mittlerweile hatten ein Hersteller von Feuerwehrfahrzeugen und andere Kommunen diese Form der Sachspenden bereits vollzogen. Somit gibt es in Altenahr zunächst keinen weiteren Bedarf an den „roten Riesen“.

Die Flutkatastrophe hat Chaos hinterlassen: Ob in den Stützpunkten der Feuerwehren oder in Wohn- und Geschäftshäusern, überall sind die Helfer seit drei Monaten mit dem Aufräumen beschäftigt. Foto: Alexander Wagner *** FREIGABE NUR FÜR DEN EINEN ARTIKEL, ZU DEM DIE FOTOS GEHÖREN, VON MICHAEL TIETZ *** Quelle: Alexander Wagner

Gladenbacher sehen das Ausmaß der Zerstörung

Deshalb wählten die Gladenbacher einen anderen Weg der Unterstützung. Die Stadt versteigerte das ausrangierte TSF und erhielt dafür 8 500 Euro vom neuen Besitzer. Dieses Geld floss nach einem Beschluss des Magistrats in den Hochwasser-Fonds. Parallel dazu schrieb Wagner alle Feuerwehren im Stadtgebiet an und bat um weitere Spenden. „Es ist ein ganz stattlicher Betrag zusammengekommen. Eine Abteilung hat sogar 1 000 Euro zur Verfügung gestellt“, freut sich der Stadtbrandinspektor.

Zusammen mit dem Geld aus der Versteigerung und drei Privatspenden sind in Gladenbach bisher 13 075 Euro für die Verbandsgemeinde Altenahr gesammelt worden. Den Scheck übergab Wagner jetzt zusammen mit Bürgermeister Peter Kremer und Gladenbachs Wehrführer Peter Wedel vor Ort an Altenahrs Wehrleiter Frank Linnarz und den Ersten Beigeordneten Georg Knieps. „Das Geld wird hier komplett für die Feuerwehr eingesetzt. Sie hat uns zugesagt, dass wir sogar einen Nachweis darüber bekommen, was mit der Spende geschieht“, erklärt Wedel.

Die Gladenbacher Delegation erhielt das Angebot, sich selbst ein Bild vom Ausmaß der Zerstörung zu machen. „Als uns der Wehrleiter von der Katastrophe vor drei Monaten berichtete, standen ihm die Tränen in den Augen“, sagt Wagner. Die Gruppe schaute unter anderem an der Feuerwache in Altenahr vorbei. Dort stand das Wasser 90 Zentimeter hoch in der Halle. „Das Bedrückende daran ist, dass die Feuerwache etwa 25 Meter oberhalb der Ahr liegt. Du kannst dir nicht vorstellen, was die Menschen hier erlebt haben und durchmachen mussten“, Peter Wedel.

Die Feuerwache in Altenahr liegt etwa 20 Meter oberhalb des Ufers der Ahr, doch auch hier richteten die Fluten immense Schäden an. Das Wasser stand 90 Zentimter hoch in der Halle. Foto: Alexander Wagner *** FREIGABE NUR FÜR DEN EINEN ARTIKEL, ZU DEM DIE FOTOS GEHÖREN, VON MICHAEL TIETZ *** Quelle: Alexander Wagner

Hilfseinsatz vor Ort mit ­25-köpfigem Team geplant

Das unterstreicht auch der Gladenbacher Stadtbrandinspektor: „Alles, was du im Fernsehen oder auf Internet-Portalen gesehen hast, spiegelt nicht einmal annähernd das Ausmaß dieser Katastrophe wider. Ganz ehrlich: Wir waren alle geschockt.“ Seit 40 Jahren ist er in der Feuerwehr aktiv und habe „viel gesehen und erlebt“. So war er unter anderem auch beim Mulde-Hochwasser in Löbnitz (Sachsen) im August 2002 im Einsatz. „Aber wenn du diese immensen Schäden siehst und vom seelischen Leid der Betroffenen erfährst, dann fehlen dir wirklich die Worte“, betont Wagner.

Nach der Scheckübergabe fragte er seinen Amtskollegen Linnarz, wie er das Ganze verarbeitet hat. „Seine Antwort war: Von den Ereignissen in der ersten Woche kann ich dir gar nicht mehr so viel erzählen – da habe ich einfach nur funktioniert“, erzählt Wagner.

Die beklemmenden Eindrücke mussten die drei Gladenbacher erst einmal sacken lassen und selbst verarbeiten. Nach der Rückkehr verständigten sie sich aber sofort darauf, es bei der Spende nicht zu belassen. „Wir fahren noch einmal dort hin, um zu helfen“, sagt Wagner. Angedacht ist, an einem Wochenende mit einem 25-köpfigen Team bei den Aufräumarbeiten in Altenahr mit anzupacken. Wann dies geschehen kann, muss die Gladenbacher Feuerwehr-Führung noch mit der zentralen Helfer-Leitstelle vor Ort abstimmen.

Von Michael Tietz

28.10.2021
27.10.2021