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Hinterland Familie kämpft weiter um ihr Recht
Landkreis Hinterland Familie kämpft weiter um ihr Recht
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08:58 15.08.2021
Vom Traum zum Albtraum: Die Geschichte des mit Altlasten verseuchten Grundstücks füllt inzwischen viele Ordner und Dateien. Habib Ermagan, seine Frau Süheyla und die Kinder Elisabeth und Jonathan leiden unter der Ungewissheit.
Vom Traum zum Albtraum: Die Geschichte des mit Altlasten verseuchten Grundstücks füllt inzwischen viele Ordner und Dateien. Habib Ermagan, seine Frau Süheyla und die Kinder Elisabeth und Jonathan leiden unter der Ungewissheit. Quelle: Fotos: Regina Tauer
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Bad Endbach

„Eines Tages aufwachen und wissen, dieses Grundstück gehört uns nicht mehr.“ Das ist der größte Wunsch der Familie Ermagan. Denn der Ort in Bad Endbach, auf dem der Traum vom Eigenheim im Grünen wahr werden sollte, hat Habib Ermagan, seiner Frau Süheyla und den beiden Kindern Elisabeth und Jonathan kein Glück gebracht.

Die Schlierbacher Familie hatte im Dezember 2014 ein Grundstück im Ortsteil Hütte gekauft. Was sich unter der Wiese verbarg – Altlasten wie Teer, Asbest und Öl – davon hatten die Ermagans keine Ahnung, und niemand bei der Gemeinde Bad Endbach hatte sie über die frühere gewerbliche Nutzung dort informiert. Als sie auf die Vorgeschichte stießen, war der Kaufvertrag für das 1 500 Quadratmeter große Grundstück längst unterschrieben. Die Vorbesitzerin, die nebenan wohnt, weigerte sich, den Kauf rückgängig zu machen, berichtet Habib Ermagan.

Der Fall, der über Hessen hinaus mediale Aufmerksamkeit erregt, beschäftigt seit Ende 2018 die Justiz. Ein Ende ist nicht in Sicht. Ein Urteil erging im März 2020 im Strafprozess vor dem Biedenkopfer Amtsgericht: Die Grundstücksverkäuferin habe sich eines schweren Betrugs schuldig gemacht, lautete die Entscheidung des Gerichts.

Doch die Anwältin der Beschuldigten legte erfolgreich Berufung ein. Ein Termin für das Verfahren vor dem Marburger Landgericht ist noch nicht festgesetzt, ergibt eine Presse-Nachfrage beim Landgericht. Ende 2020 entschied das nun zuständige Gericht, dass neue Gutachten zur Bodenbelastung notwendig seien. Doch vergeben seien diese Aufträge bis heute nicht, wundert sich Habib Ermagan.

Schneller schien es zunächst im Zivilverfahren um die Rückabwicklung des Kaufvertrags und Schadenersatz zu gehen. Im Juni war der erste Termin am Amtsgericht Marburg angesetzt. Aufgrund einer Erkrankung der Anwältin der Grundstücksverkäuferin wurde die Verhandlung auf Anfang Juli verschoben. Dann kam der Impftermin der Richterin dazwischen. Familie Ermagan harrte weiter geduldig aus, zumal für den 9. August der nächste Termin für den Prozess in Reichweite war.

Doch wenige Tage davor erhielten sie die Absage, mit der Begründung, die Beklagte sei erkrankt. Jetzt ist der Verhandlungsbeginn für Mitte September vorgesehen. 14 Tage hatte sich Habib Ermagan Urlaub genommen, aber anstelle mit Frau und Kindern in Ferien fahren zu können, bereitete sich das Ehepaar auf das vermeintlich bevorstehende Gerichtsverfahren vor. Zeit, um im Urlaub neue Kraft zu tanken, gab es nicht. Dabei bräuchten die Ermagans diese dringend.

„Das zerreißt einem die Nerven“, beschreibt der 41-jährige Familienvater die Erfahrungen der letzten Jahre. Seine Frau will, dass „dieser Albtraum endlich zu Ende ist“. Ohne die Hilfe von Familie und Verwandtschaft hätten sie all dies nicht durchgestanden, beschreibt sie ihre Lage. Die 41-Jährige freut sich über Anteilnahme und Ermutigung durch Nachbarn und andere Bad Endbacher Bürger.

„In meiner Klasse verstehen sie nicht, warum man so etwas machen darf“, sagt Tochter Elisabeth (15). Acht Jahre alt war sie, als ihre Eltern das Grundstück kauften, ihr Bruder war fünf. Das Haus haben die Geschwister in kindlicher Vorfreude damals in bunten Farben gemalt, Bilder, die heute traurig machen. „Wir haben einen Garten mit Sandkasten geplant, mit einer Schaukel. Wir dachten, wir schaffen ein Paradies im Grünen für unsere Kinder“, sagt ihre Mutter mit Tränen in den Augen. Jetzt brauchten ihre heranwachsenden Kinder keinen Spielplatz mehr. „Wir konnten die Kindheit unserer Kinder nicht genießen.“

Der Kummer mit dem Altlastengrundstück war ein ständiger Begleiter im Alltag. Anfangs hätten sie versucht, die Sorgen vor den Kindern zu verbergen, doch dies ließ sich nicht lange durchhalten. „Die kriegen das 1:1 mit“, bedauert Habib Ermagan. Es gibt Zeiten, da ziehen sich Tochter und Sohn in ihre Zimmer zurück. „Lasst uns damit in Ruhe“, heißt es dann. „Wir haben die Nase voll von diesem Grundstück“, sagen Elisabeth und Jonathan. Schon für die Erwachsenen sind die sieben Jahre, die diese Geschichte nun schon andauert, eine lange Zeit. „Für die Kinder sind sie eine kleine Ewigkeit“, hat ihre Mutter Verständnis.

„Wir reden über die Probleme, dann raffen wir uns auf und dann geht es wieder weiter.“ Und bei allem Frust – ihre Tochter findet, dass sie „tolle Eltern“ habe, auf die sie stolz sein können. „Wir müssen das jetzt durchziehen und durchstehen“, sagt Habib Ermagan. Zu viel hängt daran. Und die Kinder sollen diese Sorgen nicht erben.

Auf 105 000 Euro beziffert er die Summe, die das Altlastengrundstück bislang verschlungen hat, rund die Hälfte ging für den Grund und Boden drauf. Viel Geld verschlang bis jetzt die Entsorgung von Altlasten. Dazu kamen Anwalts- und Gerichtskosten. „Unser Ziel ist, dass wir das Geld für den Kauf zurückbekommen und wenigstens einen großen Teil der Kosten, die im Lauf der Jahre dazugekommen sind“, sagt Ermagan.

Auf dem Grundstück zu bauen kann sich die Familie nicht mehr vorstellen. Nicht nur weil eine vollständige Sanierung womöglich Hunderttausende Euro kosten könnte. „Wir haben beim Regierungspräsidium die Auskunft bekommen, dass allein ein Kubikmeter belastete Erde zwischen 600 und 800 Euro kostet“, sagt Ermagan.

Schwerer wiegt das Leid, das mit dem Grundstück seit Jahren verbunden ist. „Ich könnte mir nicht mehr vorstellen, hier zu wohnen“, sagt seine Frau. Sie erinnert sich genau an jede Stelle, wo sie Müll und gesundheitsgefährdenden Unrat „ohne Handschuhe und Mundschutz“ weggeräumt hatten. Der Familie fällt es schwer, das Grundstück zu betreten. „Wir vermeiden das. Jedes Mal fließen wieder die Tränen“, schildert Süheyla Ermagan ihre Gefühle.

„Wir hatten so viel Hoffnung, dass uns dieses Verfahren einen großen Schritt weiterbringt“, sagt die 41-Jährige. Doch jetzt heißt es wieder abwarten und hoffen, dass es im September endlich vorangeht.

Bei all dem Ausharren und der Tiefschläge, das Jahr 2021 hielt auch etwas Gutes für Familie Ermagan bereit: Die überraschende Kündigung durch ihren Vermieter im Januar erwies sich als Glücksfall. Die Schlierbacher Familie fand wenige Meter weiter ein schönes neues Zuhause zur Miete. Ein Anruf aus München überraschte sie, als zu allen anderen Sorgen auch noch die Wohnungsfrage zum Problem wurde. Ein ganzes Haus mit Garten bewohnen sie nun seit Anfang Juni. Die Anteilnahme an ihrer Geschichte reicht also weit über Bad Endbach hinaus.

Von Regina Tauer

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