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Hinterland „Michi“ kümmerte sich um alles
Landkreis Hinterland „Michi“ kümmerte sich um alles
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16:00 18.01.2021
„Michi“ (links, im Gerichtssaal mit seinem Verteidiger Stefan Adler) wird unter anderem Zuhälterei vorgeworfen.
„Michi“ (links, im Gerichtssaal mit seinem Verteidiger Stefan Adler) wird unter anderem Zuhälterei vorgeworfen. Quelle: Martina Koelschtzky
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Marburg

Weil er zumindest in den Jahren 2015 und 2016 junge Frauen gewerbsmäßig zur Prostitution angehalten und diese organisiert haben soll, steht ein 50-jähriger Hinterländer vor der 3. Strafkammer des Marburger Landgerichts.

Außerdem wird ihm vorgeworfen, mit einem Mitarbeiter des Security-Dienstes im damaligen Erstaufnahmelager des Marburger Stadtteils Cappel über die Beschaffung von Frauen aus dem Lager verhandelt zu haben. Auch mit einem rumänischen Menschenhändler soll er Absprachen zur Beschaffung von Frauen aus Rumänien getroffen haben.

Laut Anklage hatte der Mann in seiner Wohnung sowie in Mietwohnungen in Biedenkopf, Weifenbach, Breidenbach und Siegen mehrere junge Frauen untergebracht, für die er über das Internet Freier beschaffte. Er fuhr die Frauen zu Hausbesuchen, überwachte die Wohnungen, in denen sie ebenfalls Freier empfingen, und kassierte 50 Prozent der Einnahmen. Von einer jungen Frau habe er innerhalb von knapp zwei Monaten mehr als 5 000 Euro eingenommen, von einer anderen schätzt die Anklage seinen Anteil auf 21 000 Euro.

Dass das alles so gewesen sei, ließ der Angeklagte durch seinen Verteidiger erklären. Sowohl die Gewerbsmäßigkeit des Vorgehens als auch die Verabredungen zum Menschenhandel hätten so stattgefunden, und der Angeklagte habe auch gewusst, dass ­einige „seiner Mädchen“ unter 21, manche sogar unter 18 Jahren alt waren.

Der Mann selbst berichtete, hohe Schulden und gesundheitliche Probleme hätten ihn auf die Idee gebracht, mit Prostitution Geld zu verdienen. Er versicherte, seit einer zwischenzeitlich abgesessenen Freiheitsstrafe in einer anderen Sache keine Zuhälterei mehr zu betreiben. Er habe sich im Gefängnis geändert und lebe jetzt von seiner Berufsunfähigkeitsrente von 770 Euro im Monat. Der vor seiner Wohnung geparkte Wagen der gehobenen Klasse gehöre seinem Mitbewohner. Bei der Festnahme des Mannes im Jahr 2016 hatte die Polizei rund 28 000 Euro Bargeld sichergestellt.

Zuvor hatten die Ermittlungsbehörden die Telefone des Angeklagten überwacht. Die Mitschnitte wurden bei der Gerichtsverhandlung in Auszügen vorgespielt. Darin war zu hören, wie der Angeklagte, der den Decknamen „Michi“ benutzte, mehrfach mit einem Kollegen besprach, wie mit den einzelnen Mädchen oder auftretenden Problemen umzugehen sei.

Einerseits äußerte der Mann sich routiniert und entspannt über seine Geschäftspraktiken, bewertete die Qualität anderer Prostituierter, die er besucht hatte, und verhandelte gelassen über die „Lieferung“ von Mädchen aus Rumänien. Andererseits machte er sich Sorgen um ein minderjähriges Mädchen, das in einer seiner Wohnungen arbeitete, und äußerte sich über ihre familiären Probleme. Auf Vorschläge des anderen, er solle das von der Polizei gesuchte Mädchen an einen anderen Ort oder zurück nach Hause bringen, antwortete er: „Das will sie nicht“, und „ich mache ja alles, was die Mädchen wollen.“ Ausgiebig wurden Pläne geschmiedet, ob das von der Polizei geortete Handy des Mädchens per Zug oder Laster außer Landes gebracht werden könnte, um die Polizei irrezuführen.

Auch von Verhandlungen mit einem Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes, der 2015 und 2016 für das Erstaufnahmelager für Geflüchtete in Cappel zuständig war, ist in den Telefonmitschnitten die Rede. Dieses Vorhaben kam aber laut Anklage am Ende nicht zustande.

Eine der jungen Frauen, die für den Angeklagten gearbeitet hatte, sagte vor Gericht aus. Sie berichtete, über eine Internetplattform für sexuelle Dienstleistungen mit dem Mann in Kontakt gekommen zu sein. „Michi“ habe an ihrem 18. Geburtstag mit ihr Kontakt aufgenommen.

Er habe ihr einen Vertrag, ein neues Handy und eine Fahrkarte nach Frankfurt beschafft und sie veranlasst, von zuhause wegzulaufen und zu ihm zu kommen. Sie sei dann in Frankfurt von ihm abgeholt und in seine Wohnung gebracht worden. Von dort aus habe sie dann gearbeitet.

Meist hätten die Freier angerufen, man sei dann in den Wald gefahren, bezahlt wurde nach Zeit. Ein „Quickie“ habe 50 Euro gekostet, eine halbe Stunde 80 Euro, eine ganze Stunde 130 Euro. Ihr gegenüber sei der Zuhälter nie übergriffig geworden, versicherte sie.

Irgendwann habe sie aber nicht mehr gewollt und sei von einem Besuch bei ihrer Familie nicht zurückgekehrt. Daraufhin habe der Angeklagte ihr per SMS gedroht, Bekannte würden sie finden. Passiert sei aber nichts.

Eine weitere Zeugin erschien nicht, gab aber in ihrer Aussage bei der Polizei zu Protokoll, freiwillig für den Angeklagten gearbeitet zu haben. Auch sie berichtete von Kontakt über das Internet, Anwerbung und Organisation der Reise. Sie machte vor allem Hausbesuche.

Dass sie erst 17 Jahre alt war, habe der Angeklagte immer gewusst. Sex mit ihm oder seinem Freund habe sie abgelehnt. Sie sei zwar gedrängt worden, habe das aber durchsetzen können. „Ich lass nicht jeden an mich ran, Familie geht gar nicht“, sagte sie der Polizei.

Der Richter erklärte, dass in einer Absprache mit allen Prozessbeteiligten für ein umfassendes Geständnis eine Bewährungsstrafe in Aussicht gestellt werde. Möglich sei das, weil der Angeklagte nicht übergriffig geworden sei und die beteiligten Frauen ihn nicht übermäßig belastet hätten. Ihm würden weder Gewalt noch Freiheitsberaubung vorgeworfen.

Die Verhandlung wird am Dienstag, 19. Januar, fortgesetzt.

Von Martina Koelschtzky