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Hinterland Gewaltspirale endet mit Messerstich
Landkreis Hinterland Gewaltspirale endet mit Messerstich
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09:54 03.06.2020
Der Gladenbacher Kirschenmarkt 2019 hatte ein gerichtliches Nachspiel. Quelle: Gianfranco Fain/Archiv
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Marburg

Vier Jahre und drei Monate Jugendstrafe wegen versuchten Totschlags, sexuellen Übergriffs sowie gefährlicher und einfacher Körperverletzung lautet das Urteil des Marburger Gerichts gegen einen 22-Jährigen aus Bad Endbach.

„Niemand ist ohne Fehl, aber das ist das, was die Kammer mit bestem Wissen und Gewissen festgestellt hat“, betonte der Vorsitzende Richter, Gernot Christ, insbesondere an die Eltern des jungen Mannes gerichtet. Die alles andere als einfache Beweiswürdigung habe zur Überzeugung geführt, im Wesentlichen Staatsanwalt Timo Ide zu folgen.

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Für die Kammer steht fest, dass der Angeklagte im Juni 2019 auf dem Gladenbacher Kirschenmarkt einem gleichaltrigen Marburger zunächst einen Kopfstoß verpasst und dann mit einem Messer oder ähnlichen Gegenstand seine Wange durchstoßen zu haben.

Tatwaffe bleibt verschollen

Das habe zwar nur ein Freund des Opfers gesehen, dessen Aussage sei aber vom Zeitpunkt direkt nach der Tat, über seine Vernehmung bei der Polizei bis zur Gerichtsverhandlung immer konstant und glaubwürdig gewesen.

Eine Tatwaffe wurde nie gefunden, und Verteidiger Alexander Hauer verwies darauf, dass die festgestellte Verletzung nicht zu der von Zeugen beschriebenen Handbewegungen passe. In einem dynamischen Geschehen sei der Stich durchaus so möglich, sagte Christ, der mit den anderen Richtern auch die Auffassung der Staatsanwaltschaft teilte, dass bei der Tat der mögliche Tod des Kontrahenten zumindest billigend in Kauf genommen wurde.

Anwalt sieht kein Sexualdelikt

Der Täter habe die Gefährlichkeit seines Tuns erkennen können, auch wenn er wie bei allen anderen Taten alkoholisiert war. Die Alkoholisierung führte laut dem psychiatrischen Sachverständigen in allen Fällen zu verminderter Schuldfähigkeit. Während der Verteidiger bei dem Kirschenmarkt-Vorfall zumindest noch von einer Körperverletzung ausgegangen war, forderte er im angeklagten Fall einer Sexualstraftat Freispruch für seinen Mandanten.

Einigkeit herrschte, auch aufgrund der Einlassung des Angeklagten, darüber, dass die junge Frau nach einer Weihnachtsfeier 2018 in Bad Endbach bei dem ihr fremden Mann übernachtete, weil ein Bekannter von ihr das auch tun wollte. Letztlich waren die beiden aber alleine.

Bereits zuvor war sie eigenen Angaben nach eingeschlafen. Dass sie schlief, so Hauer, habe der 22-Jährige nicht gemerkt, als er ihr die Hose auszog und versuchte, in sie einzudringen. Erst da, so hatte die Zeugin berichtet, habe sie sich gewehrt und erst nach einiger Zeit habe er von ihr abgelassen.

Gericht: Gemeinsamer Entschluss zur Attacke

„Das glaubt Ihnen keiner, Sie hatten einfach Bock auf Sex“, sagte Christ, „und sie liegt auf der Couch, hat die Augen geschlossen und rührt sich auch nicht beim Ausziehen.“ Und: Nein heiße immer Nein. Es sei ein sexueller Übergriff gewesen, sagte der Vorsitzende.

Für einen Vorfall am Neujahrsmorgen 2019 plädierte die Verteidigung aufgrund des Geständnisses, zwei Kopfstöße ausgeführt zu haben, nur auf Körperverletzung. Mit einem anderen Mann habe es aber den Entschluss gegeben, gemeinsam gegen den Geschädigten vorzugehen, betonte der Richter. So seien dem Bad Endbacher auch dessen Tritte zuzurechnen und dass dieser den Gastgeber einer Silvesterfeier mit dem Kopf auf den Asphalt stieß.

Bei der Tat auf dem Kirschenmarkt war der Angeklagte 21 Jahre alt. Dass er trotzdem noch nach Jugendrecht behandelt wurde, lag daran, dass er bei den älteren Straftaten noch heranwachsend war und alle Beteiligten von Entwicklungsverzögerungen ausgingen.

Urteil berücksichtigt Quarantäne-Härte

Wie Ide in seinem Schlussvortrag hervorhob, endete mit der Untersuchungshaft eine Spirale von Straftaten, die in dem Messereinsatz gipfelte. Hatte die Verteidigung auf eine bewährungsfähige Jugendstrafe plädiert, forderte der Staatsanwalt sechs Jahre, was der Verteidiger kritisierte.

Das Gericht sah aber mehr strafmildernde Aspekte als Ide, unter anderem, dass der Bad Endbacher seit nun bereits elf Monaten in einem Erwachsenengefängnis in Untersuchungshaft sitzt. Eine weitere Härte sei die Quarantäne jeweils nach den Verhandlungstagen aufgrund der Corona-Pandemie gewesen.

Richter: Nicht nur auf Familie verlassen

Die mehr als vier Jahre seien aber nötig. Zumal es sich um drei Gewalttaten handele, bei denen jeweils ein anderer ins Krankenhaus kam. Und auch die junge Frau habe schwere psychische Folgen zu verarbeiten. Neben der Sühne stehe im Jugendrecht aber vor allem der Erziehungsgedanke im Mittelpunkt, sagte der vorsitzende Richter.

Der Angeklagte müsse nicht nur sein Alkoholproblem in den Griff kriegen, er müsse auch eine Ausbildung machen und seine sozialen Kompetenzen stärken. Es sei gut, dass die Familie den 22-Jährigen unterstütze, „aber er darf sich nicht nur darauf verlassen, dass die Eltern die Kohlen aus dem Feuer holen“.

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Von Heiko Krause