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Hinterland „Es war alles für’n Arsch“
Landkreis Hinterland „Es war alles für’n Arsch“
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07:59 23.11.2021
Ex-Feldjäger Martin Hof während seines Afghanistan-Einsatzes.
Ex-Feldjäger Martin Hof während seines Afghanistan-Einsatzes. Quelle: Privatfoto
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Mornshausen

Als sich vor wenigen Monaten die Lage an Kabuls Flughafen zuspitzte und sich verzweifelte Menschen an startende Flugzeuge klammerten, saß Martin Hof fassungslos vor dem Fernseher. „Ich konnte einfach nicht glauben, was ich da sehe“, sagt der 50-Jährige und blickt auf die herbstlich goldenen Blätter des Waldes.

Mehr als 300 Tage war Martin Hof selbst in Afghanistan im Einsatz. Als Scharfschütze bei den Feldjägern, Präzisionsschütze, um genau zu sein. Von ihnen gibt es nur eine Handvoll bei der Bundeswehr. Seine Ausbildung dauerte Jahre. Angefangen beim Panzerbataillon in Stadtallendorf, war er 1999 und 2001 im Kosovo stationiert.

Danach folgte der Wechsel zu den Feldjägern und die hochspezialisierte Ausbildung zum Präzisionsschützen. „Da muss man ein stabiles Gemüt haben, weil man sehr viel Eigenverantwortung während eines Einsatzes hat“, erklärt der ehemalige Elitesoldat, der die Truppe im Mai 2020 verlassen hat.

Er hat viel erlebt während seiner Dienstzeit. Vieles liege im Argen in der Truppe. Vor allem die deutsche Bürokratie verhindere oft einen reibungslosen Ablauf. Es waren aber vor allem die zwei Einsätze in Afghanistan, die ihn geprägt haben. Der Hauptfeldwebel war PMT-Führer – also militärischer Führer des sogenannten „Police Mentoring Teams“, das die afghanische Polizei ausgebildet hat. Brenzlige Situationen waren an der Tagesordnung. „Wenn es am Fahrzeug klingelt, wird man schon leicht nervös“, sagt Martin Hof lachend und meint damit Kugeln, die in die gepanzerten Fahrzeuge einschlagen.

Heute betreibt der Familienvater den Stirnbachhof in Gladenbach-Mornshausen. Ein gestandener Kerl. Offen, sympathisch, nicht auf den Mund gefallen. Landwirt mit Leib und Seele. Die Arbeit auf dem Hof mit seinen gut 1 400 Hühnern und den dazugehörigen riesigen Herdenschutzhunden, die aussehen wie Knuddelbären, hat ihm immer gut getan als Ausgleich. „Da bleibt man klar im Kopf“, wie er sagt.

Das Engagement am Hindukusch war bislang der intensivste Auslandseinsatz der Bundeswehr. Er forderte seinen Preis: 59 deutsche Soldaten ließen in Afghanistan ihr Leben, 35 von ihnen fielen in Gefechten oder bei Anschlägen. Andere kehrten verwundet an Leib und Seele zurück.

„Das eine Mal war eine echt knappe Kiste“

Martin Hof hatte Glück. „Das eine Mal war eine echt knappe Kiste“, erinnert er sich an die Situation, als er als PMT-Führer einen Konvoi durch gefährliches Gebiet navigieren musste, oder wie Hof es nennt: das „Böse-Menschen-Gebiet“ in der Nähe des Observation Post North, des Außenposten der Bundeswehr im Rahmen der ISAF-Mission nördlich der afghanischen Provinz Baghlan.

Dort kam es zu einer Situation, in der ein Afghane eine Waffe auf ihn richtete und zeitgleich eine Panzerfaust auf sein Konvoi mit zwölf Fahrzeugen gerichtet war. „Im Bruchteil von Sekunden musste ich entscheiden, wie wir möglichst unbeschadet aus dieser Situation herauskommen.“ Hof blieb ruhig, konnte die äußerst heikle Situation deeskalieren, die Beinahe-Katastrophe blieb aus. „Das hat mich lange beschäftigt“, gibt er zu.

Nachhaltig belastet habe es ihn glücklicherweise nicht. Anders als viele seiner Kameraden, die unter posttraumatischen Belastungsstörungen leiden und Probleme in der Bewältigung ihres Alltags haben, kann Martin Hof heute ein ganz normales Leben führen. Die Arbeit in der Landwirtschaft auf dem Hühnerhof, der Eier aus artgerechter Haltung zu regionalen Anbietern liefert, hat viel dazu beigetragen, dass der 50-Jährige psychisch stabil geblieben ist.

Doch die Gefühle, die er heute hat, nachdem die Bundeswehr zusammen mit den anderen Einsatzkräften der Nato Afghanistan verlassen hat, beschäftigen ihn. „Es war alles für’n Arsch“, bringt es Martin Hof mit deutlichen Worten auf den Punkt. Er, der wie so viele andere sein Leben in Afghanistan riskierte, kann über den chaotischen Truppenabzug nur verzweifelt lachen. „Dann sagen die, dass die Nachrichtendienste nicht gewusst hätten, dass die Taliban das Land wieder so schnell einnehmen. Das ist doch lächerlich, das hätte ich denen schon vor zehn Jahren sagen können, dass das genau so passiert“, kritisiert der ehemalige Elitesoldat.

„Das war doch total klar, dass es so kommt“

Weder die afghanische Polizei noch die afghanische Armee hätten die Befähigung geschweige denn die Motivation, das Vakuum auszufüllen, das bei so einem überstürzten Abzug entstehe. „Das machen dann eben die Taliban und das war doch total klar, dass es so kommt“, sagt Martin Hof und erntet ein zustimmendes Nicken seiner Frau. Kerstin Eckhardt musste viel aushalten während der Zeit, in der ihr Mann in Afghanistan diente. Die ständige Angst um sein Wohlbefinden war der tägliche Begleiter der Krankenschwester.

Sie ist enttäuscht vom Verhalten der Bundesregierung. „Mir tun vor allem auch die Ortskräfte unheimlich leid, die nicht aus dem Land geholt werden konnten“, betont sie und erinnert an die vielen Dolmetscher, die jahrelang für die Bundeswehr gearbeitet haben und die nun um ihr Leben fürchten müssen, weil sie von der westlichen Welt im Stich gelassen wurden.

Auch die Tatsache, dass seit der Machtergreifung der Taliban und dem Abzug der letzten amerikanischen Streitkräfte das Thema Afghanistan völlig aus dem Blickwinkel der medialen Öffentlichkeit verschwunden ist, macht sie traurig. „Jahrelang wurden Mädchenschulen aufgebaut und nun dürfen Frauen und Mädchen nicht mal mehr auf die Straße, das ist schon bitter“, sagt sie.

Für das Ehepaar aus Mornshausen ist der Nato-Einsatz in Afghanistan kläglich gescheitert. „Wir hatten ja schon viele Verluste, aber wenn man die mehr als 2 000 gefallenen Soldatinnen und Soldaten der US-Armee betrachtet, dann stellt man wirklich alles infrage, was man dort getan hat“, sagt Martin Hof. Er hat die Hoffnung für Afghanistan aufgegeben. „Ich glaube nicht, dass ich es noch erleben werde, dass in diesem Land Frieden oder so etwas wie Demokratie einkehrt.“ Nicht nur für ihn eine niederschmetternde Erkenntnis.

Von Nadine Weigel

21.11.2021
20.11.2021