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Hinterland Niedrigzinsen strecken Stiftung nieder
Landkreis Hinterland Niedrigzinsen strecken Stiftung nieder
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00:17 01.04.2019
Hinter den Mitgliedern des Vorstandes der Gladenbacher „Familie-Schneider-Stiftung“ stehen die Vertreter der durch die Auflösung begünstigten Gemeinde Bad Endbach und Stadt Gladenbach sowie die Vereinsvertreter. Stiftungsgründer Rudolf H. Schneider ist in der vorderen Reihe als Dritter von rechts zu sehen. Quelle: Gianfranco Fain
Gladenbach

Im Hotel Schlossgarten vollzog sich am Donnerstagabend ein seltenes Ereignis. Die von Rudolf H. Schneider im Jahr 1987 ins Leben gerufene und im folgenden Jahr vom Regierungspräsidium (RP) in Gießen anerkannte Familie-Schneider-Stiftung besiegelte ihre Auflösung.

Als Grund verkündete Liquidator Michael Schneider das anhaltende Null-Zins-Niveau, aufgrund dessen es keine gemäß dem Stiftungszweck vorgesehenen Ausschüttungen an Sportler oder Vereine geben kann.

In den Genuss der Zuwendungen kamen seit 1989 zum Beispiel die Turnerin Agata Gierut und die E-Jugend des SV Rot-Weiß Hartenrod als erste Preisempfänger, später beispielsweise Bogenschütze Thilo Koch, Leichtathletin Stefanie Sommer die Nachwuchsschachspieler des SC Königsspringer Gladenbach oder die Schwimmerin Annika Gruber aus Hartenrod.

Stiftungen

Das Regierungspräsidium Gießen betreut 337 Stiftungen. Diese stellen ein Kapital von rund 2,5 Milliarden Euro zur Verfügung, wobei die Vermögensausstattung der Stiftungen von weniger als 10.000 bis zu mehreren 100 Million Euro reicht. Im Jahr 2002 waren noch 151 Stiftungen beim RP registriert. In jenem Jahr löste eine Änderung im Steuerrecht einen Gründungsboom aus. 22 neue Stiftungen entstanden, ein Wert, den nur noch 29 Neuanmeldungen im Jahr 2011 übertrafen. Der langjährige Gründungsdurchschnitt liegt bei etwa 10 Stiftungen.

Im Landkreis Marburg-Biedenkopf hatten im Jahr 2004 64 Stiftungen ihren Sitz, heute sind es 103. Die älteste ist die 1419 gegründete­ Stiftung „Hospital zu Biedenkopf“, die die öffentliche Armenpflege zu unterstützen und zu ergänzen hat. In Gladenbach sind 7 Stiftungen ansässig oder tätig: Dr. Leinweber-Stiftung, Walter-Reschny-Stiftung, Karl-Lenz-Stiftung, Erwin-Ney-Stiftung (Stiftungssitz: Lohra), Gisela-Pitzer-Stiftung (Stiftungssitz: Bottenhorn), Sieglinde Welker-Stiftung (Stiftungssitz: Gießen), Georg Ludwig Hartig Stiftung (Stiftungssitz: Wiesbaden).

Die Stiftungszwecke sind überwiegend gemeinnütziger Art, unterstützen die Jugendarbeit von Sportvereinen, das Ehrenamt, künstlerische, medizinische oder wissenschaftliche Zwecke. Stiftungen können auch aufgelöst werden, in fünf Jahren ist dies sechs Mal geschehen. Gründe für eine Auflösung können der Wegfall des Stiftungszwecks sein oder, wie jetzt bei der Schneider-Stiftung, die ausbleibenden Erträge. Für den Fall der Auflösung ist bei der Gründung festzulegen, was mit dem Kapital geschehen soll.

Quelle: RP/OP     

Die Idee seines Vaters war, Sportler zu fördern sowie „Stiften, um anzustiften“, erklärte Michael Schneider. Beide Ziele­ habe der Gründer erreicht, bemerkte der Sohn mit einem Blick auf die Stiftungsliste der Stadt Gladenbach.

Sport habe ihn sein ganzes Leben lang begleitet, erklärte Rudolf H. Schneider. Er kenne die Mühen, die ein Sportler auf sich nehme und auch die der ehrenamtlichen Betreuer und Helfer.

Deshalb zielte der gebürtige Bottenhorner mittels der Stiftung darauf ab, eine kleine Hilfestellung zu geben. Dies sei angesichts der Zinspolitik nicht mehr möglich.

Da auch andere Lösungen, wie die Anlage des Geldes in Vermietungsobjekte, das Risiko ausbleibender Zahlungen hätten, sehe er die Auflösung der Stiftung mit einem weinenden Auge. Aber er sei ­sicher, so Rudolf H. Schneider, „dass die Vereine das Geld gut für ihre Jugendarbeit gebrauchen können.“

Zuletzt hatten die Verantwortlichen die seit der Gründung der Stiftung erfolgte jährliche Ausschüttung schon auf einen zweijährigen Rhythmus gestreckt. Doch angesichts der Aussicht auf weiterhin nahe null bleibende Zinssätze, beschloss der Vorstand im vergangenen Jahr, die Stiftung aufzulösen. Dem ­Antrag stimmte das RP ­Anfang Januar zu.

Somit war gemäß der Satzung das Stiftungsvermögen, das vom 10.000-DM-Startbetrag durch Zustiftungen auf rund 21.000 Euro anwuchs, je zur Hälfte an die Stadt Gladenbach und die Gemeinde Bad Endbach zu verteilen.

Michaelo Walter: Das Geld ist gut angelegt

Zuvor ließe sich die Stiftung die Zusicherung geben, dass diese das Geld direkt an die Vereine GSC und TV Gladenbach sowie dem SSV „Auf der Heide“ Bottenhorn und dem TV Hartenrod weiterleiten.

Die Vertreter der Kommunen dankten für die jahrelange Unterstützung der Amateursportler, ebenso die Vertreter der nun bedachten Vereine, wobei Holger Florschütz vom GSC und Michaelo Walter vom TV Gladenbach die Gelegenheit nutzten, um auf ihren Konflikt mit der Stadt um die Verrechnung eines Zuschusses mit nicht ­erfolgten Bauhofleistungen.

Das Geld der Stiftung sei gut angelegt, sagte Michaelo Walter. Und: Die Tätigkeit der Stiftung bilde einen wohltuenden Kontrapunkt zu den aktuellen Gesprächen mit Politikern der Stadt.

von Gianfranco Fain