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Hinterland „Ziel ist, Marktführer zu bleiben“
Landkreis Hinterland „Ziel ist, Marktführer zu bleiben“
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15:58 23.07.2021
Christoff Wachendorff, Vorsitzender der Geschäftsführung der Buderus Guss GmbH.
Christoff Wachendorff, Vorsitzender der Geschäftsführung der Buderus Guss GmbH. Quelle: Foto: Buderus Guss
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Breidenbach

Vor knapp zwei Wochen hat die Bosch-Gruppe bekanntgegeben, den Bremsscheibenhersteller Buderus Guss verkaufen zu wollen. Betroffen sind rund 935 Mitarbeiter an den Standorten Breidenbach, Ludwigshütte und Lollar.

Warum will Bosch verkaufen? Wer könnte Interesse an dem Traditionsbetrieb haben? Und welche Herausforderungen bringt die Zukunft für einen Automobilzulieferer wie Buderus Guss? Antworten gibt Geschäftsführer Christoff Wachendorff.

Herr Wachendorff, die Nachricht des geplanten Verkaufs kam offenbar überraschend für die Mitarbeiter. Warum passen Gießereien nicht mehr ins Portfolio von Bosch?

Da wir mit den beiden Gießereien sehr stark auf das Bremsscheibengeschäft fokussiert sind, haben wir wenig Synergiepotenzial mit den anderen Geschäftsbereichen von Bosch. Zudem ist dieser Markt von einem starken Preiswettbewerb gekennzeichnet. In diesem Preiswettbewerb ist es sehr schwierig, sich über technische Finessen einen Wettbewerbsvorteil zu erschaffen. Diese Rahmenbedingungen machen es für Bosch schwer, langfristig tragfähige Zukunftsperspektiven zu schaffen. Das war der ausschlaggebende Punkt, die Möglichkeit eines Verkaufes für die Gießereien zu prüfen. Bevor wir konkrete Schritte eingeleitet haben, ist uns der Markt zuvorgekommen und hat uns Interesse signalisiert.

Gewerkschaften und Betriebsrat fordern den Erhalt der Arbeitsplätze und der Tarifbindung. Wie sind dafür letztendlich die Chancen?

Unser Ziel ist es, eine nachhaltige Zukunftsperspektive zu schaffen für unsere Mitarbeiter, die beiden Gießereien und damit auch für unser Geschäft. Ich glaube, dass wir mit diesem Ziel weitaus mehr anstreben als nur die Tarifbindung.

Gibt es einen Zeitplan für den Verkauf? Es soll ja bereits Interessenten geben.

Es ist eine Frage, die auch vielen Mitarbeitern am Herzen liegt. Wir sind ganz am Anfang. Es war unser Wunsch, die Mitarbeiter, aber auch die Arbeitnehmervertreter ganz zu Beginn zu informieren. Das hat den Nachteil, dass wir solche Fragen nicht beantworten können. Denn bei solch einem Prozess hängt viel davon ab, wie Gespräche mit möglichen Investoren laufen werden, und von der Frage, wie lange es brauchen wird, bis Bosch den passenden Käufer findet. Unser Ziel ist, das schnellstmöglich zu tun, damit auch die Belegschaft Klarheit darüber hat, wie und mit wem es weitergeht.

Verständlicherweise war die Nachricht im ersten Moment schockierend. Wie war die ­Stimmung in den Tagen danach?

Ich war zusammen mit meinen Führungskräften sehr viel in den Werken unterwegs, wir haben mit zahlreichen Mitarbeitern gesprochen. Ich persönlich habe sehr viele positive Rückmeldungen erhalten, gerade auch von jüngeren Kollegen. Sie haben es sehr begrüßt, wie wir die Informationen an sie herangetragen haben, dass die Gelegenheit zum Dialog geschaffen und Fragen vor Ort beantwortet wurden. Natürlich wäre es aus meiner Sicht zu einfach zu sagen, die Nachricht sei von allen positiv aufgenommen worden. Aber es gab sie, diese positiven Rückmeldungen, und nicht nur einzelne Mitarbeiter sind überzeugt davon, dass der geplante Weg funktionieren wird. Das ist für mich ein sehr gutes Feedback. Es ist uns offensichtlich gelungen, die Mitarbeiter gut abzuholen, sodass verstanden wurde, welche Beweggründe wir haben und welche Chancen sich damit für uns ergeben.

Es gibt in der Automobilbranche einen Wandel, Elektromobilität ist stark im Kommen. Elektroautos haben Scheibenbremsen, die aber nicht so belastet werden wie bei klassischen Antrieben. Was bedeutet das für Ihre Produkte?

Sie haben vollkommen Recht: Die Automobilindustrie befindet sich in einem Transformationsprozess und diese Entwicklung hat auch Auswirkungen auf die Art der Bremse. Die Gefahr, dass eine Bremsscheibe vollständig durch den E-Motor ersetzt wird, ist ausgeschlossen. Sie brauchen immer auch eine mechanisch greifende Bremse. Es gibt aber Veränderungen in den Anforderungen. Fahrzeuge sind in den vergangenen Jahren schwerer geworden mit der Tendenz, dass Bremsscheiben größer wurden. Mittel- oder langfristig kann sich dieser Trend wieder umdrehen, wenn Fahrzeuge Gewicht einsparen. Das bedeutet, dass wir uns auf neue Produkte einstellen müssen. Wir haben bereits heute eine Fertigung von Leichtbauscheiben, die diese Anforderungen nach Gewichtsreduzierung bedienen.

Sind diese Produkte eher in hochwertigen Fahrzeugen zu finden?

Heute haben wir vor allem Sportwagenkunden, die so etwas anfragen.

Darüber hinaus haben Sie vor einigen Jahren die iDisc entwickelt.

Wir gehen davon aus, dass das Thema Feinstaub in Zukunft eine noch größere Rolle spielen wird. Auch für dieses ­Thema sind wir mit der iDisc, also einer beschichtetn Scheibe, in der Lage, ein Produkt anzubieten, welches diesen Anforderungen genügt und dem Hersteller und damit dem Endkunden ermöglicht, ­Feinstaub maximal zu reduzieren.

Wie ist die iDisc am Markt angekommen? Findet man sie auch in gängigen Volumenmodellen?

Eine beschichtete Scheibe ist in der Produktion aufwendiger als eine normale Scheibe. Daher benötigen wir immer auch eine bestimmte Zahlungsbereitschaft auf der Endkundenseite. Wir sind aktuell im Premium-Sport-Bereich unterwegs und sind einer der ersten Hersteller, die es geschafft haben, ein solches Produkt serienreif am Markt zu platzieren. Das Thema Feinstaubregulierung wird sehr wahrscheinlich mit einer Euro-7-Norm kommen. Mit der iDisc sind wir hier sehr gut aufgestellt.

Eine Angst, die auch geäußert wurde, ist der mögliche Verkauf an Finanzinvestoren. Käme das für Bosch in Frage?

Ich habe den Mitarbeitern gesagt, dass es unser Ziel ist, einen Partner zu finden, der ein erfolgversprechendes Zukunftskonzept für beide Gießereien vorlegen kann. Für uns ist nicht wichtig, aus welcher Branche ein möglicher Partner kommt. Wichtig ist das, was er mitbringt, was er für dieses Geschäft bieten wird. Und da geht es eben um die langfristige Zukunftsperspektive, die gesichert sein muss.

Aber eine gewisse Verbundenheit zur Automobilindustrie wäre von Vorteil?

Ich gehe davon aus, dass jemand, der bereit ist, zwei Gießereien zu kaufen, die heute sehr stark im Automotive-Bereich tätig sind, mit hoher Wahrscheinlichkeit auch einen Bezug haben wird zu eben jener Branche, ja.

Buderus bezeichnet sich auf seiner Internetseite als Marktführer. Ist eine solche Marktführerschaft durch einen Verkauf gefährdet?

Die Tatsache, dass wir zu den Marktführern gehören, spricht für unsere Attraktivität und wird uns klar helfen, einen neuen Partner zu finden. Und natürlich haben wir das Ziel, Marktführer zu bleiben.

Sie sollen bei den Betriebsversammlungen gesagt haben, dass Sie bei Buderus im Falle eines Verkaufs bleiben wollen. Ist das korrekt?

Das stimmt, das habe ich gesagt und dazu stehe ich auch. Ich habe den Mitarbeitern gesagt, dass ich hierhergekommen bin, weil wir hier eine große Herausforderung haben. Als ich letztes Jahr gefragt worden bin, ob ich mir diese Aufgabe vorstellen kann, haben wir sehr intensive Gespräche geführt. Wir müssen unser Geschäft neu ausrichten. Das war eine der Motivationen für mich, diese Aufgabe zu übernehmen. Ich habe den Mitarbeitern im Februar gesagt, dass ich mich auf diese Herausforderung freue. Und ich habe ihnen jetzt ­gesagt, dass ich diesen Weg weiterhin mit ihnen gehen möchte.

Kannten Sie im Februar schon die Verkaufspläne?

Wir haben letztes Jahr intensiv darüber gesprochen, dass sich etwas verändern muss, aber Verkaufspläne kannte ich nicht. Mich reizte die Herausforderung. Und ich bin wirklich begeistert vom Engagement und von der Motivation der Mannschaft vor Ort, von der Begeisterung der Mitarbeiter für das Thema Gießerei. Zum anderen bin ich auch positiv angetan davon, wie offen die Mannschaft gegenüber Neuem ist. Das hat mich darin bestätigt, dass die Entscheidung, hierherzukommen, absolut richtig war. Mein persönlicher Wunsch ist, auch nach dem Übergang zu einem neuen Eigentümer an Bord zu bleiben.

Von Mark Adel

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