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Hinterland Familie findet Zuflucht in Mornshausen
Landkreis Hinterland Familie findet Zuflucht in Mornshausen
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17:47 16.03.2022
Elena (Fünfte von links) ist mit ihren fünf Kindern am Freitagabend in Mornshausen angekommen. Zusammen mit einer weiteren Familie wird sie in der umgestalteten Pastorenwohnung im Gemeindehaus der Chrischona-Gemeinde leben. Bürgermeister Peter Kremer (von links) und Pastor Stefan Bieber begrüßten die Familie.
Elena (Fünfte von links) ist mit ihren fünf Kindern am Freitagabend in Mornshausen angekommen. Zusammen mit einer weiteren Familie wird sie in der umgestalteten Pastorenwohnung im Gemeindehaus der Chrischona-Gemeinde leben. Bürgermeister Peter Kremer (von links) und Pastor Stefan Bieber begrüßten die Familie. Quelle: Sascha Valentin
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Mornshausen/S

„Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen“ – dass die Jahreslosung 2022 aus dem Johannes-Evangelium einmal so aktuell sein würde, damit hätte Pastor Stefan Bieber von der evangelischen Chrischona-Gemeinde Mornshausen nicht gerechnet, wie er selbst zugibt. Mit der Aufnahme zweier Familien aus der Ukraine ist aus der Losung Realität geworden. Elena, eine Rechtsanwältin aus Odessa, ist mit ihren fünf Kindern in Mornshausen angekommen – nach fünf Tagen Flucht im Auto durch Moldawien und Rumänien.

Zuerst wollten die Russen, die die Hafenstadt umzingelt haben, sie nicht gehen lassen, erzählt Elena. Erst als sie an die Scheiben und Seiten ihres Wagens das ukrainische Wort für „Kinder“ geschrieben hatten, durften sie passieren. „Andere hatten nicht so viel Glück. Auf sie wurde geschossen“, berichtet Elena.

Fünf Tage lang war sie in einem Konvoi unterwegs, den Hilfskräfte aus dem Westen organisiert hatten, ohne eine Ahnung zu haben, wohin sie fahren würden. Wichtig war ihr nur, ihre Kinder in Sicherheit zu bringen – auch wenn das hieß, ihren Mann zurücklassen zu müssen.

Er versucht, sie jeden Tag anzurufen, um ihr zu zeigen, dass er noch lebt, und um von den Entwicklungen in ihrer Heimat zu berichten. „Als er das letzte Mal angerufen hat, hat er gesagt, der Krieg nimmt immer mehr zu“, sagt Elena. Anfangs seien die russischen Soldaten noch lockerer und freundlicher gewesen – mittlerweile seien sie jedoch spürbar aggressiver und strenger.

Zu Beginn des Krieges seien auch nur militärische Ziele beschossen worden, nun leider auch zivile. Auch aus ihrer eigenen Familie sei vor weniger Tagen ein Mitglied erschossen worden, erzählt sie und fährt fort: „Vieles, was dort passiert, wird im Fernsehen gar nicht gezeigt.“ Hochschwangere, die unter vorgehaltenen Maschinengewehren der russischen Besatzer ihre Kinder gebären müssten, russische Marodeure, die das Eigentum der Familien plünderten, und Zivilisten, auf die geschossen werde. „Die Menschen müssen sich in den Dörfern verstecken, weil sie in den Städten beschossen werden“, beschreibt Elena die verzweifelte Lage.

Dolmetscherin flüchtete 2014

Dass die bald enden könnte, daran glaubt sie nicht. Putin werde den Krieg nicht beenden, bevor er die Ukraine nicht unterworfen habe, ist sie sich sicher – egal, ob das noch Wochen oder gar Monate dauere. Dabei werde es schon jetzt mindestens zehn Jahre dauern, das Land und seine zerstörte Infrastruktur wieder aufzubauen.

Dass sie und ihre Kinder in Mornshausen eine Übergangsbleibe gefunden haben, erleichtert Elena – auch wenn ihre Gedanken weiterhin bei ihrem Mann und den Menschen in ihrer Heimat sind. „Sie haben hier alle ein so großes Herz – damit hatte ich nicht gerechnet“, dankt sie den Mitgliedern der Gemeinde, die sie aufgenommen haben. Sie habe erwartet, in Unterkünften mit Hunderten Menschen untergebracht zu werden, sagt Elena.

Stattdessen hatte die Chrischona-Gemeinde ihre Pastorenwohnung und den Jugendraum mit insgesamt 200 Quadratmetern Wohnfläche als Unterkunft zur Verfügung gestellt und diese liebevoll eingerichtet. „Da haben die Leute wirklich an Kleinigkeiten gedacht“, sagt Stefan Bieber erfreut über die Initiative der Helfer aus seiner Gemeinde. Die Zimmer seien mit vielen Farben und Spielzeug vor allem kindgerecht eingerichtet worden und an der Tür sei die Familie mit einem Willkommensgruß auf Ukrainisch empfangen worden. Das habe nach der über 3 500 Kilometer langen Flucht durch Europa sicherlich das Ankommen ein wenig erleichtert und sorge auch für ein wenig Ablenkung, so weit das möglich sei.

Auch ansonsten kümmerten sich die Mitglieder der Gemeinde liebevoll um ihre Gäste und versuchten, ihnen alles zu zeigen und für sie da zu sein. Ein Glücksfall ist dabei Elina Bashirian, die als Dolmetscherin einspringt. Sie ist 2014 selbst aus einem Krisengebiet nach Gladenbach geflohen und will die Hilfsbereitschaft, die ihr damals zuteilwurde, nun an die Menschen aus der Ukraine weitergeben, die auf der Suche nach Schutz hierher kommen.

Bashirian hat auch den Transport der zweiten Familie mit einer Mutter, deren beiden erwachsenen Töchter und zwei Enkelkindern organisiert, die in Gladenbach angekommen sind. Bei ihnen hatte sich die Flucht verzögert, weil die beiden jungen Frauen währenddessen ihre Kinder zur Welt gebracht haben. Sie werden zusammen mit Elena und ihren Kindern in die Pastorenwohnung einziehen.

Von Sascha Valentin