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Hinterland Freundeskreis rettet Familien
Landkreis Hinterland Freundeskreis rettet Familien
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17:20 17.03.2022
An der Notunterkunft nahe der polnisch-ukrainischen Grenze wurden die Flüchtlingsfamilien auf die Fahrzeuge verteilt, um sie nach Deutschland zu bringen.
An der Notunterkunft nahe der polnisch-ukrainischen Grenze wurden die Flüchtlingsfamilien auf die Fahrzeuge verteilt, um sie nach Deutschland zu bringen. Quelle: Gudrun Will
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Friedensdorf

Mit Hilfsgütern an die polnisch-ukrainische Grenze und mit 44 Flüchtlingen zurück nach Deutschland – das war die Hilfsmission einer Gruppe Freunde aus Friedensdorf.

„Zwischen der ersten Idee und unserer Fahrt lagen nur ein paar Tage“, sagt Magdalena Wege. Diese erste Idee kam ihr und ihrer Freundin Julia Bernhardt beim gemeinsamen Mittagessen. Sie unterhielten sich über Wladimir Putins Angriffskrieg in der Ukraine, vor allem über das Leid der Menschen dort. Und die beiden Frauen wollten es nicht dabei belassen, nur über die schrecklichen Schicksale zu reden, die die Nachrichten beherrschen, sondern etwas tun.

„Wir haben einfach angefangen, zu telefonieren, um uns Hilfe zu organisieren“, sagt Wege. „Unser Ziel war, Leute an der Grenze abzuholen.“ Wie unbedarft sie zu diesem Zeitpunkt tatsächlich gewesen seien, habe ihnen ein Blick auf die Landkarte gezeigt. Trotzdem setzten die Freundinnen ihren Plan in die Tat um, wobei sie von weiteren Helfern unterstützt wurden.

Kurzerhand nahmen sie Kontakt mit einer christlichen Gemeinde in Görlitz auf, die ihnen sofort Hilfe zusicherte. Ihre Reise sollte sie zu einer Grenzgemeinde in Polen führen, über die Auslandshilfe wurde auch dieser Kontakt möglich gemacht.

Zu siebt brachen die ehrenamtlichen Helfer auf – zwei Tage nach jenem Mittagessen, bei dem der Plan entstanden war. Magdalena Wege und Julia Bernhardts Mann Nathanael hielten zu Hause die Stellung. Ehemann Kevin Wege, Julia Bernhardt selbst, Johannes Bülte, Johannes Bernhardt, Jannik und Sebastian Stubenrauch, dazu die Friedensdorfer Pfarrersgattin Gudrun Will als Übersetzerin machten sich in sechs Neunsitzern auf den Weg.

Auch die Habseligkeiten der ukrainischen Familien werden vor der Abreise zurück ins Hinterland verstaut. Quelle: Gudrun Will

Um die Hilfsgüter wie Reis, Mehl, Öl und Windeln zu organisieren, kam die neue Friedensdorfer WhatsApp-Gruppe zum Einsatz, die Ortsvorsteher Timo Messerschmidt vor Kurzem eingerichtet hat. Über sie wurden die Bewohner des Ortsteils über das Projekt informiert, in einer anderen WhatsApp-Gruppe wurde die Sammlung organisiert.

Die Lebensmittel am Zielort abzuliefern, war fast der einfachere Teil der Hilfsmission. Als vor allem emotional anstrengender erwies sich die Aufnahme von Geflüchteten, die in einer Notunterkunft im Grenzgebiet untergebracht waren. „Es ist etwas anderes, diese Schicksale im Fernsehen zu sehen oder sie selbst zu erleben“, sagt Magdalena Wege.

„Zweimal am Tag fährt von dort ein Zug los, der Flüchtlinge wegbringt“, berichtet Wege. „Als die Gruppe um 15 Uhr ankam, waren nur noch wenige Menschen vor Ort. 44 von ihnen entschieden sich, mit nach Deutschland zu kommen.“ Und so hatten die Hinterländer die Möglichkeit, diese alle zu retten – Frauen, Kinder, auch Großeltern. „Die Menschen hatten große Angst und waren natürlich auch misstrauisch“, sagt die Friedensdorferin. Einiges an Überzeugungsarbeit war nötig, um Vertrauen zu schaffen und die Furcht davor zu zerstreuen, dass es die Fremden aus Deutschland möglicherweise nicht gut mit ihnen meinen könnten.

Schließlich machte sich die Reisegruppe wieder auf den Heimweg, mit 44 Geflüchteten aus der Ukraine, dazu einem Hund und zwei Katzen. „Es war uns wichtig, dass Familienangehörige zusammenbleiben konnten“, meint Magdalena Wege. Zurück im Landkreis Marburg-Biedenkopf riss die Serie von wertvoller Hilfe für die Ehrenamtlichen und ihre Schützlinge nicht ab: „Es ging sehr schnell, dass der Kreis die Menschen auf Wohnungen verteilte“, erinnert sich die Friedensdorferin. „Die Zusammenarbeit mit den zuständigen Stellen war sehr unkompliziert.“ Die Zusage der Jugendherberge in Biedenkopf, dass alle Ankommenden zunächst dort unterkommen könnten, sei ein „Geschenk“ gewesen.

Eine ukrainische Familie sei noch in Görlitz abgeholt worden. „Die Behörden haben sehr flexibel reagiert“, lobt Magdalena Wege. Unter anderem habe eine Kinderärztin bereitgestanden, deren Einsatz jedoch nicht nötig gewesen sei. Ohnehin sei der Einsatz weniger ein Abenteuer gewesen, sondern mehr „ein Marsch durch offene Türen“. „Wir sind beispielsweise durch Spenden unterstützt worden, um die Benzinkosten zu tragen“, freut sich die Friedensdorferin.

Die Freie evangelische Gemeinde ihres Heimatortes habe die Kollekte zur Verfügung gestellt. Viele Privatleute hätten neben den Hilfsgütern auch Benzingeld vorbeigebracht. Die Firma Schneider-Optik aus Fronhausen und der Elisabethverein hätten die Fahrzeuge bereitgestellt. Die Gemeinde Dautphetal unterstützte die Gruppe mit Corona-Tests und Masken.

„Jetzt sind wir erst mal sehr froh, dass diese 44 Menschen in Sicherheit sind“, fasst Magdalena Wege zusammen. Der Krieg habe viele ukrainische Familien zerrissen: „Die Väter schicken ihre Frauen und Kinder in die Fremde und bleiben zurück“, betont Wege.

Aus der spontanen Aktion des Freundeskreises ist inzwischen ein Verein namens „Für Dich“ entstanden. Die Website https://fuerdich.jetzt ist im Aufbau. Dort sollen Hilfen organisiert, geplant und transparent gemacht werden.

Von Markus Engelhardt