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Hinterland Gerhard Paul: Vom Revoluzzer zum Professor
Landkreis Hinterland Gerhard Paul: Vom Revoluzzer zum Professor
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13:00 29.05.2022
Gerhard Paul war zurzeit der Studentenproteste in den 1960er-Jahren auch als Revoluzzer unterwegs. Privatfoto
Gerhard Paul war zurzeit der Studentenproteste in den 1960er-Jahren auch als Revoluzzer unterwegs. Privatfoto Quelle: Privatfoto
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Wallau

Wer einem Historiker gegenüber den Namen „Gerhard Paul“ erwähnt, erhält sofort eine Reaktion. „Gerhard Paul?“, heißt es dann, „ist das nicht der mit der Visual History?“ Und tatsächlich: Der 71-Jährige, der früher in Flensburg Geschichte gelehrt hat, ist vor allem damit bekannt geworden, Fotos und Bilder als historische Quelle auszuwerten.

Selbst alteingesessene Wallauer dagegen müssen längere Zeit nachdenken, wenn sie den Namen „Gerhard Paul“ hören – dabei ist er in Biedenkopf geboren und in Wallau aufgewachsen.

Unter dem Titel „Der Krieg, die Bilder und ein Fön“ hat er seine Familiengeschichte zu Papier gebracht. Ausführlich schildert Paul die Jahre im Hinterland zwischen seiner Geburt 1951 und dem Abitur an der Lahntalschule 1969. Wer in dem Buch liest, stößt auf vielen Seiten auf das Zeitkolorit der Nachkriegsjahre. Etwa den „Kalten Krieg“, der auch in Wallau zu spüren ist.

„In der Schule mussten wir beim Probealarm in geschlossenen Kolonnen das Gebäude verlassen und uns auf dem Schulhof zum Zählappell aufstellen“, erinnert sich der 71-Jährige. Regelmäßig seien auch Nato-Flugzeuge im Tiefflug über das Hinterland gedonnert, im Herbst schwere Panzer auf dem Weg zu Manövern durch das Dorf gerollt.

Erinnerung an merkwürdige Lehrergestalten

Große Sprünge konnten sich die Familien wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg noch nicht leisten. „Der Garten an meinem Elternhaus versorgte uns zu einer Zeit, als man nicht 40 Prozent eines Einkommens für Lebensmittel ausgab, mit Gemüse und Obst“, schreibt Paul. „Als besonders brutal empfand ich es immer, wenn einer der Hasen aus dem Stall hinter unserem Haus geschlachtet wurde.“

Organische Abfälle habe man damals kompostiert, Zeitungen gebündelt an die Straße gestellt, Kleidung und Alteisen dem Lumpen- und Alteisenhändler übergeben, berichtet der Historiker: „Das Butterbrotpapier für unser Schulbrot hatten wir nach Gebrauch zu falten und von der Schule wieder mit nach Hause zu bringen, damit es am kommenden Tag erneut benutzt werden konnte.“

Wer diese Zeit im Hinterland selbst miterlebt hat, trifft in Gerhard Pauls Schilderungen auf viele Bekannte. Wie die Deutsch- und Geschichtslehrerin Dr. Elsa Blöcher, langjährige Vorsitzende des Hinterländer Geschichtsvereins, für den jungen Paul „die einzige Intellektuelle in unserer näheren Umgebung“. Als solche sei sie auch ein Fremdkörper im Dorf geblieben.

Wie die „merkwürdigen Lehrer-Gestalten“ am Gymnasium kommt auch der damalige Pfarrer Paul Lommler bei Gerhard Paul nicht gut weg. „Der Gottesdienst, zu dem wir Konfirmanden zu erscheinen hatten, war eine Mischung aus Belehrung und Beerdigung“, meint Paul, den Gottesdienst habe er gehasst. Wenig freundlich geht Paul auch heute noch mit dem gehbehinderten Mann um – „zum Friedhof gewatschelt“, schreibt Paul, sei dieser.

Frisur wird zum Politikum

Mit dem Leben auf dem Dorf konnte er nie viel anfangen. Noch viel weniger mit der konservativen Haltung seines Vaters, den Paul als gewalttätigen Mann beschreibt, der ihm menschlich keine Nähe geben konnte. „Mit zunehmender Pubertät wurde die Frisur zum Politikum und zum ständigen Zankapfel zwischen meinem Vater und mir“, schreibt Paul. Männlichkeit verband er schließlich mit langen Haaren.

„In der neuen Republik sah ich wie viele meiner Genossen einen Wurmfortsatz des ,Dritten Reiches‘“, beschreibt er seine Gesinnung und fügt hinzu: „Ein wesentlicher Punkt meiner Kritik war die ungebrochene Fortexistenz der ,autoritären Familie‘, in der ich alle Übel der Zeit verortete.“ Was nach diesen Sätzen niemanden wundern dürfte: Politisch gehörte er seit 1967 einer sozialistischen Schülergruppe an. An der Schule organisierte er Diskussionsveranstaltungen, um die „antiautoritäre Revolte“ an die Schule zu tragen. Oder mit öffentlichen Provokationen auf den Marktplatz. Spektakulär sei die „Persilaktion“ gewesen: Irgendjemand habe Waschmittel in das Becken gekippt, sodass am Tag der Deutschen Einheit – damals der 17. Juni – das Denkmal und seine Krieger umhüllt wurden.

Wobei bei Paul politische und sexuelle Revolution einhergehen. So abonnierte er die antiautoritäre Zeitschrift „konkret“ nach eigenen Worten nicht zuletzt wegen der „barbusigen Covergirls“. So wundert es nicht, dass die Polizei 1969 bei ihm auftaucht, als das Gerücht aufkommt, die Abifeier solle gestört werden.

Die Jugend im Hinterland mündete in ein Studium der Politikwissenschaft, Soziologie, Geschichte und Pädagogik. Und schließlich in eine Professur an der Universität Flensburg. Fern vom verhassten Dorf.

Von Hartmut Bünger