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Hinterland „Ein bisschen bleibe ich noch“
Landkreis Hinterland „Ein bisschen bleibe ich noch“
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07:00 16.12.2020
Tochter Gabriele Rudolph und Gertraud Rudolph, die am 16. Dezember in Gladenbach ihren 100. Geburtstag feiert.
Tochter Gabriele Rudolph und Gertraud Rudolph, die am 16. Dezember in Gladenbach ihren 100. Geburtstag feiert. Quelle: Gianfranco Fain
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Gladenbach

Ein ganzes Jahrhundert ist nun vergangen, seitdem Helene Margarete Gertraud Schiller in Leipzig das Licht der Welt erblickte. Viele bewegende Ereignisse erlebte sie in diesen 100 Jahren, doch gesteht „Traudel“, wie sie alle nennen: „Langsam fange ich an zu vergessen, was gewesen ist.“

Richtig schön fand sie ihren Start ins Leben vermutlich nicht. Nachbarn versorgten „Traudel“ in der Nachkriegszeit, während ihre Mutter arbeiten ging. Erst als ihr Bruder Gerald Jahre später zur Welt kam, blieb die Mutter zuhause. Dem Jugendalter entwachsen musste Gertraud Schiller beim Reichsarbeitsdienst und später in der Rüstungsindustrie schuften, fand später eine Anstellung beim Gesundheitsamt.

Im Jahr 1939 lernte sie den Mann kennen, mit dem sie den Rest ihres Lebens verbringen wollte. Doch Horst Rudolph ist als Soldat oft und lange unterwegs. Das ändert sich auch nach der Hochzeit im Jahr 1943 nicht, Gertraud Rudolph verliert gar wie viele andere Frauen jede Spur des Frontsoldaten.

Erst 1945, nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, erfährt sie, dass ihr Mann in Gefangenschaft ist. Das Wo sollte entscheidend für ihr weiteres Leben sein. Horst Rudolph war im Kriegsgefangenenlager am Feesergelände, dem heutigen Marktdreieck, in Marburg inhaftiert.

„Wir hatten immer viele Kinder hier“

Nach seiner Entlassung blieb die Familie in der Universitätsstadt, wo ihr Ehemann eine Anstellung als Schriftsetzer fand. Um seine Familie mit den sieben Kindern besser ernähren zu können, wechselte der Schriftsetzerlehrmeister zur Druckerei Berth in Gladenbach, wo die Rudolphs auch ein Grundstück in der Eichendorffstraße erstanden und ein Häuschen bauten. Dies entwickelte sich zur Anlaufstelle.

„Wir hatten immer viele Kinder hier“, erinnert sich Gertraud Rudolph, die ihren eigenen Nachwuchs zuhause erzog. Das Erzählen weiterer Einzelheiten überlässt sie Tochter Gabriele: „Ich erteile dir das Wort.“ „Wie aus dem Ei gepellt“ seien die Geschwister immer gewesen, beschreibt die älteste Tochter den ganzen Stolz der Mutter.

Und während der Vater sich im Stadtparlament engagierte, spielten die Kinder im Fußballverein oder machten bei den Trachtentänzern mit. Wurden sie in ihrer Kindheit von der Mutter behütet, so lockern sie und ihre Schwester Barbara nun den Alltag Traudels und ihrer Betreuerin auf. Barbara schaut täglich vorbei, Gabriele einmal in der Woche für mehrere Stunden.

Neun Enkel und sechs Urenkel

Der 100. Geburtstag wäre die Möglichkeit zu einer großen Familienfeier mit den drei noch lebenden Söhnen und ebenso vielen Töchtern sowie neun Enkeln und sechs Urenkeln im Alter von zwei bis 40 Jahren gewesen, doch Corona schließt ein solches Treffen an der Ostsee aus. Dort zog es die Familie früher öfter hin. „Wir waren mit der Ostsee halb verheiratet“, sagt Gertraud Rudolph, feierte dort auch ihre Diamantene Hochzeit. Aber: „Ich habe keine rechte Vorstellung von der Entfernung mehr“, gesteht die Jubilarin.

Dennoch probiere sie schon „ein bisschen am Ball zu bleiben“. Zwar kann sie seit ein paar Jahren den Presseklub im Fernsehen nicht mehr verfolgen, aber die Nachrichten schaut sie noch täglich. Dennoch ist sie „zufrieden, denn ich habe keine Not“. Auf ein weiteres Jahrhundert legt sie „keinen besonderen Wert“, sagt Traudel, fügt aber gleich an: „Ein bisschen bleibe ich noch.“

Von Gianfranco Fain

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