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Hinterland „Da kriege ich direkt gute Laune“
Landkreis Hinterland „Da kriege ich direkt gute Laune“
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08:52 26.09.2020
Idil Karkar absolviert ihr FSJ in den Hinterländer Werkstätten und ist begeistert. Quelle: Katja Peters
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Dautphetal

Idil Karkar hat ihre ganze Lebensplanung über den Haufen geworfen. Und ihr geht es gut dabei. Die 17-Jährige aus Eckelshausen wollte eigentlich zur Polizei. Nach einem Jahr in den Hinterländer Werkstätten möchte sie nun aber Krankenschwester werden und irgendwann zurück zum Lebenshilfewerk wechseln.

„Wenn ich morgens in die Werkstatt komme, dann kriege ich direkt gute Laune“, sagt Idil Karkar und ihre Mundwinkel gehen nach oben. Sie hat Spaß mit den Mitarbeitern der Montage-Gruppe in den Hinterländer Werkstätten. Clipper für Terrassenböden werden hier zusammengebaut. Sie gibt Hilfestellungen und beantwortet Fragen.

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Nach dem Abschluss an der höheren Handelsschule wusste die Schülerin nicht, was sie machen soll. „Ich wollte eigentlich Polizistin werden und musste noch etwas Zeit überbrücken. Deswegen habe ich mich für das Freiwillige Soziale Jahr bei den Hinterländer Werkstätten entschieden“, berichtet sie im OP-Gespräch. Ohne große Vorahnung ist ihr „Experiment“ vor einem Jahr gestartet. „Ich habe nur gehofft, dass es eine schöne Zeit wird.“ Berührungsängste hatte sie keine, denn der Umgang mit beeinträchtigten Menschen war ihr nicht fremd.

„Sie haben es mir wirklich leicht gemacht“

Freundlich und neugierig wurde sie von den Werkstatt-Mitarbeitern begrüßt. „Sie haben es mir wirklich leicht gemacht“, erinnert sich Idil Karkar. Und auch die Gruppen- sowie Werkstattleitung hat sie herzlich aufgenommen. „Die FSJ-ler sind eine absolute Bereicherung für uns“, sagt Leiter Thomas Debus. „Sie sind voll eingebunden in die Abläufe und dem Arbeitsalltag und unterstützen, wo sie nur können.“ Für ihn steht fest, dass die jungen Menschen in diesem einen Jahr „Erfahrungen sammeln, die sie sonst nirgends machen. Denn sie arbeiten mit einem besonderen Menschenkreis.“ Wichtig fürs Durchhalten sei ein hohes Maß an Empathie. „Jugendliche, die nicht so kommunikativ sind, tun sich schwer, auch wenn die Mitarbeiter die FSJ-ler mit ihrer unvoreingenommenen Art schon aus der Reserve locken können“, weiß Debus aus Erfahrung.

Für Idil Karkar war ihr „Ausflug“ in die Tagesförderstätte entscheidend. Durch die Aufgaben in der Pflege wie Essen anreichen, Toilettengänge und auch das pädagogische Arbeiten, wuchs in ihr der Wunsch, auch weiterhin in der Pflege zu arbeiten. So schickte sie also keine Bewerbung zur Polizei, sondern an verschiedene Kliniken – Ausgang offen. Bis zum Ausbildungsbeginn im April will sie auf jeden Fall noch bei den Hinterländer Werkstätten bleiben und hat deswegen noch um ein halbes Jahr verlängert.

„Ich bin durch die Arbeit reifer geworden“

„Ich bin durch die Arbeit in der Werkstatt wirklich reifer geworden. Man wächst irgendwie als Person“, hat sie und auch ihre Familie festgestellt. Der Umgang auf Augenhöhe durch die Betreuer und Kollegen hat Idil Karkar viel Selbstbewusstsein gegeben. „Ich wurde gleich wie selbstverständlich mit einbezogen“, berichtet sie und betont mit einem Lächeln, bevor sie wieder in die Werkstatt geht: „Der Umgang mit den Menschen hier macht mich sehr glücklich.“ Experiment gelungen.

Das Lebenshilfewerk sucht noch FSJ-ler. Weitere Informationen unter lebenshilfewerk.net

Freiwilliges Soziales Jahr

Das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ) ist ein Freiwilligendienst in sozialen Bereichen. Er wird in Deutschland für Jugendliche und junge Erwachsene angeboten, die die Vollzeitschulpflicht bereits erfüllt haben und noch nicht das 27. Lebensjahr vollendet haben, also ihren 27. Geburtstag noch nicht gefeiert haben.

Die finanzielle Vergütung wird oft als „Taschengeld“ bezeichnet. Zu diesem Verdienst kommen Verpflegung, Unterkunft und eine Fahrtkostenerstattung hinzu. Die Höhe des Taschengeldes ist von Träger zu Träger unterschiedlich. Falls Unterkunft und Verpflegung nicht gestellt werden, wird beides finanziell vergütet. Bestimmte Einsatzstellen, etwa Kindergärten, sind nicht verpflichtet, eine Unterkunft zu bieten. Folglich müssen sie auch keine Abgeltung zahlen.

Die Einsatzstellen sind sehr vielfältig – weitere Infos dazu und zum FSJ gibt es unter bundes-freiwilligendienst.de.

von Katja Peters