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Hinterland Sommer-Attacke auf Kleinsäuger
Landkreis Hinterland Sommer-Attacke auf Kleinsäuger
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09:58 12.07.2019
Gesunde Kaninchen dulden auf keinen Fall den Anflug von Schmeißfliegen und die ­Eiablage. Fettleibigkeit durch Fehl- und Überernährung führt dazu, dass die Tiere nicht mehr in der Lage sind, sich im Anogenitalbereich sauber zu halten. Das Gleiche gilt für Kaninchen mit starken Zahnfehlstellungen.  Quelle: Nadine Weigel
Gladenbach

Vom manchmal schaurigen Krankheitsbild, das Maden vorwiegend an Kaninchen hinterlassen, können Tierärzte ein Lied singen, so auch Dr. Corinna Heidrich. Sie ist mit ihrem „Tierarzt-Mobil“, einem umgebauten Rettungswagen, vorwiegend im Raum Lohra-Gladenbach – Bad Endbach unterwegs und unterhält in Gladenbach eine Kleintierpraxis.

„Besonders während warmen Wetterperioden ist die Gefahr für Madenbefall auch bei optimal gehaltenen Kaninchen erhöht“, erklärt sie. Diese ernstzunehmende, parasitäre Erkrankung mit oft tödlichem Ausgang, sei aber vermeidbar, betont die Tierärztin.
Grundsätzlich sind nach ihren Worten alle Tiere prozentual höher gefährdet, die in Außenstallhaltung und in Freigehegen leben, als Tiere­ in reiner Zimmerhaltung.

Gehege- und Stallhygiene sei wichtig, jedoch nicht der einzige Faktor, sagt sie und erklärt: „Fliegen werden von Kot und Urin angelockt. Auch kotverklebtes, urinbenetztes oder auch verfilztes Fell bieten für die Fliegenmaden gute Entwicklungsbedingungen.“ Und auch offene Wunden oder Entzündungssekret, wie es bei stark übergewichtigen Tieren in den Hautfalten vorkommen könne, hätten eine hohe Anziehungskraft auf Fliegen und deren Maden.

So angelockte Fliegen legen ihre Eier in feuchte Umgebung, schon existierende Wunden oder die verschmutzte Anogenitalregion des Kaninchens, weshalb die Maden von Laien oft mit Würmern verwechselt werden. „Unter günstigen Bedingungen entwickeln sich die ­Eier innerhalb weniger Stunden zu Maden, die sich dann durch die Haut des Tieres fressen“, beschreibt Dr. Heidrich.

Die Fraßgänge der Maden verursachen Entzündungen. Anschließend fressen sich die Maden in die oberflächliche und tiefe Muskulatur und die Bauchhöhle vor. Sind sie dort eingedrungen, werden auch die Organe von den Parasiten nicht verschont.

Manche knirschen vor Schmerzen mit den Zähnen

„Zu diesem Zeitpunkt ist das Kaninchen meist bereits sehr stark geschwächt“, sagt die Tierärztin.
Von Maden befallene Kaninchen zeigten unterschiedliche und meist unspezifische Symptome: Neben zunächst auftretender Apathie und schlechter Nahrungsaufnahme auch Bewegungsunlust. Vor Schmerzen knirschen manche Tiere mit den Zähnen, auch sei ein stärkerer Putzdrang, meist in der hinteren Körperhälfte, zu beobachten, weiß Dr. Heidrich.

Sollten Kaninchen von Maden befallen sein oder es bestehe auch nur der Verdacht, „dann müssten die Tiere dringend weiter untersucht werden“. Da Fliegenmaden sehr schnell in das Gewebe und auch in die Körperhöhlen eindringen, sei Zeit ein wichtiger Faktor und es müsse bereits bei Sichtung einer einzelnen Made sofort gehandelt werden, mahnt sie.

Bei leichtem Befall und ohne Eindringen in die Haut sei das Absammeln der Maden möglich. Das erfolge in der Regel unter Narkose. Finde man Fraßgänge in die Haut, müssten diese kontrolliert und auch hier die Maden vollständig entfernt werden. Sie gibt aber zu Bedenken, dass dies zeitaufwändig sei.

Tiere müssen täglich kontrolliert werden


Das Tier müsse dann täglich kontrolliert sowie unter Schmerzmittel- und Antibiotika-Einsatz weiter therapiert werden. Die Tierärztin schränkt ein: „Auch die beste Versorgung ist keine Garantie für das Überleben des Tieres, da sich der Zustand durch Folgeinfektionen soweit verschlechtern kann, dass ein Weiterleben nicht tierschutzgerecht ist und trotz zeitlichem und finanziellem Aufwand das Tier nicht zu retten ist.“
Trete der schlimmste Fall ein und es würden auch Madengänge bis in die Bauch- oder Brusthöhle gefunden, sei das Tier rettungslos verloren und sollte sofort von seinen Leiden befreit werden, sagt sie.

Da Fliegenmaden unter günstigen Bedingungen bereits nach 24 Stunden großen Schaden angerichtet haben können, empfiehlt sie die tägliche Kontrolle aller Tiere nach Fliegeneiern oder -maden. Besonderes Augenmerk sollte dabei auf die Analregion gerichtet werden. „Finden sich hier Kotverklebungen oder feuchte Stellen, so sollte das Tier dort gründlich gereinigt und anschließend vollkommen abgetrocknet werden“, rät die Tierärztin.

Einstreu sollte man ­täglich wechseln und ­Futterreste entfernen. Und sie gibt einen ­weiteren Tipp: Schmeißfliegen könne das Eindringen in die ­Käfige erschwert werden, indem die normalen Drähte mit Fliegen- oder Moskitonetzen überspannt würden. Und gerade jetzt wichtig: Wer ohne seinen Vierbeiner in Urlaub fährt, sollte den Tiersitter unbedingt über die nötige tägliche Kontrolle informieren.

von Hartmut Berge