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Hinterland Ermagans zeigen Emotionen im Gericht
Landkreis Hinterland Ermagans zeigen Emotionen im Gericht
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10:56 18.02.2020
Familie Ermagan wird von einem Kamerateam interviewt.  Quelle: Silke Pfeifer-Sternke
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Biedenkopf

Als das Käufer-Ehepaar Süheyla und Habib ­Ermagan aus Schlierbach als Zeugen aussagten, war dem Ehemann die Aufregung anzu­merken und die Ehefrau brach gleich zu Beginn ihrer Vernehmung in Tränen aus. Das Ehepaar aus Schlierbach sitzt durch den Kauf des Grundstücks in Wommelshausen-Hütte auf einem Schuldenberg von 100.000 Euro. Sie wollen nur eines: Das Grundstück los werden.

Die Staatsanwaltschaft wirft der 67-jährigen Verkäuferin vor, Familie Ermagan betrogen zu haben. Das Gericht könnte nach der Beweisaufnahme aufgrund des hohen Schulden­berges der vierköpfigen Familie von einem besonders schweren Betrugsfall ausgehen.

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Die Angeklagte blieb nach diesem richterlichen Hinweis gefasst und berichtete von dem „tollen Grundstück“, das sie auf Anraten ihres Ex-Freundes ­gekauft hat. Und sie ­berichtete von häuslicher Gewalt in der Trennungsphase des Paares. Sie und ihr Ex-Freund haben ihr Heim in Eigenleistung ­errichtet. Nach der Trennung wollte er ­eigentlich was ab haben vom Kuchen. Es sei richtig hässlich geworden zwischen ihnen, sagte die Angeklagte.

Auffangbecken als Schwimmbad "verkauft"

Die 67-Jährige bestritt, dass bekannt gewesen sei, dass das Grundstück mit Altlasten kontaminiert ist. Sie wusste allerdings schon, dass dort ein Baustoffhandel gewesen ist und später die Firma Fischbach diesen noch um einen Ölhandel erweitert hat. Öltanks, die sich dort ­befunden haben, seien von den vorherigen Eigentümern fachgerecht entsorgt worden. Was noch auf die 20.000 und 30.000 Liter fassenden beiden Öltanks hinwies, das gemauerte Auffangbecken, hatte die Angeklagte Familie Ermagan als Schwimmbad „verkauft“.

Auf eine ölhaltige Flüssigkeit sind Bauarbeiter bei Kanalanschlussarbeiten gestoßen. Die Umweltbehörde wurde eingeschaltet, die Kriminalpolizei Mittelhessen ermittelte. Der zuständige Beamte sagte aus, dass 2017 ein Strafverfahren eingeleitet worden sei, weil bei Aushubarbeiten Abfälle wie Metalle, Teppiche, Schuhe und Eternitplatten gefunden worden seien. Eternitplatten seien als Verschalung einer Mauer genutzt worden, statt sie zu entsorgen.

Der Ex-Freund der Angeklagten bestätigte, die Eternitplatten in dem Mauerwerk verarbeitet zu haben – die Angeklagte habe davon gewusst. Und wo man besser auf dem Grundstück nicht buddeln sollte, hätten beide ebenfalls gewusst. Bei Bauarbeiten zu einer Einfahrt sei er schließlich mit einem Bagger in einem Teerbecken versunken. „Monatelang war der Dreck auf dem Grundstück“, sagte er. Er habe ein tiefes Loch gegraben, Schlacke hinein geschoben, Beton drüber gemacht und dann gepflastert. Überhaupt: Die Altlasten hätten ihn nicht gestört. 

Als er aber erfahren habe, dass seine Ex-Freundin das Grundstück an Familie Ermagan verkauft hat, habe er sie aufgesucht und ihnen von den Belastungen auf dem Grundstück erzählt. „Weil der Dreck rauskommt“, sagte er. Er sei mit Ermagans dort gewesen und habe Markierungen eingezeichnet, wo sie bei Bohrungen fündig werden. So war es dann auch. Habib Ermagan hat Fotos gemacht und dem Gericht vorgelegt. Am zweiten Verhandlungstag soll eine Nachbarin aussagen, die das 3.000 Quadratmeter große Grundstück an die Angeklagte verkauft hat. Das Gericht erhofft sich Klarheit darüber, ob die Angeklagte von der Kontaminierung des Grundstücks wusste.

von Silke Pfeifer-Sternke

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